Der Mann aus der Wilhelmstraße – eine Weihnachtsgeschichte


GrasFrostMeist bin ich am späten Abend in Eile und möchte schnell nach Hause.
Von der Friedrichstraße, wo sich mein Büro befindet, bis zum Lützowufer, wo ich wohne, sind es geschätzte drei Kilometer.
Auf halber Strecke liegt der Ulrichmarkt, und wenn ich nicht zu spät dran bin, springe ich noch schnell rein um einzukaufen.

Unscheinbar, fast schüchtern, steht dort an der Ecke beim Eingang ein Mann. Er wäre mir vermutlich nicht weiter aufgefallen, hätte er nicht einen kleinen Stapel der Berliner Straßenzeitung „motz“ vor seiner Brust.

Straßenzeitungen gibt es über die ganze Republik verteilt. Ich kaufe sie immer, wenn ich einem ihrer Verkäufer über den Weg laufe. Anfangs, weil ich mir sicher war, für eine gute Sache mit ganzen zwei Euro selbst ein wenig Gutes tun zu können. Später, weil ich sie gerne lese. Weil sie mir eine weitere Perspektive auf das Leben schenken, und weil sie richtig gute Schreiberlinge bergen.

Dieser Mann also, ich nenne ihn Stefan, er steht dort Tag für Tag und offeriert die „motz“ in aller Zurückhaltung. Ein guter Verkäufer ist er nicht, denke ich und weiß gleichzeitig auch, wie viele abwertende ja oftmals beleidigende Kommentare sich Männer wie Stefan Tag für Tag anhören müssen. Es fällt mir also nicht schwer, seine Zurückhaltung zu verstehen.

Stefan mag so um die vierzig sein. Er ist schlank, vielleicht sogar mager. Das ist schwer zu sagen, weil seine weiten, unförmigen Klamotten keinen wirklichen Schluss zulassen. Seine Wangenknochen stehen hervor, die vereinzelten Stoppeln rund um sein Kinn haben einen rötlich blonden Stich, ebenso wie sein strähniges Haar, dessen Pony ihm bis knapp über die Augen fällt. Wenn Stefan lacht, zeigt er Mut zur Lücke.
Es fehlen ihm ein Schneidezahn oben und ein Zahn in der unteren Reihe.
Er hat sich beide Zähne selbst gezogen, weil er nicht krankenversichert ist.
Mit dem Bindfaden und der Türklinke. Davon erzählt mir bei einer unserer vielen kurzen Begegnungen.

Stefan ist ausgesprochen freundlich. Die Dankbarkeit, die er zeigt, wenn ich ihm seine Zeitung abkaufe, sie ist so liebenswert, wie sie traurig macht.

An einem Morgen, ich bin früh dran und kann mir Zeit lassen mit dem Einkauf, komme ich auf die Idee, für Stefan ein belegtes Baguette zu kaufen und es ihm zu schenken. Das machen wir von nun an immer so: Ich kaufe ein und bringe und bringe ihm etwas mit. Schließlich frage ich ihn dann irgendwann vor dem Einkauf, ob er einen besonderen Wunsch habe.
Stefan verblüfft mich mit der Bitte um Schokoladenkuchen. Er wünscht sich die günstigere Variante, nicht den teuren von Bahlsen. Und er sagt mir, wo genau ich den finden kann, in diesem großen Einkaufsmarkt.

Weil es mir gut geht in und mit meinem Leben, weil ich Glück habe und zufrieden sein kann, werden die kleinen Mitbringsel für Stefan bald zu Einkaufstüten, in die ich das packe, wovon ich mir vorstelle, ihm eine Freude machen zu können.

Stefans Geschichte klingt, wie unzählige andere Geschichten obdachloser Menschen klingen mögen.
Alkohol – Ehe kaputt – Scheidung – Job weg – Wohnung weg – Unterhaltszahlungen – Krankheit – kleinere Delikte.
Ein Abstieg in wenigen Worten, unpathetisch und knapp von ihm erzählt.
Er wohnt in einer Laube, irgendwo in Berlin. Ohne Strom. Ohne fließendes Wasser.
Im Sommer, so stelle ich mir vor, mag das ganz okay sein. Aber es ist bald Winter in Berlin. Dieser verfluchte Ostwind pfeift durch die Straßen und wirbelt Laub, Frisuren und Schals auf, schlägt Mantelsäume nach oben und kriecht bis auf die Haut.

Stefan hat einen kleinen Gaskocher in seiner Laube, sagt er. Und so packe ich Schokoladenkuchen, Käse, Ravioli und Eintöpfe in Konserven und Tüten-Suppen aufs Laufband an der Kasse. In meiner Vorstellung sehe ich Stefan in seiner Laube bei einem halbwegs wohlschmeckenden, sättigenden Mahl.

Einige Zeit später, Stefan und ich kennen uns vielleicht ein Vierteljahr, bittet er mich anstelle eines Einkaufs um Geld. Vermutlich ist mir mein Zögern deutlich anzusehen, denn Stefan beginnt ohne Umschweife vom Anlass seiner ungewöhnlichen Bitte zu erzählen. Sie ist deshalb ungewöhnlich, weil er mich noch nie um etwas gebeten hat, schon gar nicht um Geld. Stattdessen bringt er immer öfter mich in Verlegenheit, wenn er mir meine Einkaufstaschen zum Auto tragen möchte.

Heute also nimmt er mich zaghaft am Arm und bringt mich zu seinem Fahrrad, das mit einer dicken Kette gesichert ganz in der Nähe bei der Treppe zur U-Bahn steht. Er erzählt, dass sein Rad kaputt sei und dass er insgesamt 30 Euro brauche, um wieder damit fahren zu können. Und weil ich noch immer nicht so recht weiß, was ich davon halten soll und er das merkt, fügt er eilig hinzu, dass er sich ganz bestimmt keinen Schnaps kaufen werde. Und wenn er sich Schnaps kaufte, denke ich, es wäre seine Entscheidung.

Ich sehe mir das alte Rad an und frage ihn, ob es nicht besser wäre, wenn ich ihm helfen würde ein gebrauchtes Rad günstig zu kaufen, anstelle seinen ganz offensichtlich in die Jahre gekommen Drahtesel für viel Geld reparieren zu lassen.
Er weicht einen Schritt zurück und antwortet mir:
„Ich besitze nichts auf dieser Welt, außer diesem Rad. Wir sind gemeinsam …“, und mit diesen Worten zieht er den kleinen Kilometerzähler aus der Tasche seines abgewetzten Anoraks, „… schon mehr als 15 000 Kilometer durch die Welt gefahren.“
Dann schweigt er, sieht mich an, und reibt sich vor Verlegenheit das Kinn. Es ist ihm anzusehen, dass es ihm schwer fällt mich um etwas zu bitten.

Ein paar Tage später, am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, empfängt mich Stefan mit der Quittung für die Reparatur. Und erzählt mir mit strahlendem, Lücken entblößendem Lächeln, für das verbleibende Restgeld sei er im Hallenbad gewesen, um sich zu waschen und zu rasieren, und habe sich neue dicke Wollstrümpfe und Unterwäsche gekauft.

Am 23. Dezember 2006, ich bin mit dem Taxi unterwegs und lasse mich vor dem Ulrichmarkt absetzen, sehe ich Stefan zum letzten Mal.
Es ist spät abends, kurz vor 20 Uhr. Ich eile im Laufschritt durch den Laden und sammle ein, was sich für ein weihnachtliches Essen ohne Strom und Wasser anbietet. Auch jede Menge Süßkram wandert in den Wagen. Als ich ihm die Tüte in die Hand drücke, wirkt er verlegen. Er tritt von einem Bein aufs andere. Und dann fragt er mich, ob er mich auf die Wange küssen darf. Sein Bart kratzt. Der Abstand zwischen einem halbwegs geordneten und einem aus allen Bahnen geratenen Leben wird ganz, ganz klein.

Am nächsten Morgen ist mein Koffer gepackt. Ich fliege nach Stuttgart zu meinen Eltern. Stefan lasse ich zurück. So, wie ich ein halbes Jahr und einige unvorhergesehene Ereignisse später auch Berlin hinter mir lasse.

2007 komme ich erst im April wieder in die Hauptstadt zurück, um meine Wohnung zu räumen, Berlin adieu zu wünschen und an den Nordostseekanal zu ziehen.

Inzwischen sind sieben Jahre vergangen.
Wenn ich an das Leben und die Zeit in Berlin denke, wenn Weihnachten vor der Tür steht, dann denke ich an diesen Mann.
An seine stille Freundlichkeit. An die latente Traurigkeit in seinen Augen.
An mein Glück, ihm begegnet zu sein.
An den linkischen Kuss auf meine Wange.
Und daran, dass ich so sehr gerne wüsste, ob und dass es Stefan gut geht.

Ulrichmarkt, Filiale Berlin Mitte
Mohrenstrasse 69/Ecke Wilhelmstraße
10117 Berlin

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

13 Kommentare

  1. Hallo Heike, danke fürs Hinsehen und Teilen der Geschichte.
    Würdest du mir erlauben, die Geschichte mit meinen Berufsschülern zu lesen? Für viele wäre das eine ungewohnte und neue Sicht auf Arme und Obdachlose.
    Auf jeden Fall ein gutes neues Jahr. LG Anna

  2. Hat dies auf Fotografische Reisen und Wanderungen rebloggt und kommentierte:
    Eine Geschichte, die gerade zur Weihnachtszeit sehr berührt. Mich auf jeden Fall.

  3. Ich wüsste auch gerne, wie es ihm geht. Wie oft schauen wir vorbei, statt an!
    Ich wünsche dir schöne Festtage 🙂

  4. Eine schöne Geschichte, nur das mit dem „Glück haben“ teile ich nicht ganz. Es ist entsprechend mit Einsatz und Arbeit verbunden, wenn man so leben „darf“ wie wir.

    • Aller Einsatz und alle Arbeit nützen nicht viel, Annette, wenn dir das Leben fett zwischen die Beine grätscht. Angefangen bei Krankheiten, die dich aus der Bahn werfen können. Das meinte ich mit „Glück“. Und das ist vielen Menschen irgendwann einmal abhanden gekommen. Manche finden den Weg wieder in die Spur, andere – wie Stefan – nicht. Und anders herum wird für mich auch nicht zwingend ein Schuh daraus – nicht jeder erfolgreiche Mensch – im Sinne von Wohlstand – darf sich die Medaille für „Arbeit und Einsatz“ an die Brust heften. Es gehört nach meinem Empfinden eben noch ein bisschen mehr dazu, als das was in unseren eigenen Händen und in unserer eigenen Kraft liegt 🙂 Liebe Grüße, Heike

      • Liebe Heike,
        so sehe ich das auch, danke fürs ausformulieren. Habe lange nach den richtigen Worten zu dieser Sache von wegen Glück haben sei auch mit Einsatz und Arbeit verbunden gesucht, weil ich so konsterniert über die Aussage war. Stimmt und stimmt nicht. Ich kenne so viele, bei denen es eben nicht stimmt. Und das mit dem durch Berlin gehen geht mir bei jedem Besuch genauso. Schäme mich dann oft für mein ‚Glück gehabt‘.
        Liebe Grüße, Kai

  5. Die Geschichte hat mich sehr berührt, Heike!

    • Für mich war das fürchterlich, durch Berlins Straßen zu gehen. Ich habe nie davor und nie danach wieder so viele arme Menschen am Straßenrand sitzen und stehen sehen. Sie gehören quasi zum Stadtbild und also nimmt man sie nach einer gewissen Zeit kaum mehr wahr. :-/

  6. Wirklich schöne WeihNACHT(s)GESCHICHTE…….schönes FEST….HERZlichst ANDREA:)

  7. Das ist eine sehr berührende Geschichte, danke fürs teilen.
    LG und schöne WeihnachtsTage! Petra

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