„Wünschschenwockenende…“


Vielleicht stammt er aus Pakistan? Oder eher aus Indien? Ich weiß es nicht und es ist kaum möglich, es in Erfahrung zu bringen. Er spricht kein Wort Deutsch und auch nicht Englisch. Und versteht kaum, was ich ihm sagen oder ihn fragen möchte.

Als er zum ersten Mal mit seinem Stapel der Obdachlosenzeitung Hinz&Kunzt vor dem Supermarkt stand, war ich positiv überrascht. Dass ich die Zeitung nun auch hier – auf dem platten Land – kaufen kann, fand ich klasse. Und auch, dass er dort stehen darf. Zwischen Schiebeglas, dort wo im Winter das Warmluftgebläse die eine Welt drinnen von der anderen draußen trennt. Wenn er lächelt, entblößt er strahlend weiße Zähne. So weiß vielleicht auch, weil sie im harten Kontrast zu seiner dunklen Haut nicht anders können. Er sieht die Leute nicht an, die zu hunderten an ihm vorüber eilen. Neben ihm auf dem Steinboden steht ein Rucksack mit seinen Habseligkeiten. Manchmal – er steht dann mit dem Rücken zu den Passanten – spricht er in ein kleines Mobiltelefon, das komplett in seiner Hand verschwindet.

Ich möchte gerne über ihn schreiben, den Leuten in der Stadt erzählen, was Hinz&Kunzt ist, dass das monatlich erscheinende Magazin 1,90 Euro kostet, einen Euro davon darf der Verkäufer behalten. 90 Cent zahlt er selbst an die Organisation. Vielleicht hilft es ihm, wenn er in der Zeitung steht? Wenn sie wissen, dass er arbeitet für sein Geld. Und wenn sie lesen, dass richtig gute Artikel im Magazin zu finden sind. Aber er versteht mich nicht. Er zuckt hilflos mit den Schultern, lächelt dabei und tritt von einem Fuß auf den anderen.

Jeden Samstag steht er dort. Nicht offiziell, so viel weiß ich inzwischen. Irgendwer verkauft ihm die Magazine. Irgendwer, der sie wiederum in Hamburg offiziell für 90 Cent kaufen darf. Sie haben alle feste Plätze, sie sind registriert, das sagt der Vertriebsleiter von Hinz&Kunzt am Telefon. Er ist es nicht. Man weiß von Leuten, wie ihm. Und man duldet das. Er steht dort also, für weniger als 90 Cent pro Magazin und hofft darauf, dass die Leute kaufen.

Er mag Kaffee. Und Laugenbrezeln. Da ist irgendwer, den er anrufen kann. Der seine Sprache versteht. Vielleicht auch ein Platz, an dem er schläft? Isst? Trinkt? Lebt?
Für weniger als 90 Cent pro Magazin steht er dort, den ganzen Tag. Bei Regen. Schnee. Wind. Sonne. Hitze. Und wenn ich das Magazin kaufe, lächelt er.
Und dann ruft er mir nach: „Wünschschenwockenende.“

प्यारे दोस्त मैं तुम्हें एक अच्छा सप्ताहांत इच्छा – das ist Hindi und bedeutet dasselbe.
Wenn jemand unter den Lesern weiß, wie man das ausspricht, ich würde ihm gerne einmal in seiner Sprache antworten.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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