Von Schillers Huldigung, Würfelzucker und 101 Jahren Großmama #prosa #duisburg #familie


Herta

Duisburg war so weit weg, dass wir etwa nach 40 Kilometern Strecke damit anfingen, die berühmten Fragen zu stellen:
„Wie lange dauert es noch?“ „Ist es noch weit?“ „Wann sind wir endlich da?“
Etwas über 420 Kilometer liegen zwischen der Unterkante der Schwäbischen Alb und der Metropole im Herzen des Rheinlandes. Oma und Opa Duisburg lebten im Rosenhof, mitten im Herzen der großen Stadt, einer Art Wohnblockoval mit riesigem parkähnlichem Innenhof.
Im Nebenhaus wohnte Bettina. Die war so alt wie ich. Hatte knallrote Haare und Sommersprossen.
Und konnte besser Gummihüpfen, als ich.
Wenn wir endlich da waren und ausstiegen, roch die Luft nach feuchtem Ruß. Und nach Stadt. Nach Leben. Meine Mutter erzählte oft, wie rußig und schwarz
es Mitte der 60er-Jahre noch gewesen sein muss. Vom hellen Kleid war die Rede, das binnen kürzester Zeit dunkel geworden war.

Diese riesige Stadt. Die Straßenbahn. Das Theater Duisburg um die Ecke, hoch oben, über den Säulen, Schillers Huldigung der Künste:

Mit allen seinen Tiefen seinen Höhen
Roll ich das Leben ab vor Deinem Blick,
Wenn Du das große Spiel der Welt gesehen
So kehrst Du reicher in Dich selbst zurück.

Künstliche Baggerseen in Buchholz, Ponyreiten um sechs Seen, die Waschbären im großen Zoo, Muscheln in Weißwein, die ersten Garnelen in Mayonnaise bei Familienfesten, beeindruckende Platanen-Alleen auf wenig Erde, eingefliest zwischen Stein und Straße, Jackie, der Cockerspaniel, Pralinés im Café Dobbelstein – die große Stadt war ein Wunderland für mich. Städte sind es bis heute geblieben.

Im vierten Stock auf dem Balkon – meine Oma Duisburg, wie wir sie nannten. Im Hauskleid über der schicken Bluse, die Haare frisch frisiert, die ungelenk wirkenden Fesseln unter stützenden Strümpfen, Augenbrauen und Wimpern in Form, die milden, weichen Lippen nachgezogen – so stand sie da. Immer, wenn wir ankamen. Und immer, wenn wir wieder nach Hause fuhren.
Sie winkte dann. Und sie weinte. Vor 40 Jahren waren 400 Kilometer sehr viel mehr, als sie das heute sind.

Brathering und solche in Grün, die riesige Lampe mit der Hubertusjagd auf dem Schirm, Glasfiguren aus Murano. Europa, an einen Panther geschmiegt aus weißem Porzellan. Thor Heyerdahl im Regal und an der Wand mein Opa mit Hut, auf dem Arm Löwenkinder aus dem Zoo. Im Wandschrank Würfelzucker aus allen Hotels, in denen sie je waren. Die Stehkneipen an den Ecken, gefliest wie zuhause das Bad. Pannas und Grünkohl, Braunkohle und Pott. Der Rhein, die Landungsbrücken, der Hafen. Diese Luft. Duisburg. Kindertage.

Heute wäre meine Oma Duisburg 101 Jahre alt geworden.
Ich denke an dich.

Wer mehr darüber lesen möchte, kann das gerne unter den nachfolgenden Links tun:

Herta – ein Frauenleben nach der Jahrhundertwende
oder
Die Geschichte meiner Großmama: Aus dem Leben einer Hundertjährigen, die nicht aus dem Fenster stieg.

MagnolieLilaSWHFPS

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

5 Kommentare

  1. Pingback: Sonntagsleserin KW #13 – 2014 | buchpost

  2. Wieder gerne gelesen. Oma Duisburg, fast schon vertraut 🙂 Und wieder reingefallen auf „Brathering“, weil ich verzweifelt im Kopf gesucht habe, was „brathering“ (bräth-ering wie engl.) wohl heißen mag #lach

  3. Deine Texte sind nicht nur eine Freude zu lesen, sondern sorgen dafür, dass ich jetzt am liebsten alle alten Tagebücher durchkramen und meine Erinnerungen an meine Großeltern aufschreiben möchte. Und: sich vergegenwärtigen, wie endlich unser Leben ist. Danke. LG Anna

  4. So wunderbar geschrieben – so schön zu lesen.

  5. Pingback: Oma Berlin I – oder: Otto Lilienthal ist abgestürzt | skyaboveoldblueplace

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