Knuts Sicht auf die Dinge


Lieber Leser,

wie es aussieht, hinterlässt mein spontaner Freitod sowohl Ratlosigkeit, als auch Bestürzung und Trauer. Vermutlich vorwiegend unter jenen von Ihnen, denen wir Tiere ganz besonders am Herzen liegen. All den Veganern, Vegetariern und wie ihr euch sonst so nennt. Ist ja nicht davon auszugehen, dass sich deren tierische Liebe auf uns Bären reduziert, oder?

Vielleicht werden Sie nun zusammen zucken, wenn ich Ihnen hier frei von der Leber weg sage, dass mir das mächtig am Fell abperlt.

Möglicher Weise wissen Sie das nicht, aber im Grunde meines Herzens und dem Ruf meiner Natur folgend bin ich ein Einzelgänger. Hätte ich nicht das Pech gehabt, in diesem völlig überalterten Zoo, mitten in dieser stinkenden Großstadt geboren zu werden, dann würde ich zumindest die letzten beiden Jahre in aller Ruhe und Einsamkeit verbracht haben.

Ja, so sind wir Eisbären. Wir hängen gerne unseren Gedanken nach, während wir durch die eisigen, weißen Weiten unserer Heimat am Polarkreis ziehen. Wir sind Jäger, müssen Sie wissen. Und nicht die schlechtesten. Diese pfiffigen Robben zu erwischen, wenn sie warten, bis man es fast zum Eisloch geschafft hat, um dann mit fiesem Grinsen zwischen den Barthaaren ab zu tauchen, das kann zur sportlichen Angelegenheit werden. Bei diesen Jagdausflügen stehen wir Bären unter Hochspannung, absoluter Konzentration, da würden Kollegen nur mehr stören, das sehen Sie ein, oder?

Kollegen sind das eine.

Drei Frauen auf 300 Quadratmeter und das Tag für Tag für Tag. Kein Kerl in Sicht, an dem man sich messen könnte? Das eigene Mütchen kühlen? Mal auf ’nen kräftigen Schluck gehen? Keine Ahnung, welche Menschenseele sich das ausgedacht hat, mich jedenfalls hat keiner gefragt.

Mich hat man noch nie gefragt, um ehrlich zu sein.

Gut, zu Anfang dachte ich: Spiel mit Knut! Tu ihnen den Gefallen. So ganz ohne Mutter, das ist ein bisschen heavy, auch für kleine Bärenmänner. Also hab ich so getan, als würd ich den Thomas für einen Bären halten. Ich bitte Sie, jeder Bär, der was auf sich hält, kann einen Menschen auf 500 Meter von ’ner Robbe unterscheiden. Für viele von uns ist das lebenswichtig, wenn Sie verstehen, was ich meine.  Wenn ich nicht gepeilt hätt, dass der Kerl vom Kopf bis zu den Füßen ein Mensch ist, dann wäre ich das Fell nicht wert, das man nun ausstopfen will.
Aber gut, ich hatte kaum eine Wahl und muss zugeben, dass ich es wirklich, wirklich gut mit ihm hatte. Der Thomas war schon klasse. Anders eben, als diese anderen Menschen da. Und dann? Na, Sie wissen es ja selbst. Mit einem Mal ist der nicht mehr aufgetaucht. Ich hab gewartet … Und gewartet … Und gewartet. Tja, wie heißt es doch so schön? Reisende soll man nicht aufhalten und ich hab den Mann auch verstanden. So ein Zoo ist einfach nix für einen Menschen, der die Freiheit hat, die Freiheit zu wählen.

Nun sitze ich hier, auf meiner Scholle, und habs endlich geschafft. Auch für einen Bären ist der Sprung ins kalte Wasser nicht immer ganz so einfach, wie das Ihnen erscheinen mag. Aber – ich habs geschafft. Weg aus diesem Mief. Weg von dieser schamlos dauerglotzenden Menschenmenge, die mich selbst dann noch anstarrt, fotografiert und flmt, wenn ich mich Sie wissen schon wo lecke. Weg.

Bisschen peinlich ist mir, dass jetzt Blumen in den Zoo gelegt werden. Und noch schlimmer: Dass sich manche von Ihnen in dieses Buch da eintragen, in dem man sonst den Tod eines geachteten oder geliebten oder nahen Menschen bekundet. Ja wirklich, peinlich ist mir das. Kein Bär würde das für einen Menschen tun. Niemals. Peinlich ist mir auch, dass ich die Schlagzeilen bestimme. Ehrlich. Wenn ich lesen könnte, dann würd ich da viel lieber sehen, dass ihr merkwürdigen Menschen über euch selbst redet und schreibt. Passiert ja zur Zeit ’ne ganze Menge, die euch trauern machen müsste. Oder zumindest euch das Fürchten lehren sollte. Auch wenns für manche von euch so ganz weit weg erscheint, Japan und der Nahe Osten sind euch immer noch näher, als es euch je ein Bär sein kann.

Und wenn euch doch mal einer von uns so ganz, ganz nah kommt, dann geb ich den guten Rat:
Nicht mit den Armen fuchteln. Nicht laut rufen und schreien. Keine Blitzlichter! Keine Kameras! Und schon gar keine Kinder, die in Frequenzen quängeln, die den stärksten Bär von den Sohlen hauen. Das nämlich, ihr lieben Menschen, mögen wir Bären ganz und gar nicht.

Und glaubt mir das Eine: Wäre dieser beschissen breite Graben da nicht gewesen, mit dieser verdammten hohen Betonmauer, ich ….

So. Viel zu viel geredet, für einen Eisbären, wie ich finde. Ich bin dann mal weg. Endlich Robben. Endlich Fische. Schluss mit dem Gemüse und Obst, das sie mir in Eimern tief gefroren vor die Tatzen gekippt haben, weil sie dachten, ich hätte Spaß dran, mir den Scheißdreck aus dem Eis zu puhlen. Oder hat schon mal einer von euch einen von uns an ’nem Apfel lutschen sehn, hier draußen, in der Weite der freien, wilden Eislandschaft? Und noch was, im Interesse meiner tierischen Verwandtschaft: Nennt eure Zoos nicht Tiergärten. Oder sagt einer von euch zum Knast Spielwiese?

Ach ja, ist das schön.
Hören Sie das?

Ruhe.
Bärenstarke Ruhe.
Sie glauben gar nicht, was das für ein Gefühl ist.
Ich häng die Tatzen ins Wasser und hab Ruhe.
Zum ersten Mal, seit ich geboren wurde, hab ich Ruhe und Frieden.

Pssst?
Hören Sie sie? Diese himmlische Ruhe?

/h. pohl

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

2 Kommentare

  1. missglück, darf ich dir eine meiner knut-geschichten als gasttext schenken?
    lg
    alexandra

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