“Bestimmte Menschen will man hier nicht sehen.” #sozialeGerechtigkeit #welttag #pfandsammeln

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Foto: Pfandring

„Bestimmte Menschen will man hier nicht sehen.“

Gründe, leere Pfandflaschen in den Müll zu werfen und sie nicht im Tausch gegen Bares abzuliefern, gibt es einige. Wahlweise ist man in Eile oder auch einfach schlicht achtlos, zu faul oder die 25 Cent und mehr tun einem nicht weh. Anderen wiederum sichert das Pfandgeld das Überleben, das sind obdachlose oder verarmte, bedürftige Menschen, für die das Sammeln von Pfandflaschen eine und vielleicht auch manchmal die einzige Einnahmequelle ist. Was die einen wegwerfen, ist für die anderen die Lebensgrundlage – so weit, so schlecht. Und irgendwie auch wieder gut, weil es ohne Pfandgeld noch viel schlechter wäre.

Nicht mit uns. Das müssen sich die Stadt Hamburg, die Deutsche Bahn AG und nicht zuletzt auch der Hamburger Flughafen gedacht haben. In Hamburg, einer der wohlhabendsten Metropolen unseres Landes, kämpft man mit Hightech gegen Flaschensammler. Zwischen Gänsemarkt und Langer Reihe stehen seit vergangenem Jahr knapp 160 neue Mülleimer. Über solarbetriebene Pressen wird der Müll gequetscht und per Funk vermeldet, wenn die Behälter voll sind. 5.000 Euro kosten die Kästen. Und sie kosten die Armen der Armen noch sehr viel mehr. Denn: Flaschensammeln – das ist hier Geschichte.

Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt, dem bekannten Hamburger Straßenmagazin, vermutet hinter dieser und anderen Aktionen der Stadt in einem Interview für die ZEIT: „Das Ganze ist Teil einer gezielten Innenstadtarchitektur.
Bestimmte Menschen will man hier nicht mehr sehen.“
Ein Satz, der uns auch gleich von der Innenstadt an den Hamburger Flughafen führt. Dort scheute man sich bislang auch nicht, das so direkt zum Ausdruck zu bringen. Flaschensammeln sei am Flughafen untersagt, um einen „ungestörten Betrieb“ zu gewährleisten und den Fluggästen einen „angenehmen Aufenthalt“ zu ermöglichen, rechtfertigte die Sprecherin des Hamburger Flughafens das Verbot. Oft bleibe es nicht beim alleinigen Flaschensammeln. „Passagiere werden aktiv angesprochen und bedrängt“, behauptete sie gegenüber der taz.
Auf stolze 97 Strafanzeigen brachte es die Flughafenleitung bislang. Strafanzeigen, weil jemand Leergut sammelt? So einfach ist das natürlich nicht. Aber eine clever formulierte Hausordnung sorgte bis vor Kurzem noch dafür, dass wer Mülleimer auf dem Flughafengelände nach Pfandflaschen durchsuchte, sich des Hausfriedensbruches strafbar machte. Bis Hinz&Kunzt vergangene Woche eine Online-Petition starteten mit dem Aufruf an die Flughafenbetreiber „Ziehen Sie die Anzeigen gegen Flaschensammler zurück und erlauben Sie das Pfandsammeln!“ Mehr als 57.000 Menschen haben daraufhin binnen kurzer Zeit unterzeichnet.
„Wir haben verstanden“, vermeldete die Online-Reaktion des Flughafens dann auf ihrer Fanseite und freut sich nun gemeinsam mit der Straßenzeitung über einen Kompromiss. „Pfand sammeln ist für viele neben Betteln die einzige Möglichkeit, sich über Wasser zu halten“, freut sich Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer jetzt auf der Webseite des Magazins. „Deswegen freue ich mich, dass jetzt alle Strafanzeigen gegen Pfandsammler zurückgezogen werden.“ Im Nachgang zu den Verhandlungen zieht der Flughafen nach eigenem Bekunden die Strafanzeigen zurück, und es werden auch keine neuen mehr erfolgen. Für eine dreimonatige Testphase ist das Sammeln wieder erlaubt, dabei werden Pfandringe und Pfandregale getestet, auf beides hatte sich die Stadt Hamburg zuvor nicht einigen können. Lediglich für den Bereich der Sicherheitskontrollen soll eine eigene Lösung gefunden werden. Die Sammler haben sich überdies an die Hausordnung zu halten.

„Sauberkeit ist für unsere Kunden ein wichtiger Punkt“, vermeldet ein Bahnsprecher gegenüber Hinz&Kunzt. Ein frommer Wunsch, wenn man an den Zustand von Toiletten, Abteils und Bahnhöfen denkt. Dabei sind Müll und Unrat an Bahnsteigen und in den rollenden Waggons ganz sicher nichts, was man obdachlosen oder verarmten Menschen in die Schuhe schieben kann. Aber um genau die geht es, wenn die Deutsche Bahn das Sammeln von Leergut in ihren Bahnhöfen verbietet. Die störten– so der Bahnsprecher – „ … die Wohlfühl- und Einkaufsatmosphäre …“ und schließlich wolle man, dass sich alle Gäste wohlfühlen, wozu ganz offensichtlich Pfandsammler nicht gehören. Aber nicht nur die Unternehmensleitung zeigt sich besorgt, auch Kunden wie Thorsten H. aus dem Saarland fragen sich besorgt und auf der Online-Seite der DB: „Wann unternimmt die Deutsche Bahn endlich etwas gegen diese Pfandflaschensammler, die sich schwitzend und stinkend über einen lehnen, um den Inhalt der Abfallbehälter am Fenster-Sitzplatz zu inspizieren??? Es ist einfach eine unerträgliche Belästigung…„

Neuerdings ist immer öfter und vielerorts Schlaues zu lesen über die „Werte der westlichen Gesellschaft“ oder die „westliche Wertgemeinschaft“ die es zu schützen gilt. Ich wünschte, wir würden öfter beschützt vor uns selbst.

 

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