Krüppelherz von Alexandra Richter /pepsi carola


Heute möchte ich gerne eine ungewöhnliche, leise und überraschende Geschichte von Alexandra Richter vorstellen.

Ich wünsche viel Freude beim Lesen.
/hp

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Krüppelherz

Kein Arzt hätte es damals für möglich gehalten, Klara Kramer könnte siebenunddreißig Jahre alt werden. Klaras Eltern gaben den Säugling ins Heim. Doch Klara glaubt nicht, dass das wahr sei.

Die Eltern haben einen tödlichen Autounfall gehabt. Das glaubt Klara.

Sie hat ein angeborenes, kleines Loch in der Herzkammerscheidewand. Mit Hilfe der Medikamente kommt sie gut zurecht. Ihre Schilddrüse jedoch arbeite perfekt. Klara habe Glück im Unglück gehabt, sagen die Ärzte, denn intelligent wären die wenigsten …, ähm ja… , der Professor druckst herum, sucht nach Worten.
„Missgeburten“, hilft Klara ihm auf die Sprünge. Der Arzt bekommt rote Ohren.
Nein, um Gottes Willen, so dürfe Klara nicht von sich sprechen. Aber er oder wie? Klara tippt sich im Geiste an die Stirn. Die meisten Ärzte, die sie kennt, hätten lieber Automechaniker werden sollen. Da können sie auch zusammen flicken, was zusammen gehört, aber weiter keinen Schaden anrichten. Autos sei es schließlich egal, ob man sie Schrottkiste nennt oder Ferrari. Selbstverständlich hat Klara ihren Stolz wie jeder Mensch, aber sie hat auch ein feines Gehör.
„Manchmal wünsche ich mir, dass ich taub wäre. Ganz ehrlich“, sagt Klara zu Frau Selmayer im Amt für Soziale Dienste und drückt Knut, den Kuscheltier-Eisbären, an ihre Brust. Frau Selmayer geht hinaus in den Warteraum.
„Kann es sein“, sie erhebt ihre Stimme „dass die Dummheit sich hier den Arsch platt sitzt?“
Schlagartig ist es mucksmäuschenstill still.
„Ach, verdammt …“ Sie dreht sich auf dem Absatz um und knallt die Bürotür hinter sich zu. „Uiuiui“, sagt Klara und zieht eine Monstergrimasse. Frau Selmayers Augäpfel schielen zum Nasenbein.
„Önk, önk“, sagt sie und steckt die Zunge heraus.
„Politisch korrekt geht anders, ich weiß. Aber, bevor ich ein Magengeschwür krieg, muss die Sau auch mal raus und sich im Schlamm suhlen dürfen!“
Eine gute Meinung hat Klara schon lange nicht mehr von sich.
Die ist im Laufe der Jahre einfach davon gelaufen: „Ich bin Müll“, sagt Klara, „weil ich anders bin.“ In ihrer Einzimmerwohnung im Berliner Wedding im 8. Stock ist die Küche der schönste Raum, groß und hell. Am Fenster steht der Schreibtisch.
Knut, der Eisbär, sitzt darauf und passt auf den Computer auf. Das teuerste, was Klara je besessen hat. Klara liebt Eisbären. Klara liebt Knut. Knut, der die Welt eroberte. Und Klara liebt Pflanzen: Ficus Benjamini, Grünlilie, Bogenhanf, Efeutute.
„Weißt du Knut, die Pflanzen sehen nicht nur schön aus, sie sorgen auch gut für dich und mich.“ Knut schaut Klara aus schwarzen Knopfaugen an.
„Kennst du das Sick Building Syndrom, Knut?“
Knut schaut Klara aus schwarzen Knopfaugen an.
„Ist nicht schlimm, wenn du das nicht kennst. Die meisten Menschen haben davon höchstens mal was gehört. Aber sei mal sicher, wissen tun die davon auch nichts.“ Klara nimmt Knut auf den Arm.
„Guck mal“, sie streicht mit Knuts Kuscheltierbeinen über die Blätter, „die Efeutute filtert Formaldehyd aus der Luft. Toll oder? Formaldehyd kann in Möbeln drin sein oder in Teppichklebern. Davon kannst du Atemnot kriegen, Schwindelanfälle, Kopfschmerzen und lauter so Sachen.“
Knut kuschelt in Klaras Arm.
„Außerdem – Pflanzen geben ihre Feuchtigkeit ab und erzeugen dadurch ein besseres Raumklima. Ja“, Klara nickt heftig, „das tun sie! Feuchte Luft fühlt sich wärmer an als trockene und dann können wir auch gleich ein paar Euro für die Heizung sparen. Das wird Frau Selmayer freuen.“

Am Abend, wenn es dunkel ist, sitzt Klara mit Knut im Arm am Schreibtisch vor dem Fenster und genießt den Blick über den Dächern von Berlin. Bis zum Fernsehturm kann Klara schauen. Höher ist kein Bauwerk in Deutschland. Fantastisch! Klara würde gerne einen Wolkenkratzer entwerfen. Noch viel höher! Einen, der nur mit Hilfe der Körperwärme geheizt wird, die Menschen ausstrahlen. Klara könnte das schaffen.
Sie ist Diplomingenieurin für Bauwesen und hat ihren Abschluss mit sehr gut gemacht. Niemand, der ihr das zugetraut hätte.
Der Tiergarten am Bahnhof Zoo ist Klaras Lieblingsziel. Dort besucht sie den großen Knut und seine Kollegen. Knut ist süß. So süß! Immer hat Klara Geschenke dabei – Luftballons. Oh, was für ein Spaß ist es, wenn die Bären nach den Luftballons schnappen und sie in Stücke zerfetzen. Ein Feuerwerk für Klaras Ohren ist das, ein Freudentanz für Klaras krankes Herz. Klara jauzt vergnügt und klatscht Beifall.
Die Besucher rücken ein bisschen von ihr ab und ziehen ihre Kinder mit. Manche tippen sich an die Stirn:
„Die spinnt ja“, flüstern sie oder „Nirgends ist man vor Idioten sicher.“
Frau Selmayer sagt, das betreute Wohnprojekt vom Senat werde leider nicht mehr finanziert. Zu teuer. Klara müsse wieder ins Heim zurück. Schon bald.
Klara bietet Frau Selmayer von den Keksen an, die Klara selbst gebacken hat.
Alles Bio. Sehr gesund. Das hat Klara im Schlank-und-Fit-Kurs von der Verbraucherzentrale gelernt. Klara lächelt, obwohl ihr hundeelend zu Mute ist.
Aber, es nützt ja nichts. Klara hat in ihrem Leben schon so viel geweint. Irgendwie kommen die Tränen nicht mehr. Als wäre ihr Körper ausgetrocknet wie eine Pfütze im Sonnenschein. Dabei hat Weinen immer so gut getan.
Frau Selmayer hilft Klara bei den Finanzen. Klara müsse besser haushalten. Wo sei das Geld geblieben, will Frau Selmayer wissen. Es gebe doch so viele Bettler auf der Straße, antwortet Klara und ja, natürlich wüsste sie, dass sie selber nur wenig zur Verfügung habe.
Frau Selmayer streicht Klara über die Hand.
„Sie sind zu gut für diese Welt, Klara!“ Nein, es gebe nichts Neues zu berichten.
Klara holt den dicken Ordner mit ihren Bewerbungen, fast hundert sind es, und den Absagen hervor. Frau Selmayer blättert darin und schüttelt den Kopf.
„Diese Betriebe haben ja keinen Schimmer, was ihnen für eine großartige Mitarbeiterin entgeht, liebe Klara. Ich fürchte nur, Ihre hervorragenden Fachkenntnisse allein genügen leider nicht. Sich durchsetzen können“, Frau Selmayer fährt die Ellenbogen aus und stößt sie in die Luft, „darauf kommt es an, nach unten treten und nach oben buckeln!“
Klara schiebt sich die Ärmel der Bluse hoch und begutachtet ihre Ellenbogen.
„Zu weich und rund“, sagt Frau Selmayer.
„Wir könnten eine Schwerbehinderung für Sie beantragen, dann müssen die Betriebe Sie einstellen.“
Klara schüttelt den Kopf. „Nein, ich bin ich, ich bin Klara.“
Sie verabschiedet den Besuch an der Tür. Frau Selmayer umarmt sie. „Klara, ich bin für Sie da. Tag und Nacht bin ich für Sie da! Meine Rufnummer haben Sie.“

Heute ist Donnerstag vor Karfreitag. Klara zieht das grüne Seidenkleid an mit dem Rüschenkragen. Es passt wieder. Hurra! In die Handtasche stopft sie so viele Luftballontüten, wie es geht. Der Brief! Fast hätte sie den Brief vergessen.
Wenn die Post heute noch kommt, dann hat Frau Selmayer die Nachricht spätestens am Sonnabend. Klara küsst den Brief, bevor sie ihn einwirft in den Postkasten vor dem Tiergarten. Die Sonne scheint so warm, als wäre es bereits Sommer. Die Schlange vor den Kassen ist lang. Klara wartet geduldig. Ein paar Leute mit Kindern im Schlepptau drängeln sich vor Klara. Egal, Klara hat Zeit und Klara freut sich wie eine Schneekönigin auf ihre Freunde, die Eisbären.
Am Gehege ist das Gedränge groß. Klara pustet einen Luftballon nach dem anderen auf. Der Wind trägt die bunte Pracht über den Zaun. Sie hört die ersten Ballons platzen. Hurra! Klara springt und tanzt auf dem Weg. Die Kieselsteine knirschen unter ihren Schuhsohlen. Die Besucher werden unruhig. Manche schimpfen. Klara stellt sich taub. All die da können sie gern haben und zwar kreuzweise! Die Reihen lichten sich. Klara erobert den Platz ganz vorne am Zaun. Noch mehr Luftballons und noch mehr. Ein paar Kinder fragen Klara, ob sie auch welche haben könnten.
Aber sicher! Klara verschenkt alle ihre Tüten.
Eltern runzeln die Stirn und tuscheln: „Du gibst das sofort zurück. Hast du mich gehört!“
Klara zieht sich die Schuhe aus, setzt einen Fuß auf die Steinmauer und hangelt sich am Absperrgitter empor. Das geht leichter, als sie dachte.
Niemand hält Klara zurück.
Klara springt.
„Hurra!“
Die Eisbären scheinen verdutzt. Nur zögernd nähern sie sich. Schreie. Es sind nicht Klaras. Die Pranke des Eisbären zerfetzt das grüne Kleid, reißt das Fleisch vom Oberschenkel. Rot ist das Blut. Klara sieht in der offenen Wunde ihren Knochen.
Ein zweiter Bär gräbt seine Zähne in Klaras Brust. Noch mehr rot.

Klara spürt keine Schmerzen mehr.

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Die Autorin über sich selbst:

Liebe Leserinnen und Leser,
ich schreibe sozialkritische Gegenwartsliteratur. Das hört sich wahrscheinlich furchtbar öde und politisch korrekt an, fürchte ich. Ungerechtigkeit, Arroganz und Ignoranz sind meine Antriebsfedern. Ich könnte es auch so ausdrücken – mir sind die Verlierer unserer Lack&Chrom-Welt ans Herz gewachsen. Ihnen möchte ich eine Stimme geben und trotz des vermeindlich depressiven Themas meine LeserInnen gut unterhalten. Hin und wieder haue ich eine tiefgangbereinigte Fun&Junk-Story in die Tastatur. Aber auch da ist meistens etwas drin, auf das unsere Welt nicht unbedingt stolz sein kann.
Ich mag meine Geschichten. Vielleicht sind wir in dem Punkt ja bald zu zweit. Freue mich drauf!
Herzliche Grüße
Alexandra

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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