Gegen das Vergessen – Endstation Seeshaupt


STASeeSepiaViele Jahre habe ich in Ambach am Ufer des Starnberger Sees gelebt. Ein bayerisches Idyll, vergessen oder bewusst übergangen vom Fortschritt, Blick auf See und Zugspitze, Wälder, grüne Weiden, Schlösser und architektonische Kleinode inmitten prächtiger Parkanlagen.

Nicht weit davon entfernt liegt Seeshaupt, im Winter bei zugefrorenem See per Fuß übers Eis erreichbar, sonst ein paar Autominuten entfernt, entlang des Sees, vorbei am Lido, einem Café – Restaurant mit Biergarten.

Seeshaupt, eine kleine Gemeinde, erstmals urkundlich erwähnt im Jahr 740 n. Christus, kaum bis gar nicht von größeren geschichtlichen Ereignissen berührt, lange Zeit abhängig von den umliegenden Klöstern Polling, Bernried, Benediktbeuern, Beuerberg und Habach.

1815 brach im Gasthaus zur Post ein Feuer aus. Man berichtet, dass sogar der Kirchturm brannte und die Glocke schmolz. 1850 hält das Dampfschifffahrtszeitalter Einzug, 1857 wird der Ort u.a. zur Pferdewechselstation des bayerischen Märchenkönigs und schließlich im Laufe der Jahre zur Sommerfrische erholungssuchender, betuchter Münchener. Mit dem Geld hält auch die Kunst Einzug, darunter Maler der Münchener Schule und des Blauen Reiters. Zu den berühmtesten ansässigen Zeitgenossen gehört der Arzt und Hygieniker Max von Pettenkofer, dessen Werk u.a. Anerkennung in Straßennamen unzähliger Gemeinden rund um den See findet.

In diesem Idyll, bis dato durch beide Weltkriege von überschaubaren Verlusten betroffen, bleibt in der Nacht vom 30. April 1945 ein Güterzug stehen.
Seine Fracht: 2 000 KZ-Häftlinge aus dem Lager Mühldorf, einem Nebenlager des KZ Dachau. In der vermeintlichen Alpenfestung sollen die ursprünglich 4.000 Häftlinge, in 70 Waggons gepfercht, auf Himmlers Befehl vom 14. April 1945 vernichtet werden. Keiner der Häftlinge soll lebend in die Hände der Alliierten gelangen.

Der grauenhafte Transport hat eine lange Irrfahrt quer durch Bayern hinter sich.
Seit fünf Tagen sind die von der Lagerhaft geschwächten Menschen bereits unterwegs. Ohne Wasser. Ohne Nahrung.
In Poing flieht die SS-Mannschaft, die den Zug bewacht, als die „Freiheitsaktion Bayern“ über Radio den Sieg über den Nationalsozialismus ankündigt.
Der Aufstand scheitert, die SS-Männer kehren zurück, treiben die umherirrenden Häftlinge wieder in die Waggons und richten einige von ihnen als Strafaktion hin.

In München, am Südbahnhof, werden die Waggons auf zwei Loks verteilt. Eine Zugmaschine alleine hätte ihre Todesfracht über den steilen Alpenanstieg nicht bewältigen können.

In Seeshaupt angelangt, koppelt der Lok-Führer die Waggons ab und flieht vor den Amerikanern. Die US-Armee befreit die gequälten Menschen, viele von ihnen kurz vor dem Verhungern, über 60 Gefangene hat der Tod bereits fest in seine Arme geschlossen.

Die Amerikaner zwingen die Bevölkerung, aus jedem Haushalt ein Familienmitglied an den Bahnhof zu schicken. Die Deutschen sollen mit eigenen Augen sehen, zu welchen Gräueln ihr Regime fähig ist. Die Toten müssen von Seeshauptern eigenhändig in einem Massengrab „beigesetzt“ werden. Den Überlebenden des Todestransportes gewährt die US-Armee eine vier Tage währende Plünderungsfreiheit, Gewalt und Mord sind untersagt.

50 lange Jahre soll es dauern, bis man sich in Seeshaupt auf Initiative des damaligen Gemeindratsmitglieds und Seeshaupter Arztes Dr. Uwe Hausmann – nach vielen Querelen und Uneinigkeiten – schließlich auf ein Mahnmal zum Gedenken an Tote und Überlebende des Schreckenstransports einigen kann.
Nicht direkt am Bahnhof solle es stehen, da könne es ja jeder Reisende und Besucher direkt sehen, so das Bürgerbegehren der Mahnmal-Gegner.

Endstation Seeshaupt – das ist auch der Titel eines Filmes von Walter Steffen, Autor, Regisseur und Produzent. (Dokumentarfilm, 97 Minuten, HD, 16:9, Farbe/SW, Digital Stereo, Verleihförderung FFF Bayern, im Verleih der Konzept+Dialog Medienproduktion)

Gemeinsam mit zwei Überlebenden des Todeszuges, Louis Sneh und Max Mannheimer, fährt Steffen die lange Strecke noch einmal ab.
Zu Wort kommen auch ehemalige Einwohner bzw. Zeitzeugen aus der Bevölkerung.

Der damals 17jährige ungarische Jude Louis Sneh kehrt immer wieder zurück an den „Ort seiner Wiedergeburt“, wie er Seeshaupt im Film selbst nennt.

Zum Thema ist u.a. auch das Buch „Damals im April – eine Chronologie zum Seeshaupter Mahnmal“ erschienen, erhältlich in der Seeshaupter Buchhandlung LesArt (ISBN 978-3-9812061-1-1) oder per E-Mail (info@lesart-seeshaupt.de).
Es kostet 19.50 Euro; und zusammen mit der DVD zum Dokumentarfilm von Walter Steffen 25,50 Euro.

Seeshaupt ist überall.
Ein Artikel „Gegen das Vergessen“, ein paar Zeilen, die auffordern, Vertrautes, die Heimat, den Ort, in dem man lebt und sich wohlfühlt, mit anderen Augen zu betrachten und sich der Geschichte im wieder aufs Neue zu stellen.

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Gedenkstein auf dem Ehrenfriedhof in Mühldorf, für die Verstorbenen der Konzentrationslager des Landkreises, Autor Tafkas

(Quelle: Wikipedia)

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

6 Kommentare

  1. Ich denke es gibt an vielen Orten in diesem unserem Lande solche Stellen die (fast) keiner mehr kennt weil zu viele meinen „ach lass doch, der alte Kram, ist vorbei …“ und damit es nie vorbei ist in den Köpfen damit es nie wieder so passieren kann sind erinnernde Texte wie Deiner so wichtig!

    • In diesem Film ist von Mahnmal-Gegnern die Rede.
      Dass es diesen Begriff in diesem Zusammenhang überhaupt geben kann, ist schon die Antwort darauf, dass wir nicht aufhören sollten, das Thema immer und immer wieder ins Bewusstsein zu rücken. Der Film ist übrigens unglaublich, kann ich nur empfehlen.
      Liebe Grüße 🙂

  2. Ich freue mich auch über die „Quasselstrippe“ und diesen Text. Es ist gut zu wissen, dass es doch überall noch Kräfte gibt, die sich gegen das Vergessen stemmen. Und es ist gut zu wissen, dass es überall Menschen wie Dich gibt, mit Geist und Herz am re… richtigen Fleck. Liebe Grüße, Michael

  3. Danke für den Beitrag, Heike…so bekommt Seeshaupt noch eine zusätzliche Bedeutung! Wir waren 2013 im Herbst dort…
    Hoffentlich wird der Film hier irgendwo gezeigt…

    • Es ist so ein komisches Gefühl, einem Ort gelebt zu haben oder zu leben und von seiner Geschichte nichts zu wissen. Seit ich das über Seeshaupt gelesen habe, achte ich besonders darauf. Man hat es da ja geschafft, das Thema über Jahre nicht offen zu „verarbeiten“.

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