Stille Nacht allerseits – von Kugel und seinen Kollegen


Hinz&Kunzt – das ist der Name des Hamburger Straßenmagazins.
In Berlin heißt es motz, in Stuttgart trottwar, in Leipzig Kippe, in München BISS
und in Düsseldorf fifty-fifty.

So unterschiedlich ihre Namen sein mögen, dahinter stehen Menschen, stehen Schicksale – dahinter geht es um den sozialen Abstieg, um Arbeitslosigkeit, anfängliches Schlingern in der Spur, bis hin zum haltlosen Abrutschen in Armut und Obdachlosigkeit.

In der Dezember-Ausgabe 2006 von Hinz&Kunzt lächelt mich Kugel auf der Titelseite an. Ein sympathisches Gesicht, geschätzte Ende 50, die Nikolaus-Mütze so tief in die Stirn gezogen, dass sie beinah die gütigen Augen verdeckt.

Stille Nacht allerseits!
Wie Kugel und seine Kollegen Weihnachten feiern …

… so der Titel des Blattes. Die Zeitung habe ich aufbewahrt.
Sie liegt neben mir beim Tippen.

Auf Seite 21 steht Kugel mit dem Rücken zur gefliesten Wand in einer U-Bahn-Station Hamburgs. Die Kamera rückt seinen Lebensunterhalt in den Vordergrund:
Leere Dosen, Glas- und Plastikflaschen, zwei Tüten, in denen er sammelt.
Kugel lebt vom Pfandgeld und von der kleinen Rente, die er bezieht.
Er hat mehr Glück, als andere, eine kleine Wohnung,
23 Quadratmeter, und nach Abzug der Miete bleiben 300 Euro im Monat.
Davon sind die Monatskarte für den Öffentlichen Nahverkehr, die Zuzahlung für Medikamente, Nahrung und Kleidung zu bezahlen.
300 Euro.

Seine Familie?
Kugel besucht regelmäßig den Gottesdienst. Er spielt Schach, aber seine Familie, die Tochter … Es bleibt offen, warum. Aber Kugel ist allein.

Weihnachten naht.
Und auf die Frage, was er sich wünsche, da winkt er ab.
„Ach, was ich mir wünsche …“
Und dann sagt er doch noch:
„Weihnachten mit Familie, dick und fett.
Tannenbaumkugeln. Bunte Teller. Jede Menge Marzipankartoffeln. Gans mit Knödeln.
Aber bitte nur für einen Tag.“

Es berührt mich jetzt, wenn ich es lese und hier schreibe.
Es berührte mich 2006.
Kugels Familie kann ihm kein anderer Mensch zurück bringen.
Aber ein bisschen Glanz aus guten alten Tagen,
etwas von Weihnachten aus einer besseren Zeit,
daraus ließ sich ein Päckchen machen.

Zusammen mit einem Brief an Kugel ging das kleine Paket es an die Anschrift der
Hinz&Kunzt-Redaktion in der Altstädter Twiete 1-5 in Hamburg.
Marzipankartoffeln satt. Knödel in der Packung. Rotkohl in der Dose.
Und was sich sonst noch anbot, für ein Mahl an Heiligabend.

Ich habe nie erfahren und auch nicht nachgefragt, ob Kugel sein Päckchen auch bekommen hat.

Und an Weihnachten – da denke ich jedes Jahr an ihn.
Und seine stille Nacht.

 

Für all jene, die interessiert sind & helfen mögen,
hier die Internet-Seite der Hinz&Kunzt Redaktion
http://www.hinzundkunzt.de/

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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