Wiedergefundene Momente ~ von Mart Wolff


Kein Moment ist je vorbei.

‚Wiedergefundene Momente‘ von Mart Wolff.
Ich freue mich, diese leise, feine Kurzgeschichte hier vorstellen zu dürfen.

Dass die von mir sehr geschätzte Autorin darüber hinaus auch ganz anders kann,
zeigt sie übrigens hier:

Mart kann auch hart.
Klick: ‚Then we take Berlin‚, ihr Beitrag im Rahmen des aktuellen Krimi-Schreibwettbewerbs bei neobooks.

Wiedergefundene Momente

Spätsommermorgen in den Summerland Meadows sind begnadete Lügner.
Das weiß sie längst. Sie vermakeln auch jenem einen unbeschwerten Neuanfang, der die Hypothek von Gestern noch nicht abgetragen hat. Es ist immer dasselbe Schauspiel: Die Sonne hebt sacht den Vorhang der Nacht, bis der Tag unter dem roten Saumweg durchschlüpft, die tägliche Last noch konturenlos auf seinen Schultern.

Nach einer schlaflosen Nacht hatte die Dämmerung sie gelockt. Nicht, dass sie sich von dem neuen Morgen etwas anderes versprochen hätte, als Tageslicht. Keinen Neuanfang. Keine Klarheit. Nur ein bisschen Aufhellung bei einem unbehelligten Spaziergang in aller Frühe. Sie schaut auf ihr Ziel. Über den raureifsilbrigen Hängen von Glastonbury Tor steigen viel förmige Nebelfahnen auf.

Sieh’ nur, die flüchtigen Schattenrisse, die sich eilig mit ihm erheben!

War da was? Sie hält inne. Nichts. Vor ihr reckt sich nur der alte Turm von
St. Michael’s durch die verwehenden Schleier ins Morgenrot. Nach einer kurzen Weile lenkt sie ihre Schritte wieder den schmalen Pfad hinauf. Seit dem Tod von Elias vor einem Dreivierteljahr reagiert sie empfindlich auf alltägliche Geräusche, die von Leben zeugen. Jedes Husten, Räuspern und Schnaufen kann sie in Rage bringen, um sie im nächsten Moment in tiefe Trauer zu stürzen. Warum ihr Sohn? Waren das Letzte, was er sah, die Scheinwerfer des Lkw? Ob er sie in der Dunkelheit für Augen aus Licht gehalten hat?

Komm’ näher! Ich erkenne dich.

Geblieben ist die Erinnerung. Sie richtet sich am Tod auf wie jedes Tratschweib an schlechten Neuigkeiten. Warum verlischt sie nicht mit dem, der gehen muss? Das würde doch alles einfacher machen.

Sie beschleunigt ihre Schritte. Der Anstieg gibt den Blick frei auf den spitzen Torbogen der Ruine.

Gleich bist du bei mir.

Sie bleibt stehen, verharrt beinahe reglos. Was sucht sie eigentlich an diesem Ort?
Als ob dieser grüne Hügel, eine Laune der Natur, ihr irgendeine Antwort auf ihre Fragen geben könnte.

Komm’ doch näher! Ich erzähle dir eine Geschichte.

Wie soll sie nur diesen Tag überstehen? Und all diese Bilder: Elias, blutig rot, vor dem Durchtrennen der Nabelschnur; Elias, schlafend, in ihrem Arm; Elias, lachend, auf Tims Schultern; Elias, an all den wenigen Stationen seines kurzen Lebensweges?
Sie weiß es nicht. Und dann ist da noch der 15. November und das Schlussbild: Elias, überrollt und blutüberströmt, hinter einem Paar Zwillingsreifen.

Da, wo du stehst, wurde Richard Whiting, der letzte Abt, vom Wagenrad los gebunden.

Selbst wenn sie daran glauben würde, oder sich für einen Moment auch nur einbilden könnte, daran zu glauben: Gwyn ap Nudd, Herrscher über das Reich der Toten, der diesen kleinen Höhenzug in Somerset zu seiner Residenz auserkoren hat, kann ihr Elias nicht wiederbringen. Es steht nicht in seiner ihm nachgesagten Macht.
Sie schüttelt den Kopf. Alte keltische Mythen halten noch nicht mal warm, wenn man an sie glaubt. Sie schaut auf ihre Armbanduhr. Sie macht kehrt. In einer Stunde öffnet der Frühstückraum des kleinen Hotels, in dem sie gestern abgestiegen ist. Hals über Kopf war sie geflohen. Vor dem herannahenden Datum geflohen. Heute ist Elias’ Geburtstag. Der erste nach ihm. Und der erste ohne ihn.

Nein, kehr’ nicht um! Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Da ist doch etwas. Irgendetwas hinter ihr. Sie stoppt abrupt, dreht sich um und blickt wieder hoch. Der alte Turm von St. Michael’s und die oberen Rasenterrassen von Glastonbury Tor locken den Betrachter inzwischen mit ihrer aufgeräumten Klarheit. Wie Scherenschnitte heben sie sich jetzt gegen das ins Blau vergehende Rosa-Orange des wolkenlosen Himmels ab.

Jener zweite Samstag im November 1539 war ein klarer Morgen.

Was auch immer dieser Morgen für sie bereit hält, sie will es jetzt wissen.
Sie setzt den Aufstieg fort.

Als sie vor zwei Jahren zuletzt den Hügel erklommen hat, hielt sie Elias an der Hand. Elias fand den Ausflug langweilig. Bis er eine versprengte Schwarzbunte auf dem Plateau entdeckte, die entspannt im Gras lag und auf das South Moor blickte. Er war wie elektrisiert, fragte Tim Löcher in den Bauch und stellte selbst wilde Spekulationen an, wie die Kuh hier wohl hoch gelangt sei. Beide pirschten sich schließlich vorsichtig an, um ein Foto zu machen.

Da, wo du hinsiehst, standen die von Thomas Cromwell befehligten Schergen.

Sie nimmt entschlossenen die letzten Stufen zum Plateau und blickt sich um.
Niemand zu sehen. Sie geht auf das spitze Tor der Turmruine zu.
In dessen Mitte bleibt sie stehen.

Hier wurde der Abt hineingeführt und aufgeknüpft.

Einem Impuls folgend schaut sie nach oben. Das alte Gemäuer schützt kein Dach mehr. Regen hat die Fugen ausgewaschen. Die Steine sind vom Moos grün ausgeschlagen.

Sie haben ihn gevierteilt und seinen Kopf über dem Tor zur Abtei befestigt.

Ist da wer? Doch nur sie und der gut 800 Jahre alte Turm scheinen sich die Gegenwart zu teilen. Sie tritt auf den gegenüberliegenden Torbogen zu, streichelt über den Stein und lehnt sich an. 800 Jahre, geistert es ihr durch den Kopf, das ist unvorstellbar lang. Und doch nur ein Wimpernschlag vor dem nächsten.

Neulich, in 1895, da haben sich einige hier versammelt und seiner gedacht.
Sie sagten, der Papst seiner Kirche habe den Abt als Märtyrer der Klösterauflösung durch Heinrich VIII. anerkannt und selig gesprochen.

Es muss irgendwie weitergehen, allein Tims und Lisas wegen. Andere haben doch auch einen Weg gefunden, damit zu leben. Sie ist nicht die erste und sie wird nicht die letzte Mutter sein, der das Schicksal abverlangt, den Trauerzug hinter dem Sarg ihres Kindes anzuführen. Das Schicksal ist unberechenbar. Aber es wiederholt sich.

Kein Moment ist je vorbei.

Sie lehnt immer noch im Torbogen und schaut in die weite Ebene.
Dort hat die Sonne den Nebel für heute aufgelöst. Am Fuße von Glastonbury Tor steht eine Schwarzbunte. Wieder hört sie ein Sirren. Und jetzt sieht sie ihn, den Blondschopf, der den Trampelpfad hinab, der Schwarzbunten entgegen tollt.

Tim hinterher.

Copyright sowie sämtliche Rechte liegen bei Mart Wolff

Nachtragend:
Ich bedanke mich, auch im Namen von Mart Wolff, für die Veröffentlichung unter Klick: mm-creative daily post

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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