Die Sache mit der Socke


„Heute trage ich die mit einem deutlichen ‚L‚ gekennzeichnete Socke rechts. Das gibt mir ein grandioses Gefühl von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.“ #sockenrevoluzzer“

Regeln bestimmen mein Leben.
Weitgehend halte ich mich an sie.

An die meisten von ihnen, weil sie Sinn machen und für ein angenehmes und soziales Miteinander stehen.
Regeln der Höflichkeit, des Respekts.

An andere, weil ich mich per Unterschrift zu ihnen verpflichte.
Im Job, innerhalb eines Vertrages.

An die großen Regeln (Gesetze) weil mir wenig danach ist, mich mit Gesetzeshütern auseinander zu setzen. Kleinere Überschreitungen inbegriffen. Die rosarote Ampel.
Das Tempo-80-Schild. Immer wieder gerne: Parkverbote, Feldwege, Einbahnstraßen.

Die Unausgesprochenen – das sind die, die man spürt, fühlt, die mir keiner beim Namen nennen muss, nach Kant a priori gültig für alle vernünftigen Wesen.
Eben genau jene Regeln, die mich oft an anderen Menschen (ver-)zweifeln lassen,
weil sie offensichtlich so gar nichts fühlen. So gar nichts spüren. Und doch so gut durchs Leben zu kommen scheinen.

Die weitgehend sinnfreien Regeln. Diese ‚das war schon immer so‘-Arrangements, die aus Bequemlichlich- und Gleichgültigkeit kein Mensch (mehr) hinterfragt. Da reizt es mich ungemein, …
Bleibt ein Abwägen zwischen Sinn und Unsinn, zwischen Lust und Laune.

Die familieninternen Regeln. Gesetze? Die zur Kultur der eigenen Sippe gehören.
Ein Tabu, wenn es darum geht, auszubrechen. Die wesentliche Bastion auf dem Weg in ein eigenes, selbstbestimmtes Leben.

Jene der Sprache. Unabdingbar, wenn man schreibt. Gleichermaßen unsinnig (siehe Rechtschreibreform, der ich mich noch immer verweigere.) Regelübertritt in einer Mischung aus Unmut und hie und da auch Unkenntnis, die ja vor Strafe bekanntermaßen nicht schützt.

Und dann sind da diese verdammten grauen Socken mit ihrem L und ihrem R.
L für Links. R für Rechts.
Beide Socken sehen absolut identisch aus.
Ich kann auch mit bestem Willen nicht erkennen, dass sich die eine für meinen linken und die andere ausschließlich für meinen rechten Fuß zu eignen scheint.
Ich schau mich um, hier im Badezimmer.
Keiner da, außer mir.
Also kann ich doch einfach mal – ja, ich probiere es.
Socke L rechts. Socke R links.
Passen wie dafür gemacht.
Und fühlen sich dennoch so merkwürdig falsch an.
Ich ziehe die Schuhe darüber. Dann muss ich weder L noch R sehen.
Und dennoch … warum auch immer. Es fühlt sich falsch an.

Den ganzen Tag über.

Ich plane im Kopf den Autounfall, die Einlieferung in die Notaufnahme und die Stimme des Arztes, die meint: „Typisch Frau. Links ist dort, wo der Daumen rechts ist.“

„Heute trage ich die mit einem deutlichen ‚L‚ gekennzeichnete Socke rechts. Das gibt mir ein grandioses Gefühl von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.“ ,
habe ich aus schierem Übermut getwittert.

Was bleibt, sind die bohrenden Fragen:
Warum überhaupt werden diese verflixten Socken beschriftet?
Und warum – zum Teufel – bin ich so auf Gehorsam gestrickt?

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

6 Kommentare

  1. Mr.Ium

    Warum überhaupt werden diese verflixten Socken beschriftet?

    Hm. wohl damit diejenigen unter uns, die den Bommel vorne haben bei Tanzkurs wissen welches Bein sie nun heben sollen 🙂

    Oder für die ganz Schlauen welcher Tag ist, den es gibt auch wunderbare Sockenexemplare mit: „Montag“, „Dienstag“,…..

    Und wenn dann das sockenfressende Wäschetrocknermonster zuschlägt und man Dienstags mit jeweils 1 mal „Sonntag“ und „Freitag“ dasteht ….
    Man nach 3 Tagen endlich auf einem Bein hüpfend beim Textilhändler seines Vertrauens gelandet ist …
    Dort nur noch „Mittwoch“ im Regal liegt und der letzte Bus davonbraust, der nächste nicht vor Montag kommt …

    • Eine Antwort auf diese Frage habe ich nicht. (Jedenfalls keine schlaue) Aber über deinen Besuch hier freu ich mich riesig. Das Problem mit der Waschmaschine haben übrigens meistens Männer. Die Erklärung dafür liefere ich gleich mit. Wenn man eine Socke in die Maschine stopft, dann kann auch nur eine wieder raus wandern. Und die zweite liegt meist dort, wo Mann sie hingeschlampert hat. 😀

      • Mr.Ium

        „Das Problem mit der Waschmaschine haben übrigens meistens Männer.“ Soweit stimm ich mal zu – allerdings geht meine Theorie danach andere Weg.
        Wie Frau meist kopfschüttelnd bemerkt trägt Mann oft auch Socken mit Loch – bzw. ich zitiere „Loch mit Resten einer Socke“. Dass der Rest Socke danach in der Waschmachine endgültig im Loch verschwindet, ist also wissenschaftlich ganz einfach erklärbar.
        Ich fasse zusammen:
        Die Socke ist im (schwarzen) Loch verschwunden und wurde nicht verschusselt^^ (zumindest nicht immer) – Kirk Ende

  2. Die Hauptfrage ist: WER glaubt, dir solche Socken schenken zu müssen??? 🙂
    Deine Revolution gefällt mir sehr 🙂

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