Einmal um die ganze Welt ~ unterwegs mit Phillip Springer, Zimmerergeselle und Tippelbruder


Im Rahmen einer Reportage für eine Lokalzeitung bin ich Phillip Springer begegnet.
Vor beinahe auf den Tag genau vier Jahren und fünf Monaten begann seine Reise in die Fremde, von der er am vorvergangenen Wochenende erstmals wieder in seine Heimatstadt zurückkehrte.

Im Interview zur Vorbereitung der Reportage bin ich drei jungen Männern im Alter von 25 Jahren begegnet, die mich durch ihre Lebenseinstellung, die Freude an ihrem Beruf und ihre deutlich zum Ausdruck gebrachte Bescheidenheit sehr beeindruckt haben.

Lieber Phillip,
ich danke dir herzlich für das tolle Gespräch, gemeinsam mit deinen Kollegen und Freunden. Für die Einsichten und Ansichten und für deine Geschichte, die meinen eigenen Horizont ein Stück erweitert hat.
Dir wünsche ich von Herzen alles Gute, jede Menge Glück und berufliche Zufriedenheit und deinen beiden Kollegen ‚Fixes Tippeln‘.

(Von links nach rechts: Phillip Springer, Mario Ludwig und Pascal Hans.)

Einmal um die ganze Welt – Ein Zimmerergeselle auf der Walz

Das Handwerk des Zimmerers gehört zu den ältesten Berufen und hat seinen Ursprung in der Bronzezeit, in der die ersten Blockhütten aus Holz errichtet wurden. Vor etwa 1000 Jahren entwickelte sich im Zuge der Städteentwicklung der heutige Zimmererberuf, der mit dem Fachwerksbau im Mittelalter seine Blütezeit erlebte. Damals entstanden die so genannten ‚Zünfte‘, innerhalb derer sich die Zimmerer nach für alle Mitglieder geltenden verbindlichen Regeln organisierten.

Die traditionellen Zünfte gibt es heute nicht mehr und auch die Holzverarbeitung hat sich durch den Einsatz moderner Maschinen und Computertechnik grundlegend verändert; trotzdem sind viele der alten Gepflogenheiten der Zimmerer aus dem Mittelalter erhalten geblieben. Zur bekanntesten Tradition dieses Handwerks gehört es, dass sich der junge Handwerker nach abgeschlossener Berufsausbildung – also als Geselle – auf die Wanderschaft – begibt.

Sinn und Zweck dieser mindestens drei Jahre und einen Tag dauernden Walz soll sein, sich beruflich weiterzubilden und in der Fremde Erfahrungen zu sammeln.

Früher war die Walz nach der Zunftordnung eine Voraussetzung für Gesellen, um Meister werden zu können. Seit Ende der Zünfte besteht diese Pflicht nicht mehr, weswegen weltweit nur noch einige hundert Zimmerleute auf Wanderschaft gehen. In den letzten Jahren sind die ‚Tippelbrüder‘ aber wieder vermehrt in Europa und der ganzen Welt unterwegs und reisen von Herberge zu Herberge.

Nicht jedem Gesellen steht es nach den Regeln der Vereinigung der rechtschaffenen Zimmerer und Schieferdecker  (ihr gehört der 25-jährige Wilsteraner Phillip Springer an) frei, im Rahmen dieser Tradition in die Welt hinaus zu ziehen. Rechtschaffen müssen die jungen Gesellen sein, ganz so, wie es sich im Namenszug und in der Selbstdarstellung der Vereinigung wiederfindet und das bedeutet:

Die Wahrheit zu sagen. Versprechen zu halten. Die Verantwortung für persönliche Fehler übernehmen, im Beruf und täglichen Leben. Zu sein, wer man zu sein behauptet, zu tun, was man zu tun ankündigt. Das sind die Tugenden der Rechtschaffenheit.

Darüber hinaus müssen die Gesellen, die auf Walz gehen wollen, jünger als 30 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos sein. Vorstrafen und Verschuldung – sprich Einträge bei der Schufa – gelten ebenfalls als K.-o.-Kriterien. Wer – wie Phillip Springer – all diese Voraussetzungen erfüllt, erhält die ‚Ehrbarkeit‘, die auf den ersten Blick einer schmalen schwarzen Krawatte gleicht, jedoch symbolischen Charakter hat und – anders als der Schlips – nicht geknotet, sondern einfach über den Kragen geführt zwischen Hemd und Brust eingelegt wird. Das hat nicht nur symbolischen sondern durchaus zweckmäßigen Wert: gerät das Ende der ‚Ehrbarkeit‘ bei der Arbeit in eine Maschine, so bleibt der Zimmermann am Leben und wird nicht sprichwörtlich erwürgt.

Fast alles an der Berufskleidung der Zimmerleute hat wahlweise symbolischen und/oder zweckmäßigen Sinn. Beginnend mit dem schwarzen Hut, der das Handwerkerhaupt wahlweise vor Sonne oder aber vor Regen schützt, über die Jacke, deren sechs Knöpfe für die ehemals sechs Arbeitstage pro Woche stehen. Weiter über die acht Knöpfe der Weste stellvertretend für acht Stunden Arbeit pro Tag, festgehalten mit dem gestichelten ‚Z‘, das den Zimmerer-Beruf symbolisiert.

Beginnt der Zimmerer mit seiner Arbeit, so krempelt er die Ärmel seines weißen Hemdes nach innen, Sägemehl und -späne geraten so ebenso wenig zwischen Kleidung und Körper, wie über die weiten Schläge der Hosen, die zudem aus Cord sind, weil sich hiervon das ‚Kleinholz‘ besser löst. Auch den Gürtel ziert das ‚Z‘, das Zeichen der Zunft. Gesellen tragen einen Ohrring, den man früher – sofern einer von ihnen etwas Unrechtes getan hatte – auszureißen pflegte. Dieser schmerzhaften Prozedur verdanken wir den Begriff des ‚Schlitzohr‘. Getragen wurde der Ohrring selbstverständlich nicht deswegen, er sollte vielmehr von solchem Wert gewesen sein, dass er dem Gesellen auf Wanderschaft ein Begräbnis hätte finanzieren können.

Seine Reise- und Ausrüstungsgegenstände verstaut der Zimmerer auf der Walz im ‚Charlottenburger‘, einem ca. 80×80 cm großen Tuch, das er als Bündel trägt. Erstaunlich ist, dass in diese 80×80 Zentimeter alles passt, was der Wandergeselle zum Leben braucht inklusive seines eigenen Werkzeugs (Hammer und Säge).

Der ‚Stenz‘ darf nicht fehlen, so wird der Wanderstab genannt. Und dann ist da noch das ‚Wanderbuch‘, eine Art Reisepass, in dem sich nach Ende der Walz die Siegel sämtlicher bereister Städte und Gemeinden sowie die von Hand geschriebenen Zeugnisse der unterschiedlichen Betriebe wiederfinden, für die der Geselle während seiner Wanderschaft gearbeitet hat.

So also ausgestattet zog Phillip Springer 2008 los von Zuhause, dem er sich nach den Regeln für die folgenden drei Jahre und einen Tag würde lediglich auf 50 Kilometer nähern dürfen. Hinter ihm lagen die erfolgreich abgeschlossene Ausbildung im Baugeschäft Otto Nagel sowie zwei Jahre beruflicher Praxis bei Sven Biermann in Hohenwestedt.

Und vor ihm die ganze Welt.

Über das Breisgau ging es nach Nürnberg, Trier, dann in die Schweiz und von dort nach Namibia (Südafrika), Neuseeland, die USA, Mexiko und Australien, um nur einige wenige Stationen seiner vier Jahre und fünf Monate währenden Wanderschaft zu nennen. In der Tasche das ‚Herbergsverzeichnis‘, eine Auflistung sämtlicher nationaler und internationaler Anlaufstationen für wandernde Gesellen.


Zur eigenen Ehrvorstellung der Wandergesellen gehört es, Ein- und Auskommen während der Dauer der Wanderschaft selbst zu verdienen. Die Gesellen werden in der Bundesrepublik, wo auch immer sie arbeiten, nach Tarifvertrag bezahlt und erhalten ganz offiziell Zeitarbeitsverträge. Unterkunft und Quartier sind – so Phillip Springer – mal mehr und mal weniger komfortabel. Und genau das sei, so sagt er, eine der vielen schönen Errungenschaft der Walz: „Man lernt Bescheidenheit und sich über Kleinigkeiten zu freuen.“ Überhaupt macht der 25-Jährige, gemeinsam mit seinen beiden Freunden und Berufskollegen Pascal Hans und Mario Ludwig, die zur Zeit in der Wilstermarsch auf der Walz und bei Phillips Mutter Frauke Springer zu Gast sein dürfen, einen sehr zufriedenen, glücklichen und durch die Erfahrungen seiner Wanderschaft gereiften Eindruck. Auf die Frage, was ihn am meisten beeindruckt habe, antwortet er mit einem strahlenden Lachen: „Es sind die Gastfreundschaft und das Vertrauen der Menschen, denen ich begegnet bin.“

Dass Wildfremde ihn ohne weiteres eingeladen und willkommen geheißen haben, dass sie ihm Obdach, Kost & Logis gegeben hätten, das habe ihn beeindruckt und ihm nachhaltig imponiert. Darüber hinaus seien es die handwerklichen Kenntnisse gewesen, die er sich vor allem im Süden der Republik und in der Schweiz habe aneignen können, weil man – so erklärt er – dort noch sehr viel traditioneller auf aufwändiger mit Holz baut.

Manchmal, so sagt Phillips Mutter, Frauke Springer, habe sie mehrere Wochen nichts von ihrem Sohn gehört. Handys, I-Phone und jedweder technische Schnickschnack sind nämlich tabu auf Wanderschaft, einer echter Anachronismus und vermutlich für die meisten Altersgenossen unvorstellbar. Dennoch hielt Phillip selbstverständlich über diese lange Zeit Kontakt zu seiner Familie, wahlweise über Telefon oder Mails aus Internetcafés. So erreichte ihn 2009 in Südafrika auch die traurige Nachricht vom Tod seines Vaters Jesko, der an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben war.

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So traditionell, wie der Auszug der Wandergesellen, gestaltet sich auch die Heimkehr. Von knapp 20 Berufskollegen zu Fuß begleitet, legte Philipp Springer die letzte Etappe bis zum Ortsschild von Wilster singend und nach eigenen Worten sehr aufgeregt zurück. Dort erwarteten ihn – gemeinsam mit vielen Wilsteranern – seine Mutter, Frauke Springer, Schwester Lara und Freundin Sandra Eiden.

Gefeiert haben die Jungs dann im Anschluss an das Willkommen am Ortsschild gemeinsam mit Familie und Freunden auf dem Hof eines Freundes.

„Das war eine tolle Zeit voller wichtiger und guter Erfahrungen. Ich kann jedem nur empfehlen, in die Fremde zu gehen und diese Erfahrungen selbst zu machen“, das ist das Fazit von Phillip Springer, mit dem er auf die hinter ihm liegenden Jahre zurückblickt.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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