Leseempfehlung: Die Vermessung der Welt – Daniel Kehlmann


Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Größe

Manchmal ist das eine recht eigenwillige Angelegenheit, wie ein Buch und ein Leser zueinander finden.

Im großen Hype um Kehlmann hatte auch ich mir das Buch vor Jahren gekauft, es angelesen und ein wenig irritiert beiseite gelegt. Dann, einige Zeit später, nahm ich es wieder zur Hand und … legte es beiseite. So ging das eine ganze Weile mit der Vermessung unserer schönen Erde und mir.

Es mag an Gauß und meiner mir angeborenen Abneigung gegen Zahlen gelegen haben? Vielleicht auch einfach an den ersten Seiten? Oder am Ende an der großen Erwartungshaltung, welche die Lobeshymnen der Presse in mir geweckt hatten?

Zwei gute Nachrichten:
Zwischenzeitlich hat mich das Buch gepackt:
Und: Es hält absolut, was es verspricht.

Was also schreibt man nun als Leser über einen Roman, von dem der Guardian behauptet, er sei eine Sensation? Den die Frankfurter Rundschau einen genialen Streich nennt?

Wunderbar.
Die lakonisch ironisch gehaltene Skizzierung der ungewöhnlichen Lebensläufe zweier Männer, die – ihrer Zeit weit voraus – den Geheimnissen der Erde auf den Grund rückten. Von Humboldt, stoisch schon fast, auf seinen Reisen über den südamerikanischen Kontinent, Schmerzen, Verletzungen, Rückschlägen und Gefahren trotzend, als könne ihm nichts und niemand etwas anhaben. Bonpland an seiner Seite.
Der Name eines Mannes, den ich zum ersten Mal hörte und dessen Leben und Sterben (in Armut) mein Interesse weckten.

Gauß. Absolut unfähig, Beziehungen aufzubauen. In seiner Intelligenz arrogant, ohne das sein zu wollen. Sorgt für Heiterkeit in jenen Passagen, über die man im Grunde schmerzlich das Gesicht hätte verziehen müssen.

„Von allen Menschen, die er je getroffen hatte, waren seine (Gauß) Studenten die dümmsten. Er sprach so langsam, dass er den Beginn des Satzes vergessen hatte, bevor er am Schluß war. … Am liebsten hätte er geweint.“

Überaus köstlich die Passage, in welcher Humboldt den preußischen Beamten Vogt
bewegen will, Gauß‘ Sohn Eugen aus der Haft zu entlassen.
Hier Humboldt, dessen Weltanschauung ganz und gar verhindert, das Bestechliche
in Vogts Zögern und Zaudern zu erkennen, ihm gegenüber Gauß, dessen Moral vor Weh und Wohl seines eigenen Sohnes stehen.

Fein auch die vorwiegend in indirekter Rede gehaltenen Dialoge, ganz besonders dann von großer Komik, wenn drei und mehr Personen zu ein und derselben Sache kommentieren.

Abschließend:
Herzlichen Dank Daniel Kehlmann, für dieses wunderbare Stück Zeitgeschichte.
Zahlen mag ich noch immer nicht, aber in diesem Kontext haben sie mich aufs Feinste unterhalten.

5 Sterne für ein Kleinod und eine unbedingte Leseempfehlung für Menschen, die feinsinnigen Humor ebenso mögen, wie literarische Ausflüge in die Vergangenheit.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

2 Kommentare

  1. … nur ein Frage: „Von allen Menschen, die er je getroffen hatte, waren seine (Gauß) Studenten die dümmsten. Es sprach so langsam…“ Es“ ist er? Und er spricht so langsam, damit sie ihn verstehen, verstehe ich das richtig?

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