Tahers größter Wunsch – Wir wählen, was wir sind.

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Papa Schüler

Seine roten Fußballschuhe nahm er mit ins Bett.

Ich bin ein Fußballerkind, so könnte man das nennen. Im Leben meines Vaters spielt Fußball bis heute eine sehr große Rolle. Erst kickte er selbst als Profi, dann trainierte er viele Jahre lang Nachwuchstalente. Es verging kaum ein Wochenende, an dem meine Schwester und ich nicht mit auf dem Fußballplatz waren. Die Rufe, Kommandos, die Zuschauer, Pfiffe, die Atmosphäre, die Spannung – all das gehört zu meiner Kinderzeit.

Mein Vater wurde 1939 geboren. Keine gute Zeit für ein Kind. Keine gute Zeit für Deutschland.

Einmal, wir sprachen über seine Kindheit, erzählte er mir von DEN Schuhen. Von feuerroten, englischen Fußballschuhen mit Stahlkappen vorne und Querstollen unten dran. Und davon, was dieses Geschenk für ihn bedeutet habe. Ein Onkel hatte sie ihm geschenkt. Nach dem Krieg. Als es nichts gab. Und eigentlich auch keine Geschenke. Da war mein Vater 9 oder 10 Jahre alt gewesen. Und diese roten Schuhe mit den Stollen unten dran, die waren ein Anfang. Die wollten gespielt werden. Die brauchten zwei Füße, die sie über den Rasen tragen. Zwei Füße, die ein Ziel hatten und die nicht müde wurden, es zu erreichen. Diese roten Schuhe, die wurden immer getragen, auch nachts im Bett.

Taher Schuhe-1160398

Wartet seit einem Jahr auf seine Mama – der 9-jährige Taher in seinen neuen Fußballschuhen.

Die Füße auf diesem Foto gehören Taher. Er wurde 2007 in Syrien geboren. Keine gute Zeit für ein Kind. Keine gute Zeit für Syrien.

So ganz genau lässt es sich nicht sagen, wie viele Kilometer Taher auf seinen kleinen Füßen hinter sich bringen musste, um in Deutschland in Sicherheit zu sein. In Sicherheit. Und mit der Aussicht auf eine Zukunft, für die es sich zu leben lohnt. Aber es sind ganz bestimmt sehr viele Schritte gewesen, um hier anzukommen. Und es liegen noch so sehr viele Schritte vor ihm und der Zukunft, die wir ihm schenken werden. Wenn wir es wollen.

Auf fast jede Frage hat Taher eine ganz bestimmte Antwort. Und die lautet:
„Wenn Mama erst da ist, dann …“

Tahers Mama ist nicht etwa einkaufen. Oder vielleicht im Integrationskurs. Oder bei Freunden auf eine Tasse Tee. Tahers Mutter wartet seit einem Jahr in der Türkei darauf, zu ihrem Sohn zu dürfen. So, wie Taher in Deutschland darauf wartet, dass seine Mama ihm wieder dabei hilft, all die großen und kleinen Fragen des Lebens zu beantworten.

„Wenn Mama erst da ist, dann …“

Taher spielt sehr gern Fußball. Darin unterscheidet sich sein Leben kaum von dem so vieler anderer Jungen seines Alters.
Auf die Frage, weshalb er nicht mit den anderen zum Training geht, antwortetet Taher, man ahnt es bereits:
„Ich weiß es nicht, aber wenn Mama erst da ist …“
Und dann fügt er leise hinzu:
„Und außerdem habe ich keine Fußballschuhe.“

Die Sache mit den Fußballschuhen ließ sich regeln.
So einfach schenkt sich so viel Glück.

Und dafür, dass Tahers größter Wunsch in Erfüllung geht, braucht es uns auch.
Und zwar jeden von uns.
Eine Gesellschaft, die sich nicht fürchtet vor Menschen, die Hilfe brauchen.
Es braucht unsere Geduld.
Es braucht unser Wohlwollen.
Es braucht unseren Mut.

Wenigstens aber braucht es die Akzeptanz dessen, was unser Grundgesetz verspricht: Das Recht auf Asyl.

Ich bin zwar ein Fußballerkind, aber so ganz habe ich nie begriffen, worin das große Geheimnis von Fußball liegt. Jetzt aber – wenn ich Taher spielen sehe, zusammen mit Ali aus Iran und Noah aus Deutschland, mit Jamal aus Afghanistan und mit Aron aus Eritrea, dann sehe ich auf dem Rasen die Antwort auf so viele Fragen unserer Zeit.

Taher-1160396
Wir wählen, was wir sind. Tahers Zukunft gehört dazu.