Der Mann aus der Wilhelmstraße


Dezember 2006

Meist bin ich am späten Abend in Eile, gehetzt, und möchte schnell nach Hause.
Von der Friedrichstraße bis zum Lützowufer sind es geschätzte drei Kilometer mit dem Auto. Auf halber Strecke liegt der Ulrichmarkt, und wenn ich abends nicht zu spät dran bin, dann springe ich noch schnell rein, um einzukaufen.

Unscheinbar, fast schüchtern, steht dort an der Ecke beim Eingang ein Mann. Er wäre mir vermutlich nicht weiter aufgefallen, hätte er nicht einen kleinen Stapel der Berliner Straßenzeitung ‚motz‘ vor seiner Brust gehalten.

Straßenzeitungen gibt es über die ganze Republik verteilt. Ich kaufe sie immer, wenn ich einem ihrer Verkäufer über den Weg laufe. Anfangs, weil ich mir sicher war, für eine gute Sache mit ganzen zwei Euro selbst ein wenig Gutes tun zu können. Später, weil ich sie gerne lese. Weil sie mir eine weitere Perspektive auf das Leben schenkt, und weil sie richtig gute Schreiberlinge birgt.

Dieser Mann also, ich nenne ihn Stefan, und schäme mich, weil ich seinen Namen vergessen habe, er steht dort Tag für Tag und offeriert die motz in aller Zurückhaltung. Ein guter Verkäufer bist du nicht, denke ich und weiß gleichzeitig auch, wie viele abwertende ja oftmals beleidigende Kommentare sich Männer wie Stefan Tag für Tag anhören müssen. Es fällt mir nicht schwer, seine Zurückhaltung zu verstehen.

Stefan mag so um die Vierzig sein. Er ist schlank, vielleicht sogar mager. Das ist schwer zu sagen, weil seine weiten, unförmigen Klamotten keinen wirklichen Schluss zulassen. Die Wangenknochen stehen hervor, die vereinzelten Stoppeln rund um sein Kinn haben einen rötlich blonden Stich, ebenso wie sein strähniges Haar, dessen Pony ihm bis knapp über die Augen fällt. Wenn Stefan lacht, zeigt er Mut zur Lücke.
Es fehlen ihm ein Schneidezahn oben und ein Zahn in der unteren Reihe.
Er hat sich beide Zähne selbst gezogen, weil er nicht krankenversichert ist.
Mit dem Bindfaden und der Türklinke. Davon erzählt mir bei einer unserer vielen kurzen Begegnungen.

Stefan ist ausgesprochen freundlich und die Dankbarkeit, die er zeigt, wenn ich ihm seine Zeitung abkaufe, sie ist so liebenswert, wie sie traurig macht.

An einem Morgen, ich bin früh dran und kann mir Zeit lassen mit dem Einkauf, komme ich auf die Idee, auch für Stefan ein belegtes Baguette zu kaufen und es ihm zu schenken. Das machen wir von nun an immer so: Ich kaufe ein und bringe diesem freundlichen und sympathischen Mann etwas mit. Schließlich frage ich ihn dann irgendwann vor dem Einkauf, ob er einen besonderen Wunsch habe.
Stefan verblüfft mich mit der Bitte um Schokoladenkuchen. Er wünscht sich die günstigere Variante, nicht den teuren von Bahlsen, und er sagt mir, wo genau ich den finden kann, in diesem großen Einkaufsmarkt.

Weil es mir gut geht, in und mit meinem Leben, weil ich Glück habe und zufrieden sein kann, werden die kleinen Mitbringsel für Stefan bald zu Einkaufstüten, in die ich das packe, wovon ich mir vorstelle, ihm eine Freude machen zu können.

Stefans Geschichte klingt, wie unzählige andere Geschichten obdachloser Menschen klingen mögen.
Alkohol – Ehe kaputt – Scheidung – Job weg – Wohnung weg – Unterhaltszahlungen – Krankheit – kleinere Delikte.
Ein Abstieg in wenigen Worten, unpathetisch und knapp von ihm erzählt.
Er wohnt in einer Laube, irgendwo in Berlin. Ohne Strom. Ohne fließendes Wasser.
Im Sommer, so stelle ich mir vor, mag das ganz okay sein. Aber es ist Herbst in Berlin. Dieser verfluchte Ostwind pfeift durch die Straßen und wirbelt Laub, Frisuren und Schals auf, schlägt Mantelsäume nach oben und kriecht bis auf die Haut.

Stefan hat einen kleinen Gaskocher in seiner Laube, sagt er. Und so packe ich Schokoladenkuchen, Käse, Ravioli und Eintöpfe in Konserven und Tüten-Suppen auf’s Laufband an der Kasse und sehe diesen Mann in Gedanken in seiner Laube bei einem halbwegs wohlschmeckenden, sättigenden Mahl.

Einige Zeit später, Stefan und ich kennen uns vielleicht ein Vierteljahr, bittet er mich anstelle eines Einkaufs um Geld. Vermutlich ist mir mein Zögern deutlich anzusehen, denn Stefan beginnt ohne Umschweife, mir über den Anlass seiner ungewöhnlichen Bitte zu erzählen. Sie ist deshalb ungewöhnlich, weil er mich noch nie um etwas gebeten hat, schon gar nicht um Geld. Stattdessen bringt er immer öfter mich in Verlegenheit, wenn er mir meine Einkaufstaschen zum Auto tragen möchte.

Heute also nimmt er mich zaghaft am Arm und bringt mich zu seinem Fahrrad, das mit einer dicken Kette gesichert ganz in der Nähe bei der Treppe zur U-Bahn steht. Er erzählt, dass sein Rad kaputt sei und dass er insgesamt 30 Euro brauche, um wieder damit fahren zu können. Und weil ich noch immer nicht so recht weiß, was ich davon halten soll und er das merkt, fügt er eilig hinzu, dass er sich ganz bestimmt keinen Schnaps kaufen werde. Und wenn er sich Schnaps kaufte, denke ich, es wäre seine Entscheidung.

Ich sehe mir das alte Rad an und frage ihn, ob es nicht besser wäre, wenn ich ihm helfen würde, ein gebrauchtes Rad günstig zu kaufen, anstelle seinen ganz offensichtlich in die Jahre gekommen Drahtesel für viel Geld reparieren zu lassen.
Er weicht einen Schritt zurück und antwortet mir:
„Ich besitze nichts auf dieser Welt, außer diesem Rad. Wir sind gemeinsam …“, und mit diesen Worten zieht er den kleinen Kilometerzähler aus der Tasche seines abgewetzten Parka, „… schon mehr als 15 000 Kilometer durch die Welt gefahren.“
Dann schweigt er, sieht mich an, und reibt sich vor Verlegenheit das Kinn. Es ist ihm anzusehen, dass es ihm schwer fällt, mich zu bitten.

Ein paar Tage später, am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, empfängt mich Stefan mit der Quittung für die Reparatur. Und erzählt mir mit strahlendem, Lücken entblößendem Lächeln, für das verbleibende Restgeld sei er im Hallenbad gewesen, um sich zu waschen und zu rasieren, und habe sich neue dicke Wollstrümpfe und Unterwäsche gekauft.

Am 23. Dezember 2006, ich bin mit dem Taxi unterwegs und lasse mich vor dem Ulrichmarkt absetzen, sehe ich Stefan zum letzten Mal. Es ist spät abends, kurz vor acht Uhr. Ich eile im Laufschritt durch den Laden und sammle ein, was sich für ein weihnachtliches Essen ohne Strom und Wasser anbietet. Auch jede Menge Süßkram wandert in den Wagen. Für meine Weihnachts-Überraschungstüte bekomme ich einen zuvor von ihm erfragten Kuss voller Freude auf meine Wange. Sein Bart kratzt und ich muss mich beeilen, die Koffer für Stuttgart zu packen.

Dieser unbeholfene, liebe und vorsichtige Kuss auf meiner Wange macht mir mehr Weihnachten, als ich jemals hatte.

Stefan lasse ich zurück. So, wie ich ein halbes Jahr und einige unvorhergesehene Ereignisse später Berlin hinter mir lasse.

2007 komme ich erst im April wieder in die Hauptstadt zurück, um meine Wohnung zu räumen, Berlin ‚Adieu‘ zu sagen, und an den Nordostseekanal zu ziehen.

Inzwischen sind über vier Jahre vergangen.
Wenn ich an das Leben und die Zeit in Berlin denke, dann denke ich an diesen Mann.
An seine stille Freundlichkeit. An die latente Traurigkeit in seinen Gesichtszügen.
An mein Glück, ihm begegnet zu sein.
An den bärtigen Kuss auf meine Wange.

Und daran, dass ich so sehr gerne wüsste, ob und dass es Stefan gut geht.

Filiale Berlin Mitte
Mohrenstrasse 69/ Ecke Wilhelmstrasse
D-10117 Berlin

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

Ein Kommentar

  1. ich wünsche dieser geschichte GANZ viele leserInnen!!!

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