Für Tugce Albayrak. Und für alle anderen Opfer des eigenen Bürgermutes. #Tugce #Zivilcourage

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Innerhalb eines Fragebogen-Interviews bin ich vor einiger Zeit gefragt worden, unter welchen Umständen ich bereit wäre, einem anderen Menschen in Not zu helfen. Die Frage zielte ab auf das aus traurigen Gründen zurzeit sehr aktuelle Thema “Zivilcourage”.

Die Frage nach den Umständen, unter denen ich bereit wäre zu helfen, setzt voraus, dass ich ein klares Bild davon vor Augen habe. Dass diese Art der Nächstenhilfe und Nächstenliebe eine Frage des Verstandes, der Überlegung und der Abwägung ist.
In der Theorie macht es wohl Sinn, über mögliche Schritte nachzudenken, die man in einer Notsituation – möglichst der Reihe folgend – “abarbeiten” soll.
Wer zum Beispiel als Erster an einen Unfallort gelangt, der ist gut beraten, nicht in Panik zu verfallen. Es gibt Erste-Hilfe-Kurse, die man absolvieren kann. Oder man liest sich schlau und ist dann (theoretisch) gerüstet für den Fall der Fälle, von dem man sich und anderen wünscht, er möge sich nicht einstellen. (Siehe auch die Aktion “Tu was” der Polizei. Hier wird u.a. auch auf die Bürgerpflicht verwiesen, die uns gesetzlich abverlangt, bei einer Straftat im Rahmen unserer Möglichkeiten einzugreifen.)

In der Praxis aber halte ich zivile Courage für eine alleinige Entscheidung von Herz, Bauch und Instinkt. Man trifft sie im Bruchteil eines Augenblicks, in dem man sich entscheidet: Helfe ich? Helfe ich nicht?

Fängt man an darüber nachzudenken und abzuwägen, dann greift nach meinem Dafürhalten zuallererst der Selbsterhaltungstrieb. Die Angst also, selbst Schaden nehmen zu können. Der Verstand schaltet sich ein. Und im Zweifelsfall ist er, gemeinsam mit unserem Wunsch unversehrt zu bleiben, stärker als jedes Bedürfnis, sich für andere Menschen einsetzen zu wollen.

In Situationen, die ohnehin schon den Gedanken nahelegen, es könne etwas geschehen, sind wir vorbereitet. Und unter Spannung. In Augenblicken völliger Unbeschwertheit aber sind wir ganz und gar vom ersten Impuls abhängig, dem wir folgen oder nicht. So sehe ich das.

Und auch weil ich das so sehe, geht mir der Tod von Tugce Albayrak und der aller anderen Opfer der eigenen zivilen Courage so nahe. An Tugces Stelle könnte auch ich auf dem Asphalt eines Parkplatzes gestorben sein. Oder meine Schwester. Meine Eltern. Freunde. Bekannte. Nachbarn. Jeder andere Mensch, der seinem Gefühl für Gerechtigkeit, seinem Impuls, helfen und schlichten zu wollen, seinem Anspruch an sich selbst, menschlich handeln zu wollen, Folge leisten will.
Die junge Frau ist ein Opfer dafür, dass wir helfen, dass wir beistehen, dass wir im Zweifel uns selbst für einen Moment vergessen und uns andere wichtiger sind. Sie ist ein Opfer der Hoffnung die wir haben, dass jeder einzelne von uns zu einer besseren Welt beitragen kann.

Der völlig sinnlose Tod von Tugce wirft zwangsläufig die Frage auf:
Was hätte ich an ihrer Stelle getan?

Ich weiß, dass ich mich in all meinem Idealismus und meinem Glauben an das Gute auch eingemischt hätte. Ich weiß, dass es Situationen gab, in denen ich in einer ähnlichen Weise gefordert war. Auch hier hätte ich nicht zugesehen, wie Menschen von anderen bedrängt und bedroht werden. Und weil ich das weiß, hoffe ich von ganzem Herzen, dass auch künftig mein Verstand die letzte Stimme ist auf die ich hören werde, wenn die Frage lautet: Helfe ich? Oder helfe ich nicht?

Zivilcourage ist sozialer Mut. Sie ist keine Eigenschaft, die ein Mensch hat. Jeder kann sich in ihrem Sinne verhalten. Zivilcourage steht für sozial verantwortliches Handeln. Sie ist immer dann gefragt, wenn Menschenwürde, Menschenrechte und Gerechtigkeit oder die physische oder psychische Integrität eines anderen Menschen verletzt werden.
Zivilcourage birgt nicht zwingend Gefahr für das eigene Leben.
Sie setzt schlicht voraus, dass wir uns in einem Moment, in dem unsere Hilfe gebraucht wird, für andere Menschen einsetzen.

Tugce Albayrak und allen anderen Opfern ziviler Courage wünsche ich von ganzem Herzen, dass ihr Bürgermut zum Zeichen für viele, viele andere Menschen wird, hinzusehen. Und zu helfen.

Baum

Für Tugce Albayrak. Und für alle anderen Menschen, die sich getraut haben und trauen werden und deshalb selbst am Ende Opfer sind.

 

 

 

 

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