Die Altherren unter sich – Pinguinparade zu Braunkohl und Pinkel


Frauen müssen draußen bleiben

titelt der Spiegel einen Bericht über drei Institutionen – insbesondere der Stadt Bremen, als Hochburg altehrwürdiger Männerbünde – die weiblichen Wesen nach wie vor (und gerne auch ewig gestrig) den Zugang zu ‚elitären‘ Kreisen verwehren.

Als da wären namentlich genannt:

Klick: Schaffermahlzeit
„Seit Jahrhunderten hat sich an den Regeln während der Schaffermahlzeit nichts geändert. Frauen müssen draußen bleiben, wenn Männer in Frack und Zylinder zum Mahl in der oberen Halle des Rathauses erscheinen. Auswärtige Gäste, vielfach Geschäftspartner, dürfen nur ein einziges Mal in ihrem Leben teilnehmen, weshalb eine Einladung als große Ehre gilt. Beim Einlass der Teilnehmer vom Festsaal des Neuen Rathauses in die Obere Rathaushalle des Alten Rathauses beginnt bei Öffnung der Tür das Hanseatische Salonorchester mit dem „Einzug der Gäste“ aus der Oper „Tannhäuser“ von Richard Wagner. Eröffnet wird das Mahl mit dem Ruf: „Schaffen, schaffen unnen un boven – unnen un boven schaffen!“ durch den Verwaltenden Vorsteher des Haus Seefahrt. Die Mahlzeit läuft nach einem festen Ritus ab, der auch vor menschlichen Bedürfnissen nicht halt macht. Nach dem Abtragen der Suppenteller steht für die weiteren Gänge nur ein Bestecksatz zur Verfügung. Messer und Gabel werden dann mit den an jedem Platz bereitliegenden Löschblättern gereinigt.
Weitere feste Regeln:
Nach jeder großen und besonders wichtigen Rede erschallt es aus den Kehlen der Anwesenden: „Hepp, hepp, hepp – hurra!“ Es wird nicht geklatscht.
Reden und Festessen finden bis 19.30 Uhr statt.
Danach beginnt der Seefahrtball – mit Frauen und Tanz.
Beendet wird das Fest pünktlich um 22 Uhr.“ (Quelle: Auf die Schnelle erklärt, Webseite des Veranstalters.)
Hier eine Liste der bisherigen Teilnehmer aus Wikipedia:
Klick: Teilnehmer an der Veranstaltung

Klick: Eiswettfest
„Rund 700 Herren, alle von respektablem Ruf und Rang, einige wenige im Frack, die große Mehrheit im Smoking, sitzen an einem Januar-Nachmittag ab 15.00 Uhr im größten Saal der Stadt, lauschen mindestens fünf langen Reden unterschiedlicher Qualität, hören Musik von einer Militärkapelle, trinken Riesling von der Mosel und guten Bordeaux zu Braunem Kohl, Pinkel, Mettwurst, Kassler und Schweinebauch, dazu auch einen Schnaps, davor zwei Gänge, einen Fischteller und eine Hochzeitssuppe, danach Rote Grütze mit Vanillesauce, spenden ganz freiwillig eine erhebliche Summe an Geld und gehen nach acht Stunden wieder auseinander, geeint von dem glücklichen Gefühl, einem ganz besonderen, einem einzigartigen Ereignis beigewohnt zu haben.“ (Aus dem Prolog der Webseite des Veranstalters)

Klick: Bremer Tabak Collegium
… Es hat sich das vertrauliche, aber liberale Gespräch über Themen des Zeitgeschehens zum Ziel gesetzt – in dem Bewußtsein, damit der Pflege hanseatischer, insbesondere auch bremischer Kultur und Tradition zu dienen.“ (Zu den Zielen des BTC, Originaltext der Webseite, die darüber hinaus kaum wesentliches zu berichten weiß.)

Nun bin ich ja in insgesamt fünfundvierzig Lebensjahren aus ganz privater Erfahrung zu der Erkenntnis gelangt, dass die Herren der Schöpfung sich grundsätzlich mit Wandel und Veränderung altbewährter Rituale schwer tun.
Meiner – um ein Beispiel zu nennen – isst seit vierzig Jahren zu Mutters Königsberger Klopsen ausschließlich Blattsalate mit Zucker und Zitrone und betrachtet Menue-Abweichungen als persönlichen Affront.

Dass sich jedoch die Big Player der deutschen Unternehmen an diesem traditionellen Unfug rege beteiligen, dass sie ihn stützen, fördern und ihn durch Präsenz ihrer Top-Manager nach wie vor legitimieren, das macht den Anachronismus zur Realsatire.
Fast putzig, wie sich da die im Spiegel zitierte Bremer Firmenchefin Janina Marahrens-Hagen zur Wehr setzen mag mit ihrem zaghaften Statement:
„Man sollte auch ein bisschen an die Zukunft an denken.  …“

Ein bisschen?

„Im Bemühen um Chancengleichheit den Sinn für Humor und die Toleranz für Männer-Folklore zu verlieren, wäre schade“, meint der Axel-Springer-Verlag vielleicht ja auch deshalb, weil allen voran Tausendsassa Döpfner beim hiesigen 183. Eiswettfest über Freiheit zu schwadronieren verstand?

2007 sprach unsere der Quote gegenüber ablehnende Frau Kanzlerin Dr. Merkel („Der Wirtschaft sollte nach ihrer Meinung noch einmal die Chance geben werden, freiwillig zu Fortschritten zu kommen.“, so Reg.Sprecher Seibert) vor den ‚Schaffern‘ und dient einstweilen Unternehmen wie Daimler, der Deutschen Bank u.a. munter als Rechtfertigung, für den Ausschluss der Damenwelt.

Mitfinanziert wird das BTC beispielsweise von Unternehmen wie Siemens, der KPMG sowie weiteren 40 Firmen.

Nun könnte Frau sich fragen:
Und? Was ficht mich das, wenn ich auf Wagner und das große Fressen verzichte?
Doch auch den geladenen Herren geht es, lt. Spiegel, weit weniger um das Brimborium drumherum, denn mehr um die knappe Zeit zwischen langatmigen Reden und Verdauungsprozess, die “ … Rauch- und Pinkelpause, zärtlich Raupipau genannt. Denn hier werden Netzwerke geknüpft, Geschäfte angebahnt und Karrieren geschmiedet.“

Wie sagt es Bremens Handelskammer-Vize Wiebke Hamm (eine Frau!) so klug:
„Der Erste, der eine Frau als Gast mit zur Schaffermahlzeit bringt, muss ein mutiger Mann sein – glauben die Männer.“

Und genau den scheint es nicht zu geben.
In Bremen. Um Bremen. Und um Bremen herum.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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