Gegen das Vergessen: Von einem aus über fünf Millionen Opfern


Zum Gedenktag der Opfer des Holocaust

Über fünf Millionen Juden, Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Häftlinge anderer Nationalitäten, behinderte Menschen, Kommunisten und Sozialdemokraten, Homosexuelle und Zeugen Jehovas wurden Opfer des Nationalsozialmus.

27. Januar 1945: Das KZ Auschwitz-Monowitz wird am Vormittag, das Stammlager Auschwitz I und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am frühen Nachmittag durch die Soldaten der sowjetischen 322. Division befreit.

Im Konzentrationslager Auschwitz starben aufgrund der Arbeitsbedingungen, aufgrund von Hunger, Krankheiten, medizinischer Experimente oder als Opfer von Exekutionen über 1,5 Millionen Menschen.

Allein 900.000 deportierte Kinder, Frauen, Männer, junge wie alte Menschen wurden direkt nach ihrer Ankunft im Lager ermordet.

Eine von ihnen war Else Ury,
geboren am 1. November 1877 in Berlin.
Gestorben am 13. Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.
Else Ury ist die Schöpferin von Annemarie Braun, deren Leben sie in insgesamt zehn Bänden in ihrem Gesamtwerk Nesthäkchen schildert.
Diese Erzählungen machten Else Ury zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Weimarer Zeit und ihre Titelheldin Annemarie Braun zur Identifikationsfigur für etliche Mädchengenerationen.

(Else Ury in Berlin, ca. 1896 Haus der Wannsee-Konferenz, Sonderausstellung Else Ury, Lebenslauf und Fotos http://www.ghwk.de/sonderausstellung/ury/lebenslauf.htm)

Bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden von den Nesthäkchen-Büchern fast sieben Millionen Exemplare verkauft.

Else Ury beschreibt mit dieser Kinderreihe fast ein ganzes Frauenleben, von der Kaiserzeit bis zur Weimarer Republik. Rund siebzig Lebensjahre umfassen die zehn Nesthäkchen-Bände.

Sie stellt ihren jungen Leserinnen die Figur in direkter Ansprache vor:
„Habt ihr schon mal unser Nesthäkchen gesehen? Es heißt Annemarie, ein lustiges Stubsnäschen hat unser Nesthäkchen und zwei winzige Blondzöpfchen mit großen, hellblauen Schleifen. ‚Rattenschwänze‘ nennt Bruder Hans Annemaries Zöpfe, aber die Kleine ist ungeheuer stolz auf sie. Manchmal trägt Nesthäkchen auch rosa Haarschleifen und die Rattenschwänzchen als niedliche kleine Schnecken über jedes Ohr gesteckt. Doch das kann es nicht leiden, denn die alten Haarnadeln pieken.“

Else Urys zweites Buch Studierte Mädel ragt aus ihrem Gesamtwerk heraus.
Die Schriftstellerin macht hier in ihrem Schaffen zum ersten und einzigen Mal deutlich, dass eine akademische Ausbildung für Mädchen kein Hindernis für Eheglück und Familie sein muss. Das Buch erschien 1906 und wurde sowohl von der Presse als auch vom Publikum wohlwollend aufgenommen. Gleichzeitig mit Erscheinen dieses Buches schrieben sich die ersten Frauen an deutschen Hochschulen ein.
Else Ury traf also den Nerv dieser Zeit.

Als nach Hitlers Machtergreifung für die jüdischen Familien die Zeit der Verfolgung beginnt, ändert sich auch das Leben der geachteten und berühmten Schriftstellerin.

Marianne Brentzel schreibt über Else Ury in dieser Lebenssituation:
„Else Ury war eine unpolitische, konservative Frau des deutschen Bürgertums, die mit großer menschlicher Anteilnahme das Massenelend der Arbeitslosigkeit sah und im Sog der Massenbegeisterung Hitler für eine mögliche Lösung aus der tiefen Staatskrise hielt. Sie hat 1933 die Augen vor der politischen Wirklichkeit verschlossen, wie sie es vor den Geschehnissen im öffentlichen Raum ihr ganzes Leben getan hat. Sie hat einmal mehr der heilen, deutschen Familie ein Denkmal setzen wollen.“

Am 6. März 1935 wurde Else Ury aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Das war das Berufsverbot für sie. Dass Else Urys Bücher in Deutschland nach 1935 dennoch weiterhin sehr beliebt waren, zeigt sich an einem Kommentar in der Geschichte des deutschen Jugendbuches von 1942:
„Die ‚Backfischliteratur‘ führte zu den ebenso törichten, aber weit verbreiteten Fortsetzungsgeschichten von Emmy v. Rhoden ‚Trotzkopf‘ und den ‚Nesthäkchenbänden‘ der jüdischen Verfasserin Else Ury, die hier deshalb ausdrücklich aufgeführt wird, weil sie heute noch gelesen wird, ohne daß man über ihre Abstammung unterrichtet ist.“

Am 6. Januar 1943 wurde Else Ury der Deportationssammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 in Berlin überstellt. Die Mitteilung über den Verlust ihrer deutschen Staatsbürgerschaft sowie die damit verbundenen Einziehung ihres Vermögens erreichte sie am 11. des Monats.
Am 12. Januar 1943 wurde Else Ury im 26. sogenannten Osttransport des RSHA unter der Nummer 638 nach Auschwitz deportiert.
Von den 1000 Berliner Juden, die in diesem Zug am 13. Januar 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der ‚Alten Rampe‘ nur 127 Männer als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen 873 Deportierten dieses Zuges, darunter Else Ury, wurden nicht als Häftlinge registriert und sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. (Quelle: Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 382; Stephen Lehrer: Nesthäkchen And The World War, 2006, S. XII; siehe auch: http://www.mariannebrentzel.de/ury-rezensionen.html)

1995 wurde Else Urys alter Koffer, versehen mit einem Kofferband, auf dem ihr Name und ihre Herkunft (Berlin) verzeichnet worden waren, im ehemaligen KZ Auschwitz entdeckt. Der Koffer wird heute im Museum Auschwitz verwahrt.


Eines von über fünf Millionen Opfern.
Ein Schicksal von so sehr vielen.

Nachtrag:
Ich schreibe zum heutigen Anlass über Else Ury, weil ich ihre Bücher in all meiner kindlichen Unwissenheit, meiner Unschuld und meinem Urvertrauen mit Begeisterung gelesen habe, ohne zu wissen oder auch nur zu ahnen, was man ihr und mehr als fünf Millionen Menschen angetan hat.

Meine kindliche Unwissenheit habe ich verloren.
Meine Unschuld ebenfalls.
Nicht aber mein Urvertrauen darin, dass Erinnern und Gedenken
ein Sich-Wiederholen niemals mehr möglich machen dürfen.

Ich gedenke der Opfer des Nationalsozialismus.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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