Gestatten, dürfen wir Sie beim Töten filmen? #Reportmainz #ferkelzucht #DeutschlandsFerkelfabriken


Gestatten, dürfen wir Sie beim Töten filmen?

Ist das der Preis, den wir für billiges Fleisch zahlen?
In seinem Beitrag „Deutschlands Ferkelfabriken“, ausgestrahlt am 14.07.2014, zeigt das Magazin der ARD „Exclusiv im Ersten – Report Mainz“ in deutlichen, in klaren, in brutalen Bildern, wie und dass in großen Mastställen deutscher Schweinezüchter Jungferkel getötet werden. Es ist schwer auszuhalten, sich diese Dokumentation anzusehen. Es ist schwer auszuhalten, Menschen dabei zuzusehen, wie sie routiniert und ohne erkennbare Regung junge Tiere selektieren, bei den Hinterbeinen packen und sie auf Steinböden oder auf die Holzkanten der Zuchtboxen klatschen, um sie zu töten. Es ist schwer auszuhalten, noch zuckende und lebende kleine Ferkel inmitten von Bergen ihrer toten kleinen Artgenossen im Todeskampf zappeln zu sehen. Es ist schwer auszuhalten, in die wenigen Gesichter der Branche zu sehen, die den Schneid haben, sich vor laufender Kamera zu diesen Bildern zu äußern.
Es ist nicht minder schwer auszuhalten, wenn sich Heinrich Dierkes, Vorsitzender der ISN – Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. – im monatlich erscheinenden Rundbrief des Vereins ganz offensichtlich mehr mit dem Umstand befasst, dass es gelungen ist, Filmmaterial zu diesen Tötungen herzustellen. Die vorrangige Sorge von Dierkes gilt nicht der Faktenlage, wonach Sauen – weil so gezüchtet – mehr Ferkel produzieren, als die Tiere Zitzen und damit Milchplätze für ihren zahlreichen Nachwuchs haben, und daraus resultierend täglich tausende „überschüssige“ Ferkel auf die oben beschriebene Weise getötet und dann entsorgt werden. Dierkes kommt – kaum räumt er einleitend ein, dass auch ihm der Atem angesichts der gezeigten Bilder stockt – gleich auf den Punkt: Nicht was geschehen ist und geschieht an diesen wehrlosen Tieren ist das eigentlich Malheur. Nein, das besteht darin, dass und wie die Bilder davon entstanden sind. „Die Bilder wurden zu einem erheblichen Teil illegal erstellt und wie selbstverständlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt. Eine solche Verletzung der Persönlichkeitsrechte darf es in einem Rechtsstaat nicht geben.“ (Quelle: ISN-Mitgliederrundbrief August 2014)

Und auch im Mittelteil des vereinsinternen Faltblattes geht es noch einmal ausführlich unter der Überschrift „Nottöten von Ferkeln – Erschreckende Bilder“ um „illegale Filmaufnahmen und neue Erlasse“. Im Weiteren beruft sich der Vereinsvorsitzende darauf, dass erst die vor wenigen Wochen in Kraft getretenen Erlasse in Niedersachsen und NRW und die Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung „Klarheit in Sachen Nottötung“ gegeben hätten. Dierkes kritisiert schließlich, dass die Tierschützer die Vorfälle nicht unverzüglich zur Anzeige gebracht hätten. Seine Auslassungen münden in die Frage „Ging es diesen Gutmenschen etwa gar nicht um Tierschutz, sondern um Spenden und Quote?“ Er spricht weiter von „[…] selbsternannten Gutmenschen, die die Gesetze ohne Hemmungen brechen[…]. (Quelle: ISN-Mitgliederrundbrief August 2014)

Mit keinem Wort geht Dierkes darauf ein, dass es im Fernsehbeitrag im Wesentlichen um durchaus überlebens- bzw. lebensfähige, also um gesunde Ferkel geht. Die TV-Bilder zeigen – heimlich gefilmt – MitarbeiterInnen der Schweinemastbetriebe, die nach einer Zählung der Tiere willkürlich überschüssige Ferkel aus der Gruppe greifen, um sie ohne weiteres Ansehen totzuschlagen. Es geht also nicht um eine Nottötung, wie sie laut einer Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung erlaubt bzw. sogar geboten ist. Auch den Tötungsvorgang selbst spricht Dierkes nicht an. Denn auch hier gibt es eine klare Regelung, wonach die neugeborenen Tiere nicht gegen Wände und auf Böden geschlagen und oft genug schwer verletzt in Müllsäcke geworfen werden dürfen. Nein, der Vorsitzende der ISN versteckt sich hinter einer unklaren Gesetzeslage und ruft nach dem Rechtsstaat, weil die Bilder unerlaubt entstanden sind. Wie hat sich Herr Dierkes eine vergleichbar schonungslose Recherche vorgestellt? Sollten die Mitarbeiter der Redaktionen bei den Schweinzüchtern anfragen, ob sie ihnen beim illegalen Töten der Jungtiere mit der Kamera über die Schultern filmen dürfen? Glaubt Herr Dierkes ernsthaft, auch nur ein Betrieb, in dem wie gezeigt verfahren wird, hätte sich bereit erklärt, Dreharbeiten zu genehmigen? .

SchweinchenRosa Kopie

1,58 Euro erhält ein Züchter aktuell im Durchschnitt. Niemand kann ernsthaft glauben, dass zu diesen Preisen eine auch nur halbwegs humane Tierhaltung möglich ist.

Halbwegs erträglich wird der Mitglieder-Rundbrief an der Stelle, an der im Text auf den rückläufigen Fleischverzehr der Deutschen eingegangen wird. Demnach ist ein Rückgang von 2% gegenüber dem Vorjahr bei – wohlgemerkt – gesunkenen Fleischpreisen zu verzeichnen.

Gerade einmal 1,58 Euro pro Kilogramm Schweinefleisch kann der Züchter aktuell verlangen. Und damit kommen schockierende Bilder, entsetze Konsumenten, lamentierende Schweinezüchter an dem Punkt zusammen, um den sich alles dreht und wendet. Bei solchen Preisen kann es kaum mehr möglich sein, Schlachttiere so zu züchten, zu halten und zu töten, dass der Prozess der Fleischproduktion den Tieren auch nur ansatzweise gerecht wird.

Wer diese Bilder gesehen und/oder die lächerliche Reaktion des größten „Verbandes“ der Schweinezüchter gelesen hat, dem muss der nächste Bissen von auf diese Weise produziertem Fleisch quer im Hals steckenbleiben. In letzter Konsequenz nämlich sind wir es, die diese Art Brutalität provozieren und akzeptieren. Und vom Vorstand der ISN hätte man zumindest ein scharfes, ein mächtiges und ein sehr direktes Wort gegen jene erwarten dürfen, die Mensch und Tier auf diese brutale Weise Schaden zufügen.

ferkelnase

Supersonderangebote für Fleisch locken Kunden in die Discounter – bei diesem Preiskampf bleiben die Tiere auf der Strecke. Und die Menschen auch.

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

3 Kommentare

  1. Eine höchst diffizile Situation. Das Essen bleibt einem im Halse stecken, doch was moralisch (oder gar rechtlich) korrekt ist, ist nicht so einfach zu beurteilen.

    Zum Einen lässt sich darüber nachdenken, ob es richtig war, derart drastische Bilder im Fernsehen zu zeigen. Hier lässt sich argumentieren, dass Konkretheit die Situation deutlicher vor Augen führt und eine ansonsten nur geschilderte und somit kaum glaubbare Situation realer macht.

    Dass der Herr Dierkes sich an den Strohhalm der illegal besorgten Bilder klammert, zeigt eigentlich schon, wie schlimm es ist. Weder wird das Töten an sich noch die Art des Tötens thematisiert. Es ist ihm also bewusst, dass hier verwerfliche Dinge geschehen, es hätte nur niemand erfahren dürfen.

    Nun ist die Katze aber aus dem Sack, der Einblick ist gewährt und der Vorwurf der illegalen Beschaffung von Bildmaterial dient zwei Zwecken: (1) der Strafe derjenigen, die es gewagt haben und damit unter anderem der Abschreckung, und (2) dem Verhindern von Klagen und dem Nachweis illegaler Aktivitäten wie dem Töten von Tieren, deren Tötung nicht erlaubt ist.

    Versucht wird hier in (2) offenbar, in die Richtung der Früchte des vergifteten Baumes zu gehen (vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Früchte_des_vergifteten_Baumes). Die Ergebnisse unrechtmäßiger Untersuchungen können nicht vor Gericht verwendet werden. Allerdings ist die Regelung in Deutschland, soweit ich informiert bin, nicht zutreffend.

    Mein vorläufiges Fazit lautet also: ein Ablenkungsmanöver, das zum Scheitern verurteilt ist, da es erst recht die Aufmerksamkeit auf die Zustände in Tierzucht und Politik lenkt.

    • Hallo Frau Tewe, wie ich sehe, sind Sie quasi vom Fach, umso schöner und angenehmer finde ich Ihre sachliche Art zu argumentieren.
      Ich meine schon, dass man diese Bilder im Fernsehen zeigen muss und soll. So bleibt freigestellt, ob man sich das ansehen möchte. Würde ich diese Wahl nicht haben, fiele es mir sicherlich schwer, mir die Informationen und Bilder anderweitig zu beschaffen.

      Solange die Verbraucher nicht reagieren und ihre Verantwortung ernst nehmen, wonach sie auch direkten Einfluss auf den Markt haben, und solange Verbände wie der hier das Tun Einzelner decken und/oder tolerieren, dürfte sich für die armen Schweine wenig ändern.

      Ich bedanke mich herzlich für Ihren Kommentar und Ihr Interesse. HP

  2. Liebe Heike,
    da bleibt einem echt die Spucke weg. Sowohl bei Deiner Schilderung des Filminhalts, als auch – und fast noch viel mehr, bei den Einlassungen dieses Verbandsfuzzis. Aber am Ende stimmt eben vor allem Dein Satz:
    „In letzter Konsequenz nämlich sind wir es, die diese Art Brutalität provozieren und akzeptieren.“

    So ist es wohl, solange derart billiges Fleisch von der Konumenten-Mehrheit gekauft, ja geradezu erwartet und verlangt wird, solange wird es diese Zustände geben und die Tiere (es sind ja nicht nur Schweine, die so behandelt, misshandelt werden).
    Wir sind keine Vegetarier, essen durchaus gerne Fleisch (wenn auch nicht so gern Schweinefleisch) – aber wir versuchen soweit wie möglich darauf zu achten, woher und von wem das Fleisch kommt. Manchmal reicht es schon, wenn man seinen Metzger und seine Lieferanten kennt (ein bisschen Mühe muss man sich schon machen). Das führt natürlich als Nebenwirkung dazu, dass wir weniger Fleisch essen, weil es eben deutlich teurer ist. Das hat uns bisher nicht geschadet…

    Danke für Deinen Artikel und liebe Grüsse
    Kai

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