“1000 Tode” – ein wunderbares Projekt aus dem Frohmann Verlag #1000 tode

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , ,

Ich habe Glück, was die persönliche Begegnung mit dem Tod angeht. Die mir liebsten Menschen leben, und das darf gerne so bleiben. Doch der Tod betrifft auch mich. Und manchmal trifft er mich auch richtig. Wie an jenem Tag vor vielen Jahren, als die Eltern meiner engsten Freundin gemeinsam bei einem Autounfall starben.

Oder dann, als meine Kollegin und Freundin Franziska mit 39 Jahren starb. Über Nacht. Und aus “heiterem” Himmel, vermutlich infolge eines Streits im Privaten.
Der Tod traf mich, als meine Großeltern starben. Er traf mich, als Geschwister meiner Eltern starben.
Der Tod trifft mich in Filmen, in Büchern, in Dokumentationen, in Zeitungsartikeln und oft auch dann, wenn ich einfach davon höre.
“Er liegt im Sterben”, sagt mir jemand. Und spricht dabei von einem Mann mit 92 Jahren, der auf ein erfülltes Leben zurückblicken darf.
Elf Menschen in einem Krankenhaus, getötet durch einen Keim.

Der Tod ist allgegenwärtig. Eine Rakete in einer Stadt in der Ukraine, ein Kopf der fällt, irgendwo in Syrien. 12 Zeichner und Journalisten, die sterben. Zwei Brüder, die mit ihnen gehen. Immer zeigt sich der Tod anders.

Der Tod umgibt mich, ich bin Teil davon. Ein Tier, das verendet. Beute, die gemacht wird. Fleisch, das auf meinem Teller liegt. Mein Kater, der nicht mehr kann und nicht mehr soll.

Die alte Frau aus dem Haus, vorne an der Straße. Martin und seine Geschichte. Wer mein Blog und mich kennt der weiß, dass ich mich immer wieder auch mit dem Tod befasse.

Da kam aus Berlin diese Idee – vom Verlag Christiane Frohmann.

1000 Tode schreiben.
“1000 Autoren schreiben 1000 kurze Texte über den Tod, die zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der, so die Annahme, mehr über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verrät als jede objektive Wissenschaft. […]”

Mitte Januar ist nun Teil 2 von insgesamt 4 E-Books erschienen und käuflich zu erwerben zum Preis von 4,99 Euro über minimore oder amazon und viele andere E-Book-Plattformen. (Die Autoren- und Herausgeberanteile vom Verkaufserlös gehen als Spende an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin Pankow.)

Ganz herzlichen Dank an Christiane Frohmann für die unglaubliche organisatorische Leistung, all die Texte und Autoren zu koordinieren. Chapeau!

So unterschiedlich wie die Menschen sind, die sich bislang an diesem wunderbaren Projekt beteiligt und dafür unentgeltlich geschrieben haben, so unterschiedlich sind auch die Texte, Interpretationen und Gedanken zum Thema “Tod”. Dabei ist, was zu lesen vor mir liegt, längst nicht so traurig, wie zu erwarten. Im Gegenteil: Der Tod verliert dann an Schrecken, wenn man ihn von einer fast heiteren und manchmal auch respektlosen Seite betrachtet.

Aus “Arbeit und Struktur” von Wolfgang Herrndorf:
“Sätze, die Sie als Vollidiot zum Thema Tod unbedingt sagen müssen:
1. Der Tod ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Er wird von ihr an den Rand gedrängt.
2. Der Tod ist ein Bestandteil des Lebens.
3. Es weiß niemand, was danach kommt.
4. Ich habe keine Angst, ich weiß ja was danach kommt.”

“Kein Kirschbaumkind” – so heißt im Original die Geschichte von Rike, die aus dem Himmel fiel. Nun ist mein Kirschbaumkind Teil des Projekts “1000 Tode schreiben”.
Ich freue mich sehr. Und bin glücklich, mit dieser Geschichte ein Teil von “1000 Tode” zu sein.


“Kein Kirschbaumkind”

„Hast du es gelesen? Was sie geschrieben haben? Über Rike?“

Der Vater schweigt. Sein Blick – nach innen gerichtet – verliert sich in Bildern. Ihm fehlen die Worte, seit wenigen Wochen. Es ist nicht so, dass sie nicht da sind. Aber sie wollen sich nicht sagen lassen. Sie wollen Unausgesprochenes bleiben. Um ungeschehen zu machen. Auch sind es zu viele. Ungeordnet, und am Ende ergeben sie keinen Sinn. Ergibt es keinen Sinn. Alles ergibt keinen Sinn. Nicht mehr. Seit wenigen Wochen.

Wo dem Vater nur das Schweigen hilft, geht die Mutter den anderen Weg.
Sie redet. Sie kann nicht aufhören, zu reden.
Von den Freunden. Von all den Briefen, die kommen. Auch von offizieller Seite. Von den Zeitungen, die sich für die Sache interessieren. Von all den fremden Menschen, die mitfühlen, die nachempfinden wollen.

„Sogar die von gegenüber, die seit Jahren nicht mehr grüßen …“, sagt sie nun laut und dreht das Glas mit Wasser neben dem Teller auf dem schmucklosen Tisch.

Und der Vater sieht an ihr vorbei, hinaus aufs Meer.
Er kann die Möwen rufen hören, von denen Rike erzählte, sie habe ihnen Brot über Bord in den Wind geworfen. „Möwen zanken so elegant, Papa. Als würden sie miteinander tanzen. Und mit dem Wind.“, hat sie erzählt.
Immer wenn Rike vom Meer sprach, leuchteten ihre Augen und ihr Mund sprudelte über, wie die Brandung in den Klippen zwischen den Felsen. Weiterlesen

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 949 Followern an