She’s a Lady


Von Thea.
Die einmal sehr schön gewesen sein muss.

Es regnet in Strömen.
Der heftige Wind treibt das Wasser vor sich her, peitscht es über die norddeutsche Ebene.
Die weiten Kohlfelder sind abgeerntet.Die wuchtigen Räder der Erntemaschinen haben den Boden verdichtet.
Pfützen und Seen sammeln sich auf den Äckern.
Die silbernen Säulen der Petrochemie-Anlagen ragen über die flache Landschaft,
wie ein bizarres Mahnmal aus Stahl.

Die Chronik der Stadt erwähnt Erwin Rehn, Kämpfer im Widerstand gegen Hitler.
Und Fritz Thiedemann, Doppelolympiasieger im Springreiten.

~~~

Zur Chronik dieser Stadt gehört auch sie.

Ihre Beine, in den Nylons, zeigen sich lang und schlank.
Die Knie langen, engen Röcke geben das preis.
Eine schmale Silhouette auf Stöckelschuhen.
Sie trägt ein Cape aus weichem Fell.
Die schwarze Baskenmütze über dem langen blonden Haar.
Ihre Lippen blutrot bemalt.
Sie muss einmal sehr schön gewesen sein.

Als sie mir zum ersten Mal begegnet, fahre ich fast gegen den Baum.
So deplatziert – in dieser tristen Stadt.
Exotisch. Fremd.
Ein Paradiesvogel, der sich verflogen hat.
Es mag regnen, stürmen oder – wie kürzlich – schneien,
sie geht auf hohen Pumps, in kleinen Schritten ihren Weg.

Sie zaubert mir ein Lächeln in mein Gesicht.
Weil sie so unbeirrbar scheint.
Ihr Täschchen in der Hand, ihren Weg vor Augen.
So trotz sie jedem Wetter.
Und jedem neuen Tag.

Neulich – ich stehe hinten im Laderaum und sortiere meine Obstfracht –
da steht sie plötzlich zwischen den Flügeltüren des Lieferbusses,
sieht mich an, und fragt leise, mit feiner Stimme und betonten Silben:
„Verzeihen Sie?“

Ich blicke auf, in ihr noch immer schönes weil besonderes Gesicht.
Befangen.
Da spricht sie weiter:
„Verzeihung, hätten Sie vielleicht einen Euro für mich?“
Sie lächelt.
Es huscht über ihr Gesicht, und verschwindet so schnell, wie es gekommen war.
Ich bin so verdattert, dass ich anfange, zu stottern.
Und ihr unsinniger Weise von meinem Stundenlohn erzähle.
Das will sie nicht wissen.
Das hätte ich nicht sagen müssen.
Sie wünscht mir leise einen angenehmen Tag und geht.
Und ich?
Sehe ihr lange nach.
In ihren Stöckeln.
Im Regen.
In der Kälte und im Wind.

_______________________________________________

Thea
so heißt sie.
War Edelprostituierte.
Sie wurde älter. Und älter.
Ihr Mann hat sie verlassen.
Sei fort gegangen.
Und mit ihm ihr Lebensmut.
Sie spricht mit niemandem.
Senkt stets das Gesicht, wenn sie Menschen begegnet.
Sie lebt einsam.
Krank im Herzen.
Und von Hartz IV.

Sie ist noch immer schön.
Und eine Lady.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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