Leseempfehlung: „Nana… Der Tod trägt Pink“


nana-der-tod-traegt-pinkTrauer kennt keine Regeln

Mein erster Gedanke nach der letzten Seite von „Nana… Der Tod trägt Pink“:
Ich wünschte, es hätte den Anlass nicht gegeben, der zu diesem Buch führte.
Es zu lesen hat mich aufgewühlt, für sich eingenommen, es hat mich beschäftigt und mich emotional erschöpft.

Doch von Anfang an:
Während meiner Recherchen zum Thema „Krebs“ stieß ich auf das Cover eines Buches, das eine junge Frau zeigt, ihre Wange an schwarz/pink gestreifte Wolle geschmiegt. Große blauen Augen sehen mir entgegen und in zwei weiß gedruckten Zeilen wird vorweggenommen, weshalb in ihnen eine solch klare Traurigkeit zu finden ist:
„Der selbstbestimmte Umgang einer jungen Frau mit dem Sterben“, so steht es dort.

Die 19-jährige Mariana – Nana – wird im Oktober 2010 mit der Diagnose „Ewing-Sarkom“ konfrontiert. Dabei handelt es sich um eine sehr selten auftretende bösartige Geschwulst, die vom Knochen und manchmal auch vom Weichgewebe ausgeht, und die insbesondere auch bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird.
Im Buch kommen Nanas Familie, ihr Freund, ihre Freunde, Bekannten und Wegbegleiter zu Wort.

Warten. Ein so großer Teil der Zeit während der Erkrankung besteht aus Warten. Auf Ärzte, Untersuchungen, Therapien. In Betten auf Fluren, auf Liegen. Mit oder ohne Termin. Wie oft seufzte Nana: „Ach Mama, wie viel Schönes hätten wir erleben können.

In diesem ersten Absatz, entnommen dem Klappentext, offenbart sich für mich die ganze Tragweite dessen, was ein Menschenleben auch abseits jeder Krankheit umfasst:
Wie viel Schönes hätten wir erleben können?

Nana muss sich der Diagnose stellen. Sie muss lernen, dass diese schwere Erkrankung von nun an ihr Leben beeinflusst. Bestimmen aber lässt sie sich ihr Leben nicht vom Krebs.

Nanas Mutter, Barbara Stäcker, und Co-Autorin Dorothea Seitz haben das letzte Lebensjahr der erstaunlichen jungen Frau in Worten und vielen, vielen Bildern zu  Nanas Hinterlassenschaft für alle Menschen werden lassen, die keine Angst davor haben, sich mit Krankheit und Tod auseinanderzusetzen. Nana selbst gestaltet diese letzte Phase ihre jungen Lebens so, wie es ihr gut tut, wie sie es sich wünscht. Bis hin zur Entscheidung, sämtliche Therapien abzubrechen, um zuhause – im Kreis ihrer Familie und palliativ betreut – am 10. Januar 2012, im Alter von 21 Jahren, sterben zu dürfen.

Bis es soweit ist, dass ihr kaum mehr Kraft bleibt und die Schmerzen nur noch unter starken Medikamenten zu ertragen sind, teilt sie ihre Ängste, ihre Gedanken, ihren Lebensmut und -willen, ihren Sinn für’s Unkonventionelle, ihre Schönheit und auch ihren Humor im Umgang mit ihrer Erkrankung über soziale Netzwerke mit anderen Menschen. Sie traut sich nach außen, offenbart ihre Verletzlichkeit und ihre gleichzeitige Energie und Kraft auf unzähligen Bildern, bei Photo-Shootings, in vielen Verkleidungen, Szenen und immer auch wieder ohne jede Maske, bar und bloß.

Es kostet Kraft, dieses Buch zu lesen, Tochter und Mutter zu begleiten bis zu dem Moment, in dem Nana aufhört zu atmen. Und darüber hinaus, wenn Familie und Freunde von ihr Abschied nehmen während einer Beisetzung, deren Regie Nana selbst übernommen hatte.

Es tut weh, das zu lesen. Es macht wütend, traurig, fassungslos. Und auf dieser Strecke der widersprüchlichsten Gefühle wird das Unbegreifliche greifbar und bleibt dennoch schwer zu akzeptieren. Einmal mehr nicht, wenn man sich Nanas digitales Erbe, ihre nach wie vor geführte Facebookseite ansieht, um dort einem Leben zu begegnen, das längst nicht mehr ist.

Wunderbar, tröstlich, ja sogar froh stimmend hingegen sind die Liebe, Fürsorge, Verständnis, Offenheit und Zärtlichkeit, mit welcher Mutter und Tochter diesen „Abschied für immer“ bestehen. Wenn der Tod zum Leben gehört, was zweifellos so ist, dann haben ihm diese beiden Frauen gezeigt, wie man ihm den unüberwindbar scheinenden Schrecken nimmt. Und wie man sich von ihm nicht in die Knie zwingen lässt. Beide Frauen zeigen, wie wenig man sich fügen und beugen muss im Kampf um den letzten eigenen Willen, wenn eine Familie sich einig ist und genügend Kraft und Mut, Ehrlichkeit und Offenheit aufzubringen in der Lage ist, diese letzte Phase eines Lebens selbst zu bestimmen.

Ich brauchte einige Tage, um zu diesem Schluss kommen zu können. Und auch, um darüber nachdenken zu können, wie ich dieses ungewöhnliche und zudem sehr ungewöhnlich gestaltete Buch empfunden habe.

„Flieg – Schmetterling flieg.“ So lautet eine der vielen schönen Kapitelüberschriften in „Nana – der Tod trägt Pink“.
„Kein Happy End – aber auch kein Ende“ eine weitere.
In beiden spiegelt sich nach meinem Empfinden der Wunsch von Barbara Stäcker wider, mit dem frühen Tod ihrer Tochter zu innerem Frieden finden zu können. Ich wünsche ihr, dass ihr das gelingen wird.

Ich bedanke mich für diese ungewöhnlichen und berührenden Einblicke und Momente, für die Offenheit und für das – sofern das überhaupt möglich ist – an keiner Stelle durch Sentimentalität erzwungene Mitgefühl, das ich empfunden habe, weil ein junger Mensch sein Leben und eine Mutter ihr Liebstes verlor.

Vielen Dank für dieses besondere Buch, das ich sicher nicht mehr vergessen werde.

Fazit:
Meine Leseempfehlung für dieses Buch, weil es die Distanz überwinden lässt, die viele Menschen instinktiv den Themen Krankheit, insbesondere Krebs, Sterben und Tod gegenüber inne haben. Nicht jeder Leser mag nachvollziehen können, weshalb für Nana Schönheit, ihr Äußeres und dessen Präsentation in dieser letzten Lebensphase so wichtig waren. Auch das zeigt dieses Buch. Menschen sind individuell: Im Schmerz, in ihrer Angst, ihrem Humor, mit beidem umzugehen. Und auch in der Trauer, die eben keine Regeln kennt. Meine Leseempfehlung auch deshalb, weil es Barbara Stäcker auf erstaunliche Weise gelingt, eine wunderschöne Form in Worten und Gestaltung für ihre Trauer zu finden und ohne die zu erwartende Sentimentalität klar und fast schon tröstlich Wesen, Gedanken, Gefühle – die ungewöhnliche Persönlichkeit ihres Kindes einzufangen.

Die Facebookseite zum Buch und Nanas Vermächtnis, der von ihren Eltern gegründete Verein „Nana – Recover your Smile e.V.“ geben interessierten Lesern weitere Informationen.

„Nana – der Tod trägt Pink“
von Barbara Stäcker und Dorothea Seitz,
Irisiana Verlag (Random House GmbH)

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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