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Manches Mal schenkt mir das Leben auch Antworten auf Fragen, die ich gar nicht erst gestellt habe. So gestern …

Ich fahre mit meinem Lieferbus aus einer Seitenstraße Richtung viel befahrener Hauptstraße, rolle langsam an die Kreuzung heran. Links abzubiegen, das ist mein Ziel.

Also sehe ich nach links und dann nach rechts, wo zwischen Straße und Häuserfassade ein Fußgänger- und Radweg längs führt. Die Häuser machen es nicht ganz einfach, die Straße einzusehen. Und wie ich meinen Kopf nach rechts wende, sehe ich einen Radfahrer auf mich zu fahren.

Ich merke sofort, dass er mich nicht sieht, denn er macht weder Anstalten, sein Tempo zu drosseln noch solche, mir und dem Bus ausweichen zu wollen.
Stattdessen hält er geradewegs auf das große Fahrzeug zu und prallt mit voller Wucht gegen die Beifahrertüre.
Das Geräusch, als der Körper gegen das Blech knallt, das Gesicht des Mannes, seine Wange, die am Fenster längs rutscht, das Entsetzen in seinen Augen – all das werde ich wohl nicht mehr vergessen können.

Ich steige aus, laufe zu ihm und ahne, dass er einen Schock hat. Er hält sich die Brust, die Schulter, er scheint keine Luft mehr zu bekommen. Und ich habe Angst, dass er das Bewusstsein verliert. Ich hake ihn unter, bitte ihn, sich zu setzen.
Möchte Notarzt und Polizei rufen, doch beides lehnt er sichtlich unter Schmerzen ab.

Wir einigen uns darauf, dass ich ihn und sein Rad nach Hause bringe.

Dort packt er, wohl noch immer unter Schock, seinen Rucksack aus, sortiert seine Einkäufe auf den Tisch und ruft nacheinander zwei Ärzte an. Urlaub und Mittagspause, aber seine Frau, so sagt er, käme in Bälde und er verspricht mir, noch am Mittag den Arzt aufzusuchen. Seine Wange ist geprellt, offensichtlich auch seine Schulter, die Hand gequetscht, das Schienbein aufgerissen. Er wirkt wie in Trance.
Wir tauschen unsere Daten aus. Mein Unschlüssigkeit ist groß.
Er aber meint, ich könne und solle gerne gehen. Seine Frau käme ja gleich …

Ich sitze wieder im Bus und bemerke meine wackeligen Beine, meine feuchten Hände.
Polizei und Versicherung meinen, ich hätte mich richtig verhalten. Danach.

Mit sehr gemischten Gefühlen setze ich meine Tour fort. Das Gesicht des Mannes an der Scheibe des Busses bleibt. Und jeder Radfahrer, dem ich darauf hin begegne, wird zur potentiellen Gefahr.

In der Bäckerei gegenüber der Unfallstelle haben die Damen den Unfall selbst leider nicht gesehen. Dass der Mann einen Teil seines Einkaufes in der Hand hielt beim Fahren, das aber aber haben sie gesehen.

Ein Bus.
Ein Radfahrer.
Eine Kreuzung.
Ein Radweg.

Das Auto ist und bleibt, Recht hin – Recht her, der deutlich stärkere und überlegene Gegner auf der Straße.

Gänsehaut heute früh, als der erlösende Anruf kommt. Das ‘Opfer’ dieser so ungleichen Begegnung hat wohl Prellungen, einen großen Schrecken, aber keine ernsthaften Verletzungen davon getragen.

Die Nacht über hatte ich mir die eine Frage gestellt:
Was, Heike, hättest du tun müssen, um diesen Unfall zu verhindern?

Die Kreuzung sei, so der Mann, in der Tat sehr schwer einsehbar für einen Autofahrer. Er habe mich definitiv nicht dort stehen sehen.

Er und ich – wir sind beide sowohl Rad- als auch Autofahrer.

Er arbeitet bereits wieder. Es wird keine Anzeige geben. Und – das hoffe ich sehr – auch keine weiteren späten gesundheitlichen Folgen für ihn.

Und ich?
Ich habe Glück gehabt. Allein in dem, was nicht geschehen ist, so einfach aber hätte geschehen können.

Mehr noch er selbst.

Großes, großes Glück! Danke.

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