Reguss Tropos! Hokus – Pokus – Zapfus. Tschüss, lieber Otfried Preußler.


Lieber Otfried Preußler,

Ihre Geschichten, so erzählen Sie selbst in vielen Gesprächen und Interviews, sind entstanden, weil sie für Ihre eigenen Kinder „Die kleine Hexe“, den Raben Abraxas, Ihren Räuber Hotzenplotz mit seiner Pfefferpistole und den sieben Messern, den Zauberer Repofilus Pappelschwan – oder Zwackelschwan? – mit den gruseligen Augen auf seinem spitzen Hut und so viele andere schöne Figuren erfunden haben.

Meine Schwester und ich verdanken Ihnen unzählige spannende, aufregende, witzige und damit unvergessliche Stunden. Ihnen und den Stimmen von Brigitte Koesters und Hans Baur, Hans Klarin und vielen anderen, die gemeinsam mit Ihnen unser Kinderzimmer verzaubert und unsere Phantasie beflügelt haben. Und uns haben irgendwann dann doch selig einschlafen lassen.

Schlafenskinder

In so vielen Nachrufen wird nun Ihrer gedacht und deutlich wird darin, wie bescheiden und zurückhaltend Sie selbst mit Ihrem Erfolg umgegangen sind.
Zuletzt war Ihr Name wieder häufiger im Gespräch. Dabei ging es weniger um den Zauber, den Ihre Geschichten bis heute auf Generationen von Kindern ausüben. Und mehr um einzelne Begriffe, an denen sich die Geister scheiden.

Ich weiß nicht, wie Sie selbst darüber dachten und dazu standen, letztlich haben Sie Ihre Einwilligung gegeben. Aber eines steht für mich persönlich fest: Auch durch Ihre Geschichten ist in mir und meiner Schwester ein Bewusstsein für Recht und Unrecht, für Fairness und den Glauben an die eigene Stärke und das eigene Können entstanden.
Und noch viel mehr, denn: Worte und Momente, die wir Kinder nicht verstehen oder begreifen konnten, die haben uns unsere Eltern erklärt. (Übrigens auch das umstrittene Wort „Negerlein“, mit dem wir wenig anzufangen wussten.)
In unserem Dorf gab es einen Jungen mit dunkler Haut und Afrolook. Wir Kinder nannten ihn nichtsahnend Mohrle, oder auch Mohrus. Und zwar genau so lange, bis uns Ihr „Negerlein“ und die Erklärung unserer Mutter die Augen öffneten.

Diese elterliche Verantwortung, Kindern Zusammenhänge zu erläutern und sie im Sinne ethischer Maßstäbe vorurteilsfrei und im Respekt ihren Mitmenschen gegenüber zu erziehen, die schafft auch kein Verlag aus der Welt, indem er Begrifflichkeiten korrigiert und damit nichts weiter ändert, als dass anders über das gesprochen wird, was es faktisch gibt: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ausländerhass. Und die Tatsache, dass offensichtlich immer mehr Kinder und Erwachsene immer weniger in der Lage sind, sich gedanklich in die Lage ihrer Mitmenschen zu versetzen.

Nun haben Sie sich von uns verabschiedet und hinterlassen so viele wunderschöne Spuren. Dafür danke! Bleibt zu wünschen, dass es Ihren Nachfolgern im Genre „Kinderbuch“ auch weiterhin gelingen mag, die Intelligenz von Kindern nicht zu unterschätzen und ihnen durchaus zuzumuten, die Welt so kennenzulernen, wie sie ist.
Nämlich alles andere, als fair, korrekt und gerecht.

Ich selbst gehe nun sechs Körbe Kartoffeln zersägen, aufspalten und stapeln, den Fußboden schälen und zerschnippeln fürs Abendbrot und sechs Klafter Holz schrubben.
Und wenn dann noch Zeit bleibt, dann werde ich meine Schuhe wichsen und sie „da oben“ lächeln sehn.

„Kein Buch hat ein Ende“ – in diesem Sinne, tschüss lieber Otfried Preußler.

Hokus Pokus Vätergrüfte, tauf den Mantel durch die Lüfte. Zwiebelmohn und Krokus – Hokus Pokus!

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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