Der Geschmack von Schnee – ein Filmtipp zum Thema Autismus


Schneekristalle_wachsen_am_StrauchSo erschütternd wie einleuchtend schlicht und wahr sind viele der Antworten, die Linda (ergreifend intensiv dargestellt von Sigourney Weaver) auf Alex‘ Fragen hat.

„Der Geschmack von Schnee“ (im Original: Snow Cake) platzt mit dem Unfalltod der jungen Anhalterin Vivienne in das Leben ihrer ungewöhnlichen Mutter Linda. Man ahnt es rasch, die Frau, die da entrückt vor sich hin lächelt, sich traumwandlerisch durch ihr bis hin zur Sterilität geputztes Haus, die Symmetrie der Gegenstände und eigenen Regeln folgenden Ordnung bewegt, ist eine Autistin.

Den Tod ihres Kindes begreift Linda in etwa dergestalt, dass ihr Kind nun nicht mehr da ist im körperlichen Sinne und dass Vivienne ihr fehlen wird, weil niemand den Müll zur Straße bringen wird. (Müll – im Film einer der sterotypen Abläufe, die für Lindas Zufriedenheit und Seelenfrieden von entscheidender Bedeutung sind.)
„Ich hab sie nicht verloren. Sie ist tot.“
Ob sie ihn auch fühlt, ob sie Schmerz empfindet, Verlust, Trauer – diese Frage lässt der Film bewusst offen.

In sämtlichen online verfügbaren Filmbesprechungen „leidet“ Linda unter Autismus. Und genau das tut sie nicht – diese Frau leidet nicht, sie wirkt glücklich und zufrieden.
Was sie hingegen quält, das sind Menschen, die ihre Regeln nicht akzeptieren und solche, die zwanghaft versuchen, aus ihr einen vermeintlich normalen Menschen machen zu wollen. Eindrucksvoll dargestellt u.a. in einer Szene, in der sich in Lindas „Weltordnung“ Trauergäste einfinden und ohne es zu ahnen oder in Betracht ziehen zu wollen, die unsichtbaren Grenzen ihres kleinen Kosmos einreißen.
Linda beginnt, zu tanzen. Damit rüttelt sie an der Moralvorstellung ihrer Gäste. Bei einer Trauerfeier tanzt man nicht! Köstlich, wie wenig sie sich darum schert, was andere von ihr erwarten. Und peinlich berührend, wie wenig ihre Gäste begreifen.
Das macht erschreckend deutlich, wie schnell aus der viel gepriesenen Empathie, von der es heißt, sie fehle bei autistischen Menschen, Ignoranz werden kann. Und zwar dann, wenn sie zur Regel, zum Ritual verkommen ist. Wenn ritualisiertes Verhalten verhindert, dass Menschen hinsehen und hinhören, dass sie sich auf ihr Gegenüber einlassen und eine Situation als individuell und einzigartig betrachten und nicht als Tradition, bei der man sich bestimmten Abläufen zu unterwerfen hat.
Kaum einer von den Trauergästen „sieht“ Linda  – nimmt sie als die Person wahr, die sie ist. Stattdessen versucht man, ihr gemeinschaftlich das „traditionelle schwarze Trauerkleid“ überzustülpen. Und scheitert an der mitreißend zügellosen Verweigerungshaltung dieser ungewöhnlichen Frau.

Auf die Frage, was sich ihre Tochter wohl zu ihrer Beerdigung gewünscht hätte, antwortet sie: Sie würde sich gewünscht haben, zu leben.
Immer wieder sind es solche klaren, unverstellten und schlüssigen Antworten, mit denen Linda verblüfft. Den Zuschauer. Und Alex, gespielt von Alan Rickman.

Alex hatte Lindas Tochter Vivienne an einer Raststätte kennengelernt. Sie habe ihn ausgesucht, unter all den Gästen, weil er derjenige sei, der danach aussähe, mit jemandem reden zu müssen. Weil er einsam wirke, das sagt die junge Anhalterin dem mürrischen und in sich gekehrten Mann. Widerwillig nimmt er sie schließlich mit, lässt sich auf ihr Geplauder und ihre Ideen, ihre Philosophien und zuletzt auf ihren fröhlichen Gesang ein.
Es kracht so unvermittelt, der Tod kommt so unerwartet und mit einer solchen Wucht, wie man besser hätte dieses „…aus dem Leben gerissen…“ nicht darstellen und filmisch umsetzen können.

Schuldgefühle und die eigene Lebensgeschichte veranlassen Alex, Viviennes Mutter aufzusuchen. Noch im Schockzustand steht Alex vor Lindas Haustür und wagt einen Schritt in eine ihm völlig fremde Welt.

Alex‘ eigener ebenfalls ungewöhnlicher und tragischer Lebensgeschichte hätte dieser Film im Grunde nicht bedurft. Vielleicht muss das aus dramaturgischer Sicht sein, weil der Film dem Zuschauer auch die obligatorische Love Story, hier in der Nebenhandlung, servieren will. Das Band aber, das sich nach und nach zwischen Linda und Alex schließt, ist allein Zauber genug.

Linda hockt im Schnee. Sie baut an einem Fabeltier, einem Wesen, so, wie sie es mit Vivienne gemeinsam viele Male getan hat. Dann liegt sie auf dem Rücken und lässt sich eine Handvoll Schnee auf der Zunge zergehen. Sie erklärt Alex, dass es nichts Sinnlicheres, nichts Schöneres gebe, als den Geschmack von Schnee zu kosten.

Inwiefern dieser grandiose Film die Interessen autistischer Menschen repräsentiert, kann ich nicht beurteilen. Ich kann auch nicht ermessen, ob er dieser „Persönlichkeitsstörung“ (an dieser Stelle hat mich Sabine Kiefner darauf aufmerksam gemacht, dass die Begrifflichkeit falsch ist und besser zu ersetzen wäre durch “ tiefgreifende Entwicklungsstörung“. Dem komme ich sehr gerne nach, weil ich mich mit der Persönlichkeitsstörung auch nicht wohlgefühlt habe) gerecht wird.

Sicher aber ist, dass dieser leise und starke Film deutlich macht, wie angenehm anders Lindas Wahrnehmung sich den Tatsachen des Lebens nähert. Wie herrlich verblüffend es ist, ihren so klaren, schlichten und ungeschönten Einsichten zu folgen. Und wie angenehm wohltuend es ist, sie in ihrem Anderssein begleiten zu dürfen.
Autismus und Authentizität werden in „Der Geschmack von Schnee“ zu Geschwistern, die auf sehr schöne Weise die eigene oftmals verbogene und in viel zu enge Konventionen gepresste Denke in Frage stellen.

Wenn mir dieser Winter noch einmal Gelegenheit gibt, werde ich herausfinden, wonach Schnee schmeckt.

Mehr zum Thema „Autismus“ auf der Internetseite des Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus, autismus Deutschland e.V

Snow Cake – Der Geschmack von Schnee
Spielfilm, Kanada/Großbritannien 2006, ARD
Regie: Marc Evans; Buch: Angela Pell; Kamera: Steve Cosens; Schnitt: Marguerite Arnold; Musik: Liz Gallacher; Produzent: Gina Carter, Jessica Daniel, Andrew Eaton, Niv Fichman; Produktion: Revolution Films, Rhombus Media
Mit: Alan Rickman – (Alex), Sigourney Weaver – (Linda), Carrie-Anne Moss – (Maggie), Emily Hampshire – (Vivienne), Julie Steward – (Florence), David Fox – (Dirk), Jayne Eastwood – (Ellen)

Zu kaufen u.a. über amazon – DVD Snow Cake bei amazon

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

2 Kommentare

  1. Mir gefällt Ihre Rezension sehr gut, zumal „Snow Cake“ mein Lieblingsfilm unter jenen ist, die sich mit dem Thema Autismus beschäftigen. Ich finde mich in vielen Szenen dieses Films wieder, gerade auch, was die Auseinandersetzung mit dem Tod betrifft. Ein Satz allerdings stört mich. Autismus ist keine Persönlichkeitsstörung, sondern gilt als tiefgreifende Entwicklungsstörung. Es wäre schön, wenn Sie das noch entsprechend ändern.

    Gruß, Sabine

    • Liebe Sabine,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich bin sehr froh, dass es gerade diese Stelle im Text ist, die Ihnen nicht gefällt. Dort stand nämlich anfangs das Wort „Krankheit“ anstelle „von „Persönlichkeitsstörung“ und ich hab mich schwer getan mit beiden Begriffen. Umso lieber korrigiere ich nun ein weiteres mal und daraus wird Ihr Vorschlag.
      Herzlich,
      Heike

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