Für Martin. Eine Polizeimeldung und ihre Geschichte.


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~ Für Martin ~

Martin wartet im Schneidersitz auf den Krankenwagen. Er sitzt auf der Landstraße. In einem Krankenwagen zu fahren, das findet er toll. Und Cola, die mag er auch. Und in die Stadt laufen. Mit seinem Rucksack und der Buddel Cola im Arm. Mit den anderen Männern. Fast jedes Wochenende. 12 Kilometer zu Fuß. Immer ein Lied auf den Lippen. Er vorneweg. Die anderen hinter ihm her.
Viele Menschen kennen ihn. Die meisten vom Sehen. Andere, weil sie mit ihm in einem Dorf leben. Wieder andere, weil er in die Geschäfte kommt und auf die Menschen zugeht.
Martin ist 41 Jahre alt. Er verbringt sein Leben betreut, in einer Gruppe. In einem Wohnheim. Martin lebt in seiner eigenen Welt. Sie überschneidet sich ab und an mit der der anderen Menschen. Dann trennen sich die Welten wieder.

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Am Dienstag der vergangenen Woche sitzt Martin auf der Landstraße. Es ist dämmrig und warm. Er wartet … Worauf, das weiß nur er. Vermutlich möchte er wieder Krankenwagen fahren, so wie schon oft. Es ist sein Wunsch.

Martin und sein Wunsch werden zu einer kurzen Polizeimeldung. Die ihn erfüllt hat, ist eine junge Frau, 18 Jahre alt. Sie hat ihn zu spät gesehen.

Ich weiß nicht viel über das Leben von Martin. Immer wieder einmal habe ich über ihn und seine Mitbewohner schreiben wollen. Es war schon alles besprochen, irgendetwas hat mich abgehalten. Vielleicht war es die Distanz, die ich bewahren wollte. So konnte ich die Männer sehen. Mich darüber freuen, dass sie ihr Leben zumindest so gern mochten, dass ihnen nach Singen war.

Nun ist Martin tot. Seine Geschichte bewegt und beschäftigt mich. Ich habe eine Kurzgeschichte geschrieben. Ich möchte ihm Blumen schenken. Wie man es macht, wenn irgendwo an der Straße ein Mensch sein Leben lässt. Ich erzähle sie hier, weil sein Tod zugleich die Erfüllung seines großen Wunsches war.

Und weil ich will, dass Martin, den ich nur vom Sehen und aus den Erzählungen anderer kannte, nicht einfach so aus diesem Leben verschwindet.

Für Martin …

 

~~~

Die Polizeimeldung
Verkehrsunfall mit Todesfolge

Am Dienstag, dem 30.09.2014, befuhr eine Verkehrsteilnehmerin mit ihrem PKW die Dorfstraße in Aebtissinwisch. Um 07:20 Uhr bemerkte sie eine männliche Person, die auf der Straße saß. Sie hielt an und forderte den 41-Jährigen auf, die Fahrbahn sofort zu verlassen. Im gleichen Moment befuhr eine 18-Jährige mit ihrem PKW die Straße aus entgegengesetzter Richtung. Die Zeugin versuchte noch vergeblich, durch Aufblenden des Fernlichtes die 18-jährige Fahrzeugführerin zu warnen. Der sitzende Fußgänger wurde jedoch vom Fahrzeug erfasst und lebensgefährlich verletzt.

Im Klinikum Itzehoe erlag er seinen schweren Verletzungen.
Ein Sachverständiger der DEKRA wurde zur Begutachtung des Unfallgeschehens hinzu gerufen.

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

10 Kommentare

  1. Bei der Geschichte tut mir die 18Jährige sehr leid. Sie trägt jetzt eine große Last ihr Leben lang mit sich herum – so als Zwangswunscherfüllerin. Das ist die Kehrseite der Geschichte.

    • Mir auch. Da ich über dieses Thema auch in unserer Regionalzeitung geschrieben habe, hat der Vater der jungen Frau Kontakt zu mir aufgenommen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – das waren wohl alle Menschen, die mit diesem Unfall zu tun hatten. Auch übrigens die Frau, die per Fernlicht und Aufblenden den entgegenkommenden Verkehr hatte warnen wollen und sich dabei neben Martin auf der Straße befand.

      Einmal mehr ist das auch ein Geschehnis das dazu zwingt, sich über die „Waffe“ Auto bewusst zu werden, die man wie selbstverständlich täglich führt. Ich hab das selbst schon erlebt, als mit an einer schwer einsehbaren Kreuzung von rechts ein Radfahrer – Gesicht voran – in den Transporter krachte.
      An Martins Stelle hätte auch ein alter Mensch, ein betrunkener Mensch, jemand mit einem Herzinfarkt oder ein Kind dort auf der Straße liegen oder sitzen können …

  2. Liebe Heike, das ist eine schön-traurige Geschichte. Ich muss gerade auch an die 18-jährige Autofahrerin denken… aber es freut mich wirklich, jetzt etwas über Martin zu wissen. Liebe Grüße!

  3. Vielen Dank für die bewegende Erinnerung an jemanden, den ich nicht kannte, den ich mir jetzt aber lebhaft — wie paradox, ich weiß! — vorstellen kann …

    • Es gibt einige Menschen, über die ich aus der Ferne eine Beziehung habe, die eigentlich gar keine ist. Sie interessieren mich. Sie beschäftigen mich. Manchmal führt ein Weg zueinander. Manchmal auch nicht. Das ist eher eine intuitive Sache. Martin war für mich eine Art Bestätigung dafür, dass auch ein Mensch mit geistiger Behinderung ein fröhliches und zufriedenes Leben führen kann. Ich glaube, das „Bild“ hat mir so gut gefallen, dass ich daran nicht rühren wollte. Gestern hab ich nun gehört, dass er genau das nicht wahr: Fröhlich. Und zufrieden. Sofern wir anderen, die wir auch anders sind, das überhaupt einschätzen können. Er wird mir fehlen, er gehörte zu dem, was ich als Heimat empfinde 🙂

  4. Ein schöner Nachruf, ein trauriges Ereignis.

  5. sehr bewegend, liebe Heike
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Ja Kai, in unserer Gemeinde leben etwa 350 Leute, verteilt auf etliche Quadratkilometer. Jeder der geht, fehlt. Und wenn es nur darin liegt, dass er einfach dazugehörte. So wie Martin für mich, den ich nicht wirklich kennengelernt habe. Die Tragik die in seinem Tod liegt, beschäftigt mich so, dass ich an einer kleinen Geschichte schreibe. Liebe Grüße und vielen Dank fürs Lesen, wie immer 🙂 Heike

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