Leseempfehlung: “Und wenn es getan werden muss – Blicks’ Kosmos”

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Leben muss getan werden.

Blicks HFLeseempfehlung: „Blicks’ Kosmos“,
von Kirsten Wilczek

www.kirstenwilczek.com

Zugegeben – ein echter Sympath ist dieser Blicks nicht, jedenfalls nicht von Anfang an. Da war das mit seinem Autor, der tatsächlich aber eine Autorin ist, schon ganz anders.
Aber der Reihe nach …
Blicks’ Schöpferin, der Autorin Kirsten Wilczek, bin ich vor längerer Zeit – damals noch unter Pseudonym Mart Wolff  – zum ersten Mal in ihren Wort für Wort sorgsam gesetzten Texten begegnet. Sprache (und wer sie beherrscht) kann mich derart begeistern, dass ich mich – im Glauben, die Sätze eines Mannes gelesen zu haben, – spontan habe hinreißen lassen zu einem Heiratsantrag, mindestens aber zu der Forderung, er (also sie) müsse mir stattdessen ersatzweise weiteren Lesestoff aus derart berufener Feder gönnen. (Es sollte beim Lesestoff bleiben. Zur Hochzeit kam es nicht.)

Mart Wolff beziehungsweise Kirsten Wilczek kann zwar schreiben wie ein Kerl, ist aber sonst ganz klar eine Frau. (Schreiben wie ein Kerl meint ausschließlich die Themenwahl, die – für mich erfreulich – mal so ganz anders ist als das, worüber sonst so geschrieben wird, also Liebe, Lust und Leid.)
In ihren Texten geht es um Historisches, um Politisches, um besondere Typen, schräge Figuren, um Schöngeistiges und die Sorte Humor, wie sie heiter im Gaumen und bitter im Abgang ist. Und immer geht es ihr um die Würde des Menschen – egal, ob Mann oder Frau. Ihre Geschichten sind sorgfältige Inszenierungen, bis ins Kleinste hin akribisch recherchierte Texte, solche die nachhallen, im Gedächtnis bleiben und das Genre der Kurzgeschichte krönen, indem sie genau so viel und gerade so wenig verraten wie nötig, um den Leser auf eine meist melancholisch-heitere Art mit offen gebliebenen Fragen zu „strapazieren“.

Ganz so, wie auch in ihrer satirischen Novelle „Und wenn es getan werden muss – Blicks’ Kosmos“, in der die Autorin den Leser gleich auf Seite 1 mit dem ersten einer Reihe von Briefen konfrontiert, deren Adressat sich erst zum Ende hin offenbart. Brief- und Erzählkapitel wechseln sich ab. Der Aufbau der Geschichte erinnert ein wenig an den Sketch von Loriot „Das Bild hängt schief“, ein Malheur folgt aus dem vorherigen und kegelt die Hauptfigur völlig aus dem gepflegten Trott.

Auch hier der Reihe nach …
Dr. Volkwart Blicks ist von Beruf Beamter im gehobenen Dienst, beschäftigt in einem Landeswirtschaftsministerium, im Rang eines Ministerialrats, eingesetzt als Verhinderungsvertreter des Leiters der Grundsatzabteilung. Unter Sinn und Zweck dieser Funktion mag sich kaum jemand etwas vorstellen. Nichts Genaues weiß man nicht, wiewohl man stellenweise den Eindruck gewinnt, es gehe den Herren im Ministerium da auch nicht viel anders.
Blicks ist auf den ersten Blick so durchschnittlich, dass man ihm überall dort begegnen könnte, wo Unauffälligkeit und geflissentliches Einhalten tradierter dienstlicher Weisungen und Entscheidungswege zuhöchst Karriere fördernd sind.
Wäre da nicht dieses Gefühl permanenter Erschöpfung, dessen Ursache sich Blicks in seinem Brief zu nähern sucht, die Dinge nähmen wohl ihren Lauf bis hin zur vermutlich vorzeitigen Verrentung. Doch nicht nur mir, dem Leser, auch sich selbst begegnet in diesen Briefen ein ganz anderer Blicks. Nach und nach offenbart sich ein Mensch, wie man ihn wohl kaum hinter der klischeebehafteten Fassade vermuten mag. Blicks phantasiert, er philosophiert, er reflektiert – das Gestern, das Heute, das Morgen, sich selbst und die anderen und kraxelt en passant – anfangs eher versehentlich – aus seinem alten in ein neues Leben, um sich am Ende sogar in die Herzen seiner Leser zu tanzen. Bis zum Schlussakkord findet K. Wilczek immer wieder Wortbilder, die sich einfach köstlich lesen.
Blicks, dessen Überforderung ihm zunehmend an Wahrnehmung trübt, denkt sich in surreale Szenen, verliert konstant an Contenance, um zeitgleich an Format zu gewinnen. Ganz allein ist er auf seiner Reise zu sich selbst allerdings nicht. Eine chilenische Küchenhilfe und ihr Tablettwagen bilden im wahrsten Sinne des Wortes den Stein des Anstoßes.
So viel sei final gesagt, Ministerialrat Dr. Volkwart Blicks fällt von Seite zu Seite ein Stückchen weiter aus dem Rahmen und erobert sich so die Herzen seiner Leser. Jedenfalls meines, auch wenn die Lektüre dieser lebensklugen, philosophischen, humorigen, ja mitunter brüllend komischen Lektüre eines ganz bestimmt nicht geschafft hat – mir den Politbetrieb sympathischer zu machen. (Das dürfte aber auch kaum die Absicht der Autorin gewesen sein, sie lässt ihren Blicks in diesem Zusammenhang einen bösen Vergleich ziehen: „Dieses Katzbuckeln um Ämter, von denen ihre Inhaber eigene Bedeutung ableiten, belegt (…) doch meist nur das Gegenteil: Gleich glibberigen Nacktschnecken ziehen ihre gleich schleimigen Bahnen auf dem Weg zum eigenen Reihenhaus.“

Übrigens begegnete ich im Buch einem alten Bekannten wieder, denn jedem Kapitel ist ein Aphorismus vorangestellt. Einige hat Mart Wolff beigesteuert. Ich würde ihm noch immer einen Antrag machen wollen, ganz allein seiner Sprache wegen.

Buch: “Und wenn es getan werden muss – Blicks’ Kosmos”
Erschienen im Mercator-Verlag, Duisburg
127 Seiten, 12,00 Euro (über den Link inkl. Versand und MwSt. 12,00 Euro, erhältlich auch bei amazon und selbstverständlich jederzeit auch im stationären Buchhandel)
ISBN 978-3-87463-510-3

Mehr über Autorin und Texte sind auf ihrer Webseite zu finden:
www.kirstenwilczek.com

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