Von Ömchen Suhl


Am 18. Dezember 2011 habe ich an dieser Stelle über Ömchen Suhl geschrieben und erzählt von unseren Begegnungen.

Die alte Frau ist inzwischen gestorben.

Ihre kleine Kate wurde rasch verkauft an die Nachbarn. Sie steht bis heute leer.
Dort, wo am Rande des wild gewachsenen Wäldchens das Schild ‚Räuberwald‘ stand, findet sich jetzt ein ‚Betreten verboten‘ Schild. (Wäldchen sind selten in Schleswig-Holstein. Kleine Räuber auch.)
Die Tannen hat man ihrer Kronen beraubt. Wie dünne Holzsoldaten stehen die Stämme und bewachen das verlassene Haus von Ömchen Suhl.

In ihrem Garten wuchern die Sommerblumen. Der Phlox leuchtet weithin.

Manche Menschen hinterlassen ein reiches Erbe. Andere Schulden. Die Begabten Filme und Romane. Viele trauernde Partner und Familien.
Ömchen Suhl hinterlässt ein Lächeln. In meinem Gesicht.
Und den Phlox rund um ihr ‚Zauberhäuschen‘.

Ömchen Suhl
Jeden Tag ging sie spazieren.
Ein wenig krumm. Ein wenig schief.
Ganz wie die Bäume hier im Norden gewachsen sind,
vom ewigen Wind und den Stürmen gebeugt.
Fünfhundert Meter, von ihrer Kate bis zum Kanal. Gern auch mal ins Dorf.
Die Hände einander umfassend im Rücken, in kleinen Schritten.
Im Sommer trug sie Hut. Mal aus Stroh und mal aus Leinen.
Im Winter eine wollene Mütze, mit Klappen, die die Ohren zu schützen verstanden.

Alwin Kuhl, das war ihr Mann.
Doch der ist längst tot.
Nur im Örtlichen, da steht er noch immer: Alwin Suhl, Posthalter in Rente.
Ja, das waren Zeiten, als es im Dorf noch eine Post gab.
Mit Alwin Suhl, dem Herrn über all die Briefe, Karten, Pakete und Sendungen.
Und Irma Suhl, die jeden Morgen – bei Wind und Wetter – die Neuigkeiten zu den Leuten
brachte. Auf dem Rad, oder auch zu Fuß.
Irma Suhl kannten alle.
Und sie kannte jeden.
All das ist lange her. Eine Post gibt es längst nicht mehr.
Auch keinen Einkaufsladen. Die Leute fahren in die Stadt.

Jeden Tag ging sie spazieren.
Und manchmal kam sie auch bei uns vorbei.

Ich hatte eines von den Fohlen am Halfter.
Da blieb sie stehen und streichelte mit ihrer alten Hand,
mit ihren krummen, gichtigen Fingern durch die Mähne.
Wer ich sei, wollte sie wissen. Und ob ich neu sei hier? Und wo ich wohne?
Dass sie Pferde gehabt hätten, erzählte sie mir. Und Kühe. Landwirtschaft.
Sechsundachtzig sei sie schon.
Und wie sie das sagte, da lachte sie leise, und schüttelte ihren Kopf mit dem lichten, grauen Haar. Und dann sprach sie weiter, das Fohlen in unserer Mitte, auf dem Weg zum Kanal.
„Jeflichtet bin ich. Mit meinem Mann, dem Alwin. Aus Schlesien. Als die Russen kamen. Mit nix simmer los. Nix jehabt hammer nicht. Mein Alwin und ich.“
Vor 1945 sei das gewesen. So lang schon lebe sie hier, im kleinen Dorf am Kanal.
Und dort, Im Wolfsnest, meinem Zuhause, da habe sie selbst einmal gelebt.
Früher.
Mit dem Schwager, der Schwester.
Zu fünft unter einem Dach.
Lange sei das her.
Ihre grauen, trüben Augen schienen abwesend, im Blick zurück.
Sie erzählte vom Krieg, von ihrem Vater, den die Russen erschossen hätten.
Von der Tochter, die weit weg in Hamburg lebe.

Vom Enkelkind, das sie kaum sehe.

Jeden Tag fahre ich an ihrer Kate vorbei.
Ein kleines Backsteinhaus.
Umwuchert von Phlox, wilde Mageriten, Hagebutten und einem Meer von Ringelblumen. Umstanden von alten, hohen Tannen.

‚Ömchen Suhl‘ – so sagen sie zu ihr im Dorf.
Und alle wissen Geschichten zu erzählen, über sie.
Dass sie Holz stibitze, bei den Nachbarn.
Dass sie ihre Mülltüten in die fremden Tonnen stopfe, um Geld zu sparen.
Wie hoch ihre Rente sein müsse, weil der Alwin doch bei der Post gewesen sei.
Dass ein Russe ihr das Kind gemacht habe. Auf der Flucht.
Sie erzählen, sie habe die Briefe geöffnet, von den anderen.
Geizig sei sie, die alte Frau.
Was man eben so erzählt, in einem Dreihundertseelendorf, in dem sonst nicht viel passiert.

Einmal fiel ein Pferd in einen der breiten Bewässerungsgräben.
Zehn Mann von der Freiwilligen Feuerwehr rückten nachts aus.
Scheinwerfer fanden Platz, sie hätten ein WM-Endspiel ausleuchten können.
Die Unglücksstelle wurde weiträumig abgesperrt.
Das Pferd, vor Angst fast verrückt geworden, zappelte und tobte, das Wasser bis fast zu den Ohren. Der Einsatzleiter, im Habitus eines Oberstleutnants in Gefechtsstellung, ging ganz in seiner Rolle auf.
Ja, spektakulär war dieser Einsatz.
Wie selten was, im Dorf.

Einen berühmten Schriftsteller haben wir hier auch.
Sein Vater war Generalgouverneur über das besetzte Polen, im Dritten Reich.
Daraus drehten sie ihm in den Nürnberger Prozessen den Strick, an dem sie ihn erhängten.
Dann ist da noch der Schauspieler, der Autos sammelt und seit vielen Jahren, mit Hamburger Schnack, sein Revier im Ersten vertritt.
Viel ist nicht los, im kleinen Dorf.

Also reden sie. Über jeden.
Und über Ömchen Suhl.

Als sie mir das nächste Mal begegnete, goss es in Strömen.
Ich fuhr die schmale Spurbahn längs, wollte mir eine Zeitung an der nächsten Tankstelle kaufen.
Da ging die alte, gebeugte Frau voran, eine mit schweren, nassen Holzklaftern randvoll beladene Karre vor sich her schiebend. Das kleine Gespann schwankte Besorgnis erregend im wilden Regensturm.
Was blieb mir übrig? Ich stieg aus.
Der Walter vom Nachbarhof habe zwei Fichten gefällt. Das Holz, ob sie es haben dürfe, hätte sie ihn gefragt. Und ja, er habe ja gesagt. Und nun müsse sie es nach Hause bringen.
Zwei Fichten? Ich überschlug in Gedanken, wie oft sie da zu pendeln hätte.
Mit der Schubkarre. Im Regen. Mit achtundachtzig.
Es war ihr nicht auszureden.
Nein, nein, es mache ihr nichts.
Sie könne das.
Das Holz sei gut. Und schließlich sei es geschenkt. Und so weiter. Und so fort.
Am Ende waren es acht Fahrten mit meinem Auto, das nasse, harzige Holz im offenstehenden Kofferraum.
Danke. Und nett sei das. Und in der nächsten Woche, da habe Bauer Bode Holz für sie. Und es sei ja kein Problem. Schließlich sei sie ja noch fit.
Glücklich sah sie aus, über ihre Beute.
Und zufrieden mit sich.
Und der Welt.

Manchmal brachte ich ihr Obst mit. Vom Markt.
Ein Körbchen Erdbeeren.
Eine Schale mit Heidelbeeren.
Im Sommer Zitroneneis.

Im Winter vor zwei Jahren, da trafen wir uns am Kanal.
Zu Weihnachten sei sie allein. Aber das mache ihr nichts aus. Sie gehe ohnehin stets um sieben schon schlafen. So sei sie das gewohnt, auch von früher noch. Und nein, zur Tochter sei es zu weit. Und die sei ja auch schon fünfundsechzig.
Und nein! Vielen Dank. Aber sie wolle nicht zu uns kommen, an Heiligabend.
Sie könne nicht mehr manierlich essen. Kleckere.
Und nein, es mache ihr nichts aus.
Sie sei gerne allein. Aber freundlich sei das schon. Von mir.
Und ja, ich dürfe ihr gerne was von der Gans bringen.
Und vom Rotkohl. Und den Knödeln.
Vor der Tür, da sei ein Fass. Dort stünde sonst das Essen auf Rädern.
Und wenn ich wollte, dann solle ich doch die Gans, und die Knödel, und den Kohl dort
hinstellen.

Ich fuhr los. Um sechs, Heiligabend.
Die Kate lag dunkel zwischen den Tannen.
Kein Licht.
Keine Kerze.
Dunkelheit.
Rechts, neben der Türe, das Blechfass.
Ich stand dort, vor der Türe.
Wollte klopfen. Und tat es nicht.

Jeden Tag fahre ich an der Kate von Ömchen Suhl vorbei.
Jeden Tag ging sie spazieren.

Wir sahen uns oft. Winkten einander. Ich hielt an, auf einen Schnack.
Manchmal fuhr ich auch vorbei. Sie lachte und ging ihrer Wege.
Wann immer ich sie sah, war ich froh.

Vor wenigen Tagen, Nachbar Uwe war im Garten, da erzählte er mir,
Ömchen Suhl sei gefallen.
In ihrer Küche.
Nackt habe man sie gefunden. Auf dem Boden liegend.
Bewusstlos.
Feuerwehr.
Und Polizei.
Die Tochter sei verständigt.
Es sei zu weit, von Hamburg hier hinaus aufs Land.
Sie liege im Krankenhaus, bis es ihrer besser ginge.
Dann käme sie ins Pflegeheim.

Nützt ja nix.
So sagt man hier oben. Wenn man sich abfindet, mit allem. Und jedem.
Fast neunzig sei sie schließlich. Und es sei besser so.
Für sie.

Jeden Tag fahre ich an ihrer Kate vorbei.
Der Phlox hängt welk und erfroren.
In der Einfahrt stapelt sich ein Leben.
Kühlschrank.
Alte Stühle.
Eine Couch.
Eine Kommode.
Ein schiefer Schrank.
Jede Menge blauer Säcke.

Jeden Tag ging sie spazieren.
Ömchen Suhl aus meinem Dorf am Kanal.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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