Lesetipp ~ Fred Vargas und ihr neuer Roman ‚Die Nacht des Zorns‘


Spannung über 453 Seiten hinweg.

Ich bin, das gebe ich gerne zu, bekennender Vargas-Fan. Mit ‚Die Nacht des Zorns‘ setzt die Französin mit dem interessanten Pseudonym ihre Reihe fort und lässt Kommissar Adamsberg, seinen Stellvertreter Danglard und die bereits aus den vorangegangen Romanen bekannten Figuren der Brigade in gleich drei Fällen parallel ermitteln.

Sicherlich ist es der Möglichkeit des Serienromans zu verdanken, dass Vargas‘ Figuren so ganz besonders gut gelingen, mir inzwischen fast wie gute alte Bekannte vorkommen und mir in ihren Schwächen, Eigenarten und Macken so richtig ans Leserherz gewachsen sind. Adamsberg selbst, ein wenig abgehoben, schrullig im besten Sinne, ein Mann der großen Schwächen und gleichzeitig von unschlagbarer Intuition. Danglard, der gerne einen über den Durst trinkt, einem wandelnden Lexikon gleichkommt und darüber hinaus an seiner eigenen Eitelkeit, seinem Perfektionismus und seinem Stolz wächst und wiederum zu krepieren scheint.

Ich bin kein Krimi-Fan.
Die Begegnung mit Fred Vargas und ihren mystisch geheimnisvollen Romanen verdanke ich einem Zufall, für den ich dankbar bin.
Ihr gelingt nämlich genau das zu umgehen, was mich vom Lesen anderer Kriminalromane a la Beckett und Co. dauerhaft abzuhalten versteht: Sie lässt ihre Figuren in die Irre gehen, sie lässt sie scheitern und lässt sie zu Erkenntnissen gelangen, denen ich als Leser absolut folgen mag und kann.
Ich begegne keinen Stereotypen und sehe mich keinen grell beleuchteten Hausecken gegenüber, um die mich der Autor locken will, um mir von hinten ins Genick zu schlagen. Nein, Vargas nimm mich mit ihrer angenehmen Erzählstimme, ihrem unauffällig eingeflochtenen umfassenden Wissen, ihren klugen Recherchen und ihren spannenden Wendungen von der ersten Seite an gefangen. Und das in bisher jedem ihrer bereits erschienen Romane. Ausnahmslos.

Kleiner Störfaktor in diesem Band – die großen Brüste von Lina, die für meinen Geschmack über viele Seiten hinweg allzu oft Erwähnung finden, ohne Adamsbergs ohnehin kompliziertes Lebensleben auch nur ansatzweise wirklich berührt zu haben.

Das besondere an ihren Kriminalfällen ist das vorerst scheinbar im Bereich des Mystischen liegende Motiv – sie umgibt ihre Morde mit Legenden und Aberglauben – um sie zuletzt absolut plausibel und zutiefst menschlich begründet aufzulösen. Legt sie falsche Fährten, dann so, dass der Leser wohl die Lunte riecht, sich aber gerne auf das Verwirrspiel zwischen Fiktion und Realität einlässt.

Wer also wissen möchte, was General Michel Ney, die Schlacht bei Preußisch Eylau, der Fluch eines Heeres Untoter und die ungeklärten Mordfälle in der Normandie mit einer verletzten Taube, einem brennenden Großindustriellen und einer seltsamen Familie in einem kleinen französischen Dörfchen, ein jugendlicher Brandstifter und eine Unmenge an Zuckerwürfeln miteinander zu tun haben, der lese diesen feinen, unglaublich spannenden, atmosphärisch wie gewohnt starken Kriminalroman.

Fünf Sterne für Fred Vargas und den Aufbau-Verlag, dem mit dieser Autorin ganz sicher ein großer Glücksgriff gelungen ist.

Und nun heißt es: Warten auf den nächsten Coup aus dieser berufenen Feder.

Roman: Die Nacht des Zorns
Autorin: Fred Vargas
erschienen im aufbau Verlag
453 Seiten, Hardcover

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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