„Mutter, wann stirbst du endlich?“ ~ Leseempfehlung


TropfenBlank

„Mutter, wann stirbst du endlich?
Wenn die Pflege der kranken Eltern zur Zerreißprobe wird“
von Martina Rosenberg, blanvalet Verlag

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
19,99 Euro

Cover

Über eine Zeitspanne von zehn Jahren beschreibt Martina Rosenberg in ihrem Buch ihr anfangs harmonisches und über den Krankheitsverlauf ihrer Mutter hinweg zunehmend desaströses Familienleben. Die Eltern leben eine über 50-jährige Ehe in einer Konstellation, wie sie für diese Generation wohl durchaus als nicht ungewöhnlich zu bezeichnen ist. Die Mutter kümmert sich ein Leben lang um Kinder und Mann, ist Vermittlerin zwischen beiden, und gelangt durch ihre allgegenwärtige Fürsorge zu einem in seinen Bedürfnissen und in seinem Alltag völlig von ihr abhängigen Ehemann. Kommunikation zwischen Kindern (Frau Rosenberg hat zwei Brüder) und Vater fand weitgehend, so beschreibt es Martina Rosenberg, über die Mutter statt. Einen direkten Austausch über persönliche und/oder emotionale Belange zwischen Vater und Kindern gab und gibt es nicht. Der Vater wird von Tochter Martina auf eine Weise verehrt, die jede Aufmerksamkeit von seiner Seite für sie zu einer Besonderheit macht. Ebenfalls ein Umstand, den etliche Töchter dieser Vätergeneration recht gut kennen dürften.

Das sind in etwa die Rahmenbedingungen, in die hinein in einem schleichenden und sich über eine lange Zeit ankündigenden Prozess Martinas Mutter an Demenz erkrankt.

Die Schilderungen des Krankheitsverlaufs – erst nur der Mutter und infolge dessen auch des Vaters – lesen sich authentisch und – soweit ich das beurteilen kann – auch ehrlich, denn Martina Rosenberg spart nicht mit Kritik, auch und gerade nicht an sich selbst.

Autobiographische Texte zu bewerten bzw. unter literarischen und persönlichen Aspekten zu beurteilen, das ist für mich kein einfaches Unterfangen. Die Autoren geben wissentlich viel über sich selbst, ihr Umfeld, ihre Gedanken, Sorgen und Ängste preis. Ein Umstand, den es im Grunde nicht zu bewerten sondern lediglich zu akzeptieren gilt.

Ich bin in diesem Buch einer Frau in meinem Alter begegnet, deren Elternhaus mit meinem eigenen durchaus vergleichbar ist. Martina, ihr Mann und ihre Tochter führen ein eigenes und unabhängiges Leben bis zu dem Tag, an dem sie sich entscheiden, von Griechenland aus nach Deutschland und ins elterliche Haus zu ziehen. Was anfänglich wie eine glückliche Verbindung über drei Generationen hinweg aussieht, von der alle Seiten profitieren, entwickelt sich hin zu dem Punkt, an dem Martina Rosenberg am Ende ihrer Kräfte, ihrer Weisheit und ihres Willens ist, ihr eigenes Leben und das ihres Mannes und ihres Kindes durch die fortschreitenden Erkrankungen ihrer Eltern bestimmen zu lassen. Dem voraus geht ein langer und an manchen Stellen grausam zu lesender Kampf mit und gegen sich selbst, mit und gegen die Eltern, mit und gegen eine Krankheit, für deren ganzes Ausmaß die Autorin mehr als einmal treffende, berührende und angsteinflößende Worte findet. Demenz – der Verlust der eigenen Persönlichkeit, die Gefangenschaft in einem Körper, der nicht mehr als der eigene empfunden wird. Eine Krankheit, die sich für beide Seiten quälend und bar jeder Hoffnung auf Besserung langsam und sicher auf den Punkt hinbewegt, an dem aus einem ursprünglich selbstständigen und erwachsenen Menschen ein Bündel Fleisch und Knochen wird, das rund um die Uhr der Aufsicht und Pflege bedarf und dessen Alltag sich zwischen Essen, Stuhlgang und Dahinvegetieren bewegt. Mit viel Schneid, gutem Willen und dem Wunsch, den Eltern den gemeinsamen Lebensabend so schön wie nur möglich gestalten zu wollen, geht Martina Rosenberg ihre Aufgabe an. Die ersten zusätzlich großen Schatten nach der Diagnose „Demenz“ fallen über das gemeinsame Zuhause, als Martinas Vater erst in kürzeren und dann in immer länger und schlimmer werdenden Phasen zum Ausdruck bringt, dass er weder die Krankheit seiner Frau, noch das Altern an sich, noch die eigenen Unpässlichkeiten akzeptieren und mit ihnen umzugehen in der Lage ist. Der Vater entwickelt sich zu einem tyrannischen, jähzornigen und letztlich boshaften Menschen, den die eigene Tochter so nicht wieder erkennt. Martina Rosenberg hat es binnen kurzer Zeit mit zwei Pflegefällen unter einem Dach zu tun, die nach und nach ihre ganze Aufmerksamkeit, Energie, ihre Gedanken und zuletzt ihr Leben einnehmen und beherrschen. Schlimmer noch, der Vater wird in seinem überstarken Bedürfnis, Aufmerksamkeit zu erlangen, in seiner psychischen und physischen Gewalt der eigenen Frau gegenüber, zur größeren Belastung, als die kranke Mutter selbst, und letztlich auch zur Gefahr für sie.

Martinas eigenes Leben gerät mehr und mehr in den Hintergrund, die Nächte verbringt sie schlaflos, immer in der Angst, dass eine Etage tiefer das Chaos  ausbricht. Das Pflegepersonal reicht sich die Klinke in die Hand, umfangreiche und nicht endenwollende Formalitäten mit Ämtern und Krankenkasse belasten das Leben zusätzlich.

Martina Rosenberg schildert die 10 Jahre bis zum zuletzt sehnlich herbei gewünschten Tod ihrer Mutter in aller Schonungslosigkeit, in aller Unbarmherzigkeit und bleibt trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – sachlich, so gut es angesichts des Themas geht.

„Mutter, wann stirbst du endlich?“
Ich weiß nicht, ob die Autorin mit diesem provokanten und für’s Erste in eine gänzlich falsche Richtung führenden Titel so gut beraten war. (Ich habe das Buch wegen dieses Titels nicht gekauft und lediglich gelesen, weil ich es geschenkt bekommen habe.) Eine solche Frage laut und deutlich in den Raum zu stellen, das verbietet sich für mich auch jetzt noch, nachdem ich das Buch gelesen habe und diesen Wunsch mehr als nur nachvollziehen kann. „Wann stirbst du endlich?“, das ist eine Frage, die sich Martina Rosenberg zu Recht stellen muss und darf, vielleicht auch eine Frage, die sie an ihre Mutter richten darf. Die im Übrigen diesen Wunsch, sterben zu wollen und zu dürfen, recht bald schon nach Beginn ihrer Erkrankung selbst mehrfach äußert. Aber das ist keine Frage, die auf den Titel dieses berührenden und bewegenden Buches gehört. Sie nimmt überdies dem Leser die Chance, ganz allein zu diesem Gedanken gelangen zu dürfen. Nämlich dem, einen alten Menschen nach einem erfüllten Leben ein Sterben in Würde zu wünschen.

Permanente Selbstzweifel, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen, Gewissenbisse und Selbstzweifel bestimmen über einen langen Zeitraum die Gefühlswelt der Autorin. Dazu kommt das Fehlen dessen, wovon wir alle ein Stück weit leben: Anerkennung. Dank.

Nach meinem Empfinden liegt darin auch die Intention für dieses Buch:
Martina Rosenberg wünscht sich Anerkennung und Dank für den nicht unerheblichen Teil ihres Lebens, den sie ihren Eltern und deren Altern und Tod gewidmet hat. Weder das eine noch das andere können ihr die beiden Menschen geben, um die es geht. Die Mutter nicht (mehr), weil weder die Welt selbst noch Martina überhaupt noch zu ihr durchdringen, der Vater nicht, weil ihn Verbitterung, Misstrauen und der Verlust über die Selbstbestimmung jedes Gefühl für seine fürsorgliche Tochter vergessen lassen. Mehr noch – nach meinem Empfinden richtet sich dieses Buch mehr an den Vater, als an die demenzkranke Mutter. Denn er ist es, es ist all das Unaussprechliche, das Unausgesprochene, das Wissen darum, dass er so unversöhnlich bleibt, das Unbegreifliche der schweren Depressionen, die ihn plagen – die Martina Rosenberg die Konzentration auf die Pflege ihrer Mutter unmöglich machen.

Anerkennung und Dank – beides kann und darf aber ich Martina Rosenberg schenken für diese Lebensleistung und damit auch jeder andere Leser dieses aufwühlenden dokumentarischen Berichts. Für den Mut, das Durchhaltevermögen, die Energie und die Stärke. Dass ihre Eltern über die notwendigen finanziellen Mittel verfügt haben, sich im Alter externe Pflege leisten zu können, kann und darf Martina Rosenbergs Leistung nicht schmälern. Man muss ganz sicher nicht der eigenen Mutter die Windeln gewechselt haben, um nicht auch ohne diesen letzten Distanzverlust zur Intimsphäre der Eltern an deren körperlichem und geistigem Verfall zu verzweifeln.
Irgendwann, nachdem Martina Rosenberg entschieden hat, aus dem elterlichen Haus auszuziehen, um Distanz zwischen sich und das inzwischen ihr Leben bestimmende Chaos in der elterlichen Wohnung zu bringen, da verlangt sie von ihrer eigenen knapp 14-jährigen Tochter, sich niemals einer ähnlichen Situation auszusetzen. Martina Rosenberg wünscht sich von ihrem eigenen Kind, in einem guten Pflegeheim untergebracht zu werden. Und sie wünscht sich, dass ihre Tochter sich nicht denselben Zwängen und demselben zerstörerischen Pflichtgefühl verantwortlich fühlt, wie sie das ihren eigenen Eltern gegenüber getan hat. Einem Menschen, der diesen Schluss und diese Entscheidung für das eigene Altern und mögliche Siechtum trifft, dem nehme ich persönlich jede der in diesen 10 Jahren getroffenen Entscheidungen und auch die guten Gründe für den Wunsch, die eigene geliebte Mutter endlich sterben sehen zu dürfen, bedingungslos und ohne jedes Wenn und Aber ab.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

5 Kommentare

  1. ingrid neitzert

    Ich habe dies schon vor 5 Jahren meinen Kindern gesagt und mein Mann und ich sind in der glücklichen Lage zu entscheiden ,wann das sein soll.Es ist alles geregelt,notariell, wir sind noch jung,,aber wer weiß,was kommt.Ich will nicht,daß meine Kinder ihr Leben und ihre Familie für uns aufgeben.

    • Hallo Ingrid. über Frau Rosenberg weiß ich, dass sie massiv angefeindet wurde dafür, dass sie die körperliche Pflege ihrer Eltern in fremde Hände gegeben hat. Ich finde es wunderbar, dass ihr euren Kindern diese Verantwortung, entscheiden zu müssen, abgenommen habt. Ob und dass sie sich vielleicht dennoch gerne um euch kümmern, ist somit ihre freie Wahl 🙂

  2. Hat dies auf WOHIN MIT OMA? rebloggt und kommentierte:
    Reißerischer Titel für ein heftiges Buch. Bin ich froh, dass die Frau Pohl das für uns gelesen hat.

  3. Danke für die Rezension, Heike. Meine Mutter hat die selbe Entscheidung für uns getroffen: das ich sie nicht pflegen soll. Das Leben und der Tod hat uns diese Phase erspart

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