„C’est fini! Pour cette fois!“ / Es ist vorbei. Für diese Runde. #CharlieHebdo #JeSuisCharlie


„C’est fini! Pour cette fois!“ (Es ist vorbei. Für diese Runde.)
Das sagt eine junge Französin der Presse, nachdem am Abend der dritte Attentäter in Paris getötet wurde.

Mittwoch, 07. Januar, 12:34 Uhr
Ich lese bei Facebook den Post eines Kollegen und darin vom Überfall auf eine Zeitungsredaktion in Paris. Kurze Zeit später klicke ich auf einen der vielen Links, die mir von den unterschiedlichsten Quellen angezeigt werden. Ich kann bereits eine gewisse Form der Dynamik fühlen, die mit dieser Nachricht spürbar wird, noch bevor mir der ungeheuer laute Knall des ersten Schusses durch Mark und Bein fährt. Wie gelähmt sitze ich vor dem Bildschirm und schaffe es nicht, den Blick abzuwenden. Menschen fliehen über das Dach eines Hauses. Jemand filmt eine Szene, die sich unten auf der Straße abspielt. Die Menschen sind in Panik. Weitere Schüsse fallen und ich drehe – fast selbst in Panik – wild am Lautstärkeregler, während ein Mann auf dem Trottoir liegend um sein Leben fleht. Mit schnellen, geschmeidigen Schritten und einer in dieser Situation obszön wirkenden Lässigkeit, die mich auch im Nachhinein noch schaudern lässt, nähert sich einer der beiden maskierten Männer dem durch Schüsse verletzten Mann. Im Vorbeilaufen und ohne eine Sekunde zu zögern, tötet der Angreifer. Und auch auf der Strecke zwischen seinem Opfer und dem PKW, in den er gleich steigen wird, verliert sein Gang nichts an dieser grotesk federnden Leichtigkeit.
Ich habe dabei zugesehen, wie ein Mann getötet wurde. Mir laufen vor Entsetzen die Tränen übers Gesicht.
Und ohne es zu diesem Zeitpunkt wissen zu können, weiß ich:
Das ist erst der Anfang.
Nur – wovon?

Freitag, 09. Januar, 17:17 Uhr
Die Kameraeinstellung zeigt einen Parkplatz in der Nähe der Druckerei, in der heute am Nachmittag die Flucht der beiden Attentäter von Paris mit deren Tod endete. Zwei Männer der Spezialeinheit der französischen Polizei sind durch die Kronen von Bäumen hindurch zu sehen. Sie bewegen sich von der Kamera weg über den freien Platz bis hin zu einer Wiese. Die Männer bewegen sich schleppenden Schrittes, ihre Schultern hängen. Der dort zuerst an der Wiese ankommt, lässt seine Waffe fallen und fällt dann selbst ins Gras. Aus Erschöpfung? Aus Erleichterung? Ermüdung? Alle Last scheint abgefallen. Es fällt schwer und doch auch nicht, mir vorzustellen, wie sich ein Mensch fühlen mag, der einen solchen Einsatz hinter sich hat. Der seine eigene Angst besiegt hat. Der das überlebt hat. Und daran beteiligt war, dass zwei Attentäter starben und eine Geisel überlebte.

Zwischen Mittwoch und Freitag liegen zwei Tage, die ich nicht mehr vergessen werde. Noch am Mittwoch, um 16:33 Uhr, poste ich den Satz auf schwarzem Hintergrund „Je suis Charlie“, inzwischen zum weltweiten Symbol geworden, gegen den Terror und für die Menschen, die ihm zum Opfer fielen. „Je suis Charlie“, es fühlt sich im ersten Schock so richtig an, so einzig wahrhaftig.
Und es hat sich bestätigt, dieses Gefühl.

Je suis Charlie – ich bin Charlie, weil die Willkür von Attentätern jederzeit auch mich treffen kann.
Ich bin Charlie, weil für mich die Freiheit der Gedanken, des Wortes, der Schrift, der Kunst so selbstverständlich ist, dass dafür sterben zu müssen auch etwas in mir getötet hat.
Ich bin Charlie, weil meine Antwort auf viele Fragen dieses Lebens immer und immer wieder auch Humor war und es weiter sein wird.
Ich bin Charlie, weil ich der Überzeugung bin, dass es keine Tabus geben darf in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Realität, in der wir leben.
Ich bin Charlie, weil ich sie liebe und bewundere, weil ich sie brauche und ohne sie nicht leben will: Die Journalistinnen und Journalisten, die sich nicht korrumpieren lassen, die niemandem Rechenschaft schuldig sind, es sei denn sich selbst. Die klugen Köpfe, die den Dingen auf den Grund gehen, sie beim Namen nennen, bei den Haaren packen, unter ihre Soutanen und Roben blicken, hinter ihre Stirnen und Entscheidungen, ihre Ausreden, ihre Lügen und Ablenkungsmanöver. Hinter ihre Parolen und Täuschungen. Hinter ihren Selbstbetrug. Ihre – das ist die Politik, die Wirtschaft, die Liaison aus beidem. Ihre – das ist auch die Kirche, gleich welcher Couleur. Ihre – das sind die Banken, die Konzerne.
Ich bin Charlie, weil ich weine um die Frauen und die Männer in Paris und überall auf der Welt, die ihr Leben lassen, weil sie in unser aller Auftrag, Namen und zu unser aller Wohl dort nachhaken, nachbohren, nachfassen – wo andere schweigen oder wegsehen oder beides tun.
ich bin Charlie, weil sie auch für mich sterben. Die Journalistinnen und Journalisten, die an den Kriegsschauplätzen und in den Krisengebieten dieser Welt nach der Wahrheit suchen. Um sie mir, um sie uns zu aufzuzeigen.
Ich bin auch Charlie, weil Charlie auch die Menschen meint und mit einschließt, die zufällige und willkürliche Opfer solcher Anschläge werden. Polizisten. Zivilisten. Menschen, die zur falschen am falschen Ort sind. Ganz so, wie auch ich es hätte sein können.

Von Mittwoch bis Freitag schwanke ich zwischen Wut, Entsetzen, Trauer, Angst, Sorge, phasenweiser Lähmung jeglicher Motivation, Verlust von Zuversicht, größtem Unbehagen und – ja, auch das – der Freude über so viel Solidarität. Und als am Freitagabend die Nachricht über den Tod der Attentäter die Runde macht, zwischen Erleichterung und – ja auch das – der Trauer über drei derart sinnlos verbrachte Leben, die in einem solch sinnlosen Tod enden.

Zwischen Mittwoch und Freitag lese ich, was ich finden kann. Über Salafisten, den Dschihad, den Koran, Waffenexporte in islamisch geführte Länder. Frankreichs Geschichte und Verbindungen zu Ländern wie Algerien, dem Jemen und anderen. Integration. Und Rassismus. Islamphobie. Non-Fly-Listen. Verfassungsschutz. Ich höre de Maiziere und Gauck, sehe in das seltsam emotionslos wirkende Gesicht von Merkel, höre was sie sagt und frage mich, ob sie auch fühlt, wovon sie spricht. Ich denke mich durch Zahlen und Fakten, lasse Spekulatives und Recherchen an mir vorüberziehen. Ich lese von Klagen gegen Charlie Hebdo. Von Versuchen, Zeichner und Redakteure mundtot zu machen. (Krokodilstränen – Der Freitag)
Ich will keine Vergleiche mit dem deutschen Magazin Titanic, keine Debatten über Vorratsdatenspeicherung, auch keine politische Kaste oder christliche Kirche, die von sich behaupten, sie seien Charlie. Ich will auch nicht lesen, das sei ein Anschlag auf Presse- und Meinungsfreiheit oder gar einer auf die Demokratie. Ich will schon gar nicht AfD und Pegida im Schulterschluss und der Einigkeit, dass das Fremde fremd ist und es am besten auch bleibt. Ich will keine Rufe nach Rache und Vergeltung. Keinen Aufruf zum Mord an Mördern. Keine Verfolgungsjagden live und in Farbe im TV. Keine Erklärungsversuche, keine Parolen. Keine Verbrüderung in der Not.

Ich will nur das Eine:
Ich will die Zusammenhänge verstehen, die aus jungen Männern Killer machen, denen das Leben nichts wert ist. Nicht das eigene. Und nicht das anderer. Ich will verstehen, was geschehen ist, das selbst junge deutsche Männer in einen Krieg ziehen lässt, den niemand gewinnen und in dem bestenfalls alle sterben können. Ich will darüber lesen, in welchen Punkten der Westen – Europa und die USA – das Ihrige getan haben, um diesen Hass unter den Weltanschauungen, den Zivilisationen zu schüren. Ich will wissen, warum sie lieber sterben, als zu leben. Warum sie töten, anstatt Leben zu schaffen. Warum ihr großes Ziel darin liegt, traurige Berühmtheit zu erlangen. Ich will wissen, was der Westen in ihren Heimatländern angerichtet hat, was in der Geschichte verbrochen wurde, das ihnen die Zukunft nahm.

Da ist nicht sehr vieles, auf das ich eigene Antworten finde. Allenfalls ein unbestimmtes Gefühl das mir sagt: Hier geht es nicht um Religion. Sie dient allenfalls dem Zweck, junge Männer ohne jede Hoffnung abzufangen und zu instrumentalisieren. Hier geht es nicht um Meinungsfreiheit. Hier geht es nicht um Demokratie.
Hier trifft aufeinander, was sich lange schon aufeinander zu bewegt. Umeinander kreist. Von einander abhängt. Und miteinander nicht kann. Weder im Frieden. Noch im Krieg. Armut auf Reichtum.

Ich wünsche mir dringend Antworten.
Denn es ist nicht vorbei. Nicht einmal für diese Runde.

Randnotiz:
Deutschland liegt weltweit ganz vorne in der Rangliste der waffenexportierenden Länder. Jeweils ganz vorne in der Rangliste der Abnehmerländer der führenden Nationen USA, Russland und Deutschland liegen die Vereinigten Arabischen Emirate, Algerien und die Türkei. Auch Frankreich und Großbritannien exportieren bevorzugt nach Saudi-Arabien und in die VAE. (In allen drei Ländern ist der Islam das führende Religionssystem.) Knapp eine Milliarde US Dollar gehen in 2013 lt. SIPRI-Datenbank auf das deutsche, 8,25 auf das russische und 6,15 Milliarden Dollar auf das amerikanische Konto.
Etwa ein Drittel aller Waffenexporte beanspruchen die USA für sich, gefolgt von knapp 25% der Russen und rund 10%, die auf das Konto unserer eigenen Nation gehen. (Dazu gehören auch Kleinwaffen und leichte Waffen.) Zehntausende Deutsche arbeiten in der Waffen- und Rüstungsbranche.
(Genaue Zahlen liegen mir nicht vor – ich lasse mich gerne korrigieren).
Auf das Thema gekommen bin ich, weil jedes Mal, nachdem Brennpunkte, Eilmeldungen und Liveticker der öffentlich Rechtlichen meine Aufmerksamkeit fesseln, ein harter Schnitt zum aktuellen Börsengeschehen führt. Als gehöre der Handel mit Wertpapieren in eine andere, in eine bessere, in eine funktionierende Welt, berichten von dort und scheinbar völlig losgelöst, vor der Kulisse emsig atemloser Geschäftigkeit, Experten über Zahlen und Fakten auf den Wertpapier-Weltmärkten. Am 08. Januar, während der westlichen Welt angesichts des Terrors in Paris der Atem gefriert, vermelden die europäischen Börsen die ersten Gewinnmeldungen des noch jungen Geschäftsjahres. Unter den „TOP-Investment-Chancen 2015“ empfiehlt der TM Börsenverlag den US-Konzern ExxonMobil, dem im „Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne“ u.a. die Finanzierung von Bürgerkriegen bzw. Waffenhandel unterstellt wird.
Dies am Rande und ergänzend zu allen Berichten über Linke und Sozis, die „die islamistische Gefahr nicht sehen wollen und wollten.“ Und ergänzend zum Gezeter der Pegidas und ihrer Anhänger, die im Türken von nebenan die Bedrohung fürs „christliche Abendland“ zu erkennen glauben.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

6 Kommentare

  1. Ein bewegender Beitrag, ein guter Beitrag. Ein Wort zur Randnotiz: Der Schwenk in die Finanzwelt ist zum einen entlarvend, zum anderen fast ein Witz. Denn auch dort wird über etwas berichtet, was kaum einer versteht. Oder kaum jemand verstehen will. Stichwort: Was ist eigentlch Geld?
    Ich will aber nicht über die Finanzwelt berichten, nur eine Analogie aufzeigen: Wir „konsumieren“ (ich weiß, hier ein etwas unpassendes Wort) Nachrichten oder besser Meldungen, fragen aber nicht nach, was dahinter steht. Also ist es überhaupt nicht verwunderlich, der harte Schnitt zwischen der Terrormeldung und der Meldung aus der Finanzwelt. Ihre Fragen sind also sehr, sehr berechtigt sein.

    • Das war in den Gesprächen und beim Lesen mein vorrangiger Gedanke: Man kann diese Freiheit nur aufs Spiel setzen wollen, wenn man sie nicht zu schätzen weiß. Dass – wie es aktuell geschieht – Menschen für ihre Meinung ausgepeitscht oder am Ende sogar getötet werden, ist offensichtlich schon gar nicht mehr im Bereich des Vorstellbaren. dabei war das auch bei uns ein langer Weg, bis wir frei sein durften in dem, was wir denken, sagen und schreiben, ja – und auch zeichnen 🙂

  2. Liebe Heike,
    ich musste das gerade rebloggen. Hoffentlich bist Du damit einverstanden. In meinem Vorspann steht das, was mir dazu einfällt.
    Danke für diesen Text!
    Liebe Grüsse
    Kai

    P.S.: Das Leben ist doch eigentlich schön, oder? Hatten wir das nicht mal beschlossen?

  3. Hat dies auf skyaboveoldblueplace rebloggt und kommentierte:
    Charlie Hebdo. Jüdischer Supermarkt. Druckerei. Tankstelle. Schüsse auf Moscheen. Nigeria. Loko Haram. Pegida.

    Fehlen Euch auch die Worte? Und geht Euch trotzdem fast das Hirn über vor lauter Gedanken darüber, wie das alles passieren konnte und vor allem, woran es liegt und was man ändern kann. Wo die Zusammenhänge sind.

    Gehen Euch auch die Gedanken komplett durcheinander von emphatischem Mitleiden, Trauern, Verzweifeln. Ertappt Ihr Euch auch bei so komischen, fast hasserfüllten Gedanken, die Ihr nie denken wolltet und solltet

    Mir geht es so. Mir fehlen die Worte. Aber man darf nicht Schweigen. WIR dürfen nicht Schweigen.

    Pegida will jetzt als Verein anerkannt und gemeinnützig werden. Pegida gibt es jetzt auch in Österreich. Frau Le Pen will wieder die Todesstrafe in Frankreich einführen.

    Nein, wir dürfen jetzt nicht Schweigen, so sehr uns auch die Worte fehlen.

    Heike Pohl ist Journalistin und hat Worte gefunden. Sie hat sie auf ihrem Blog Textwerk veröffentlicht und ich möchte sie hier rebloggen.
    Es ist ein längerer Text. Lest ihn bitte bis zum Ende, er ist gut, er ist wichtig. Ich habe dort die Worte gefunden, die mir fehlten. Ich hoffe, es geht Euch auch so.

  4. Hat dies auf Schreibkram rebloggt und kommentierte:
    Streitbarer Beitrag einer streitbaren Kollegin zu den Anschlägen in Paris. C’est fini? Pour cette fois!

  5. wer weiss wann ein neues Inferno droht!

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