Ich denke an dich.


Herta Dusiburg

In Duisburg, auf der Königstraße

Du warst die Frau, die mich auf Knien hielt und meine ersten Schritte führte.
Du warst die Frau aus der großen Stadt. Die Dame mit dem Pelzmantel, dem Hut aus Ozelot.
Du warst die Frau, die zwei Weltkriege überstand, Männer und Kinder aber niemals ihren Lebensmut und ihren Humor verloren hat.
Du warst die Frau, die ihr Haar richtete und sich die Lippen nachzog, wenn ein Objektiv auf sie gerichtet wurde.

Gruppenbild

Herta Pohl, auf dem Bild links außen

Du warst auch die Frau, die abends putzen ging, Wurst und Finger hinter Theken verschnitt, die bei Bauern unterkroch, den Dünkel der Schwiegereltern ertrug und sich in einer bewegten Zeit ein Plätzchen für sich und ihre drei Kinder ergatterte.
Du warst die Frau, die untervermieten musste, um überleben zu können.
Die Frau, die Hinterbliebenenrente erstritt.
Die Frau, die sparte für ihren eigenen Tod.
Du warst der Mensch, mit dem ich über den Tod, das Leben, meine Liebeleien, den Krieg, die Menschen, meinen Vater und meine Mutter reden konnte.
Du warst die Frau, die vieles verdrängen musste, um der Zukunft eine Chance geben zu können.
Du warst die Frau eines Soldaten, der im Krieg gefallen war.
Du warst die Frau eines Soldaten, den der Krieg ein ganzes Leben lang gefangen hielt.
Du warst Tochter, Waisenkind, Mündel, Mutter, Schwiegermutter, Ehefrau und Großmutter.
Du warst Ernährerin und Bewahrerin.
Du warst die Mutter meines Vaters.

Du warst die Frau, die sich am Ende aus den eigenen Augen verlor.
Der Mensch, der weniger und weniger wusste, wurde, war.

Rollstuhl

Mit dem Lächeln derer, die vergessen haben.

Am 26. März 1913 wurde Margarethe Wilhelmine Herta, Tochter von Johannes und Maria Abels, in Duisburg geboren.

Heute wäre sie 102 Jahre alt geworden.

Die kleine Spieluhr mit dem Pferdchen aus Murano-Glas, die du aus Italien mitgebracht hast, sie spielt jetzt für dich.

hottehüh

Mehr über meine Großmutter, deren Leben stellvertretend für eine ganze Generation von Frauen steht, ist hier zu finden: Herta ~ ein Frauenleben

SchüttRoseSamtrotHFPS

Advertisements

Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

12 Kommentare

  1. Pingback: Sonntagsleserin KW #13 – 2014 | buchpost

  2. Jarg

    Liebe Heike,
    sehr berührend und bewegend, was und wie du über deine Oma schreibst. Diese Frauengeneration, zu der auch meine, am Ende ebenfalls an Demenz leidende Großmutter zählte, hat Unglaubliches erlebt, geleistet und durchlitten. Ihnen literarisch ein „Denkmal“ zu setzen halte ich für eine sehr schöne Idee. Verfolg das weiter!!
    Herzlich grüsst Jarg

  3. Pingback: Oma Berlin I – oder: Otto Lilienthal ist abgestürzt | skyaboveoldblueplace

  4. Liebe Heike,

    jetzt habe ich die drei wunderbaren Texte über Oma Duisburg gelesen und bin sehr berührt. Was für ein Leben – und was für ein Ende. So ungerecht. Hat Du vor, ein ganzes Buch über sie zu schreiben?
    Liebe Grüße, Kai

    • Lieber Kai, ich habe die Zeit und Chance verpasst. Als sie noch lebte und ich eigentlich alt genug gewesen wäre, um ihr hartnäckig Fragen zu stellen, war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Sie hatte nicht Bedürfnis, über die Vergangenheit und den Krieg zu sprechen. Und wenn, dann hat sie sich mit meiner Mutter ausgetauscht, die heute auch fast Mitte 70 ist. Leider gibt es kein Tagebuch, keine Familienchronik oder dergleichen. Viel Verdrängtes oder Totgeschwiegenes und auch Erinnerungslücken. Vielleicht „erfinde“ ich eine literarische Figur für eine Geschichte, die sehr viel mit Oma Herta gemein hat. Das wäre eine schöne Idee 🙂
      Herzlichen Dank für deinen lieben Kommentar und fürs Lesen, Heike

      • Liebe Heike,
        das ging mir mit meiner Oma auch so. Man macht immer dieselben Fehler, weil man zu lange glaubt, dass immer alles bleibt, wie es ist. Jedenfalls bis zu nem bestimmten Alter oder Ereignis. Bei meiner Mutter hab ich es dann versucht, aber sie wollte das gar nicht. Eine traurige Sache.
        Deine Idee mit der von Oma Herta als Vorlage für eine literarische Geschichte ist auch schön. Wenn was draus wird, hoffe ich, das mitzubekommen!
        Wie auch immer, Du hast mich da sehr angestupst und ich hab grarde einen älteren Text über meine Oma Berlin gepostet. Komisch, den weiterzulesen. Übrigens: meine Oma kam aus einer armen Familie, war aber reich an Namen. Sie hieß Klara, Ella, Hertha, Berta, Rufname Hertha. Hertha, allerdings mit zwei h!
        Liebe Grüße, Kai

      • Ja, ich schätze, ich hab lange nicht in Erwägung gezogen, sie könnte nicht ewig leben. Die Demenz war ein starker Gegner und sie hat erst das Kurz- und dann das Langzeitgedächtnis zerstört. Eine Herta also. Und eine Hertha, wenn das nicht schön ist. Arm war unsere Herta zuletzt wohl auch. Es ist unglaublich sich vorzustellen, was die beiden Weltkriege unseren Familien angetan haben. Sie haben Existenzen zerstört. Und so viel Leben. Auf deinen Text bin ich sehr gespannt und ich freue mich, das angestoßen zu haben. Ganz liebe Grüße, ich bin gespannt auf Hertha. 🙂

  5. Hach. Ist doch toll, wenn Menschen auf diese Weise lebendig bleiben. So geht es mir mit meiner Oma Josefa auch. „Irgendwas von ihr bleibt hier …“

  6. Was für ein wunderschöner Artikel. Danke für das Lesendürfen.

  7. Reblogged this on WOHIN MIT OMA? und kommentierte:
    Liebeserklärung an eine Oma. Von Heike Pohl

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: