Das Mädchen ohne Namen #flüchtlinge #asyl #asylbewerber


Das Mädchen ist 6 Jahre alt.
Niemand kennt ihre Geschichte. Niemand weiß, was sie gerne isst. Niemand, womit sie am liebsten spielt. Wer ihr am meisten fehlt. Wovon sie träumt. Und in welcher Sprache.

In einer Excel-Tabelle vom Amt steht: Tew. (hier abgekürzt), Fereweiyi (Kind) und in der nächsten Spalte das Wort „Segeniti“. Darüber der Name ihrer Mutter.
In der Schule weiß man ihren Namen nicht, man weiß nicht, wie man ihn ausspricht. Und ob er richtig geschrieben ist, sagt die Rektorin. Darum nennt man sie dort „Ferei“. Oder so ähnlich.

Das Mädchen verbringt den Vormittag in einer Grundschule im Landkreis Steinburg in Norddeutschland. Die Menschen dort sind nett zu ihr. Sie meinen es gut. Das ganze Dorf ist bekannt dafür, fürsorglich mit den Menschen zu sein, die fliehen mussten.
Der Staat, in dem die Mutter des Mädchens Asyl beantragt hat, ist an der Bildung des Kindes interessiert. In Deutschland besteht Schulpflicht. Auch für Kinder, deren Namen niemand sagen kann. Und deren Sprache niemand spricht. Also sitzt „Ferei“ dort, zwischen den anderen Kindern. Manchmal haut sie ab. Sie steigt dann auf ein kleines Fahrrad, das man ihr geschenkt hat. Und fährt damit spazieren. Damit ihr nichts passiert, hat man ihr das Fahrrad weggenommen. Nun muss „Ferei“ warten, bis der Gong die Schule beendet.

„Ferei“ lebt jetzt zusammen mit ihrem kleinen Bruder und ihrer Mutter in Deutschland. Geboren wurde das Mädchen in der Stadt Segeneiti in der Provinz Debub in Eritrea. Ganz im Süden des Landes, an der Grenze zu Äthiopien.
In einem Video, gefunden bei Youtube, kann man viel Staub sehen. Auch, dass es heiß sein muss. dass die Menschen arm sind. Man sieht eine Gesteinswüste, Berge, Ziegen und bei Minute 9 laufen lachende Kinder durchs Bild, vielleicht so alt, wie das Mädchen „Ferei“, das nun im eiskalten und windigen Norden der Welt auf einer Schulbank sitzt. Und nicht versteht, was dort geschieht.

Die Amtssprachen in Eritrea sind Tigrinisch und Arabisch. Daneben sprechen die Menschen Englisch, Tigre, Afar, Saho, Kunama, Bedscha, Biin, Nara de jure und andere. Das Heimatland von „Ferei“ ist in sechs Verwaltungsregionen unterteilt, eine davon ist Debub im Süden. Die Hauptstadt von Debub heißt Mendefera, dort leben etwa 30.000 Menschen, vor allem Tigrinya, auch Abessinier genannt, in ihrem Glauben eritreisch-orthodox. Ihre Sprache heißt ebenfalls Tigrinya und gehört zu den äthio-semitischen Sprachen.

Warum „Ferei“ und ihre Mutter Tigereda nach Deutschland kamen? Wie sie das geschafft haben? Wovor sie in Eritrea Angst haben mussten? Und auch was sich „Ferei“ wünscht, wovon sie träumt, womit sie am liebsten spielt, das gilt es nun herauszufinden.

„Ferei“ heißt übrigens Fereweinyi und das spricht sich „Freweini“. Die das weiß und die helfen kann und will, die vielleicht die Sprache von „Freweini“ und ihrer Mutter spricht, die lebt selbst seit fast 30 Jahren in Deutschland.
Als sie ein Mädchen war, hatten sie ein Haus in Asmara. Der Vater war Arzt. Die Familie groß und glücklich.  Bis die Soldaten kamen. Und der Vater getötet wurde. Sie, die Mutter und die Geschwister flohen. Erst ins Sammellager in Frankfurt. Dann wurden sie verteilt im Bundesgebiet.

Wie Fereweinyi. Die niemand versteht. Und von der man nun wenigstens den Namen kennt.

 

 

 

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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