„Die Torte im menschlichen Antlitz …“ #satire #karikaturen #meinungsfreiheit #zensur #CharlieHebdo


Die Frage, wie weit Satire gehen darf, ob und wenn ja innerhalb welcher Grenzen sie sich bewegen darf, die hat mich nicht zuletzt aufgrund einiger Diskussionen der letzten Tage in den sozialen Netzwerken persönlich beschäftigt. Ich bin dieser Frage also nachgegangen, auch unter dem Aspekt, dass ich für mich persönlich eine sehr sensible Wahrnehmung in Anspruch nehme, wenn es um Humor geht. Aber genau darum geht es eben nicht, wenn man sich mit der Frage nach der künstlerischen  Freiheit von Satire befasst: Um persönliche Auffassungen.

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Bild (gemeinfrei): „Gargantua“ von Honoré Daumier. Wegen dieser Karikatur König Louis-Philippes wurde Daumier zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Schluss mit lustig – bis hier hin und nicht weiter!
Was darf Satire?

Ein Kommentar

Ein kleiner Mensch mit überdimensioniert langem, dünnem Hals und schwarzem Hut auf dem winzigen Kopf, zwei große Hunde, die aufrecht nebeneinander stehen und sich unterhalten. „Ich habe mit ihm den ersten Preis gewonnen“, sagt der eine Hund zum anderen und blickt stolz auf seinen Menschen. Als 1953 die ersten Cartoons aus der Feder von Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, im Magazin „Stern“ gedruckt werden, ahnt niemand, was die aus heutiger Sicht gänzlich harmlos wirkenden Szenen der Serie „Auf den Hund gekommen“ für einen Sturm der Entrüstung unter den Lesern auslösen würden. Zwischen Ablehnung und Hass begann der „Schöpfer des komischen Deutschlands“, wie man ihn Jahrzehnte später nennen wird, seine künstlerische Karriere. Dem damaligen Chefredakteur Henri Nannen war das alles zu viel. Wohl auch weil Loriot nicht seine persönliche Vorstellung von Humor getroffen hatte, entließ er ihn – so der Spiegel – mit den Worten „Ich will den Kerl nie wieder im „Stern“ sehen.“ Es gab Morddrohungen und wüste Beschimpfungen von Lesern gegen das deutsche „Kulturgut“ Loriot?

Aufgrund der Attentate in Paris stellt man sich in diesen Tagen vielfach die Frage:
Was darf Satire?
Über persönliche Vorstellungen von Humor und Toleranzgrenzen dessen, was man gut, lustig, wichtig, witzig und statthaft findet, wird viel und heiß diskutiert. Manche Stimmen gehen so weit, zwar die Morde von Paris zu bedauern, sich jedoch – so wird betont – nicht solidarisch mit jenen Opfern zeigen zu wollen, die in aus ihrer Sicht inakzeptabler Form die Gefühle, Ansichten und religiösen Einstellungen anderer durch ihre Karikaturen verletzt hätten. In einem Kommentar bei Facebook spricht sich eine Frau dafür aus, Satire solle zwar frei sein, jedoch lediglich in einem Maße, wie sie auch Kindern zumutbar sei. Ein anderer meint, Satire sei okay, dürfe aber ein bestimmtes Niveau nicht unterschreiten. Und wieder anderswo mokieren sich Menschen aus anderen Gründen über diese und jene überspitzte und deutlich überzeichnete Darstellung der Karikaturisten.

Am Humor, das weiß man nicht erst seit dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, scheiden sich die Geister. Was die einen saukomisch und zum Brüllen lustig finden, löst bei den anderen Unwillen, Unmut, Unverständnis oder gar Ekel, Abscheu und bestenfalls gähnende Langeweile aus. So unterschiedlich wie in ihrer Auffassung davon, worüber sie lachen können und wollen, so unterschiedlich sind die Menschen selbst. Tabus in der persönlichen Wertung von Humor kann und soll es geben. Niemand muss über ein satirisches Programm lachen, dessen Inhalt seine persönliche Toleranzschwelle überschreitet. Niemand muss eine Zeichnung mögen, die den Papst mit eingenässter Soutane oder die Twin Towers von New York zeigt, dargestellt als überdimensionale Bleistifte, auf die sich ein Flugzeug in eindeutiger Absicht zubewegt. Niemand muss es mögen, wenn der islamische Prophet Mohammed in unglücklicher Pose sein blankes Hinterteil entblößt und niemand muss lachen müssen, wenn ein Junge seinen Vater während einer TV-Sendung über die Atombombe von Hiroshima fragt, welche Terroristen denn nun diesen Anschlag begangen hätten.

Denn genau darum darf es überhaupt nicht gehen, wenn darüber diskutiert und gestritten wird, was Satire dürfen soll und was nicht: Um eine persönliche Schamgrenze, um die eigene Vorstellung von Ethik und Moral, um die individuelle Auffassung davon, was gezeigt werden darf und was nicht.

Sämtliche Politiker, Religionen, Weltanschauungen, Würden- und Amtsträger, Schauspieler und Musiker, Personen der öffentlichen Wahrnehmung, ganze Nationen, Kriege, Rassismus, Wirtschaft, Liebe und Hass, Veganer und Vegetarier, Atheisten und Salafisten – Satire macht vor nichts und niemandem Halt. Sie kennt keine Tabus und keine Grenzen – und genau darin liegt ihr Sinn: Uns unzensiert auf den Nerv zu gehen und uns zurückzulassen mit unserer eigenen Interpretation des Gesehenen, irgendwo zwischen Lachen, Heulen und/oder Kotzen und der Gewissheit, dass alles erträglich bleibt, solange wir noch lachen können.

„Was darf Satire?“ „Alles!“, antwortet im Jahr 1919 Kurt Tucholsky, einer der scharfzüngigsten Journalisten und Schriftsteller der Weimarer Republik. Satire kann und muss alles dürfen, denn ihre Aufgabe besteht darin, uns durch deutliche Überspitzung, Überziehung und -zeichnung auf das aufmerksam zu machen, was wir sehen sollen. Und niemals ist der, der zeichnet, gleichzusetzen mit dem, was er zeichnet. Wer in Serie Mord und Totschlag für Bestsellerlisten und Bücherregale erfindet, der ist nicht gleichzeitig auch ein Mörder und ein Totschläger jenseits seiner Literatur.
Satire muss alles dürfen dürfen – und sie muss nicht alles müssen. Es soll und muss aber in einem freiheitlichen und demokratisch geführten Land in der Hand von Zeichnern und Kabarettisten liegen, in welcher Form sie uns mit ihrer Vorstellung von Idealismus konfrontieren wollen. Satire muss übertreiben, schrill sein und verletzen dürfen – denn nicht die Satire selbst darf der Stein des Anstoßes sein, sondern immer das, wovon sie erzählt.

„Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“, so hat es die englische Schriftstellerin und Voltaire-Biographin Evelyn Beatrice Hall in „The Friends of Voltaire“ formuliert. Oder – wie es der britische Journalist Eliot Higgins zeitgemäß zum Ausdruck bringt: „Ich verteidige dein Recht, dummen Scheiß zu sagen, aber es bleibt dummer Scheiß.“
Vielleicht können sich mit dieser so schlichten wie erhellenden Erkenntnis all jene trösten, die Satire in einer gewissen Schärfe und Härte nicht mögen, sie aber als Teil der freien Meinungsäußerung und als wichtiges Instrument der öffentlichen Meinungsbildung anerkennen und akzeptieren müssen.

Übrigens: „Die Torte im menschlichen Antlitz ist einer der bedeutendsten Einfälle des internationalen Humors.“ (Loriot)

~~~

Wer anderer Auffassung ist, der möge sich bitte Gedanken darüber machen, wer in welcher Form die Grenzen von Satire definieren und – in logischer Konsequenz – deren Einhaltung überwachen soll. Und welchen Sinn sie dann noch hätte, wenn sie vorverdaut und eingespeichelt serviert würde.

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

8 Kommentare

  1. bodo

    Was will uns dieser Beitrag sagen. Satire darf verletzen, provozieren und Menschen in den Dreck ziehen.
    Doch nur wenn es der Auflage nicht schadet, oder es dem Chefredakteur gefällt, weil man sonst als Satiriker rausgeschmissen wird.
    Super. Genau in so einer Gesellschaft will ich leben.

    • Schade, dass Sie Ihren Kommentar anonym verfassen, aber ich akzeptiere das ausnahmsweise und antworte trotzdem darauf.

      Ich fürchte, dass Ihnen das Prinzip von Satire nicht klar ist, denn Satire verletzt niemanden und sie zieht auch niemanden in den Dreck. Die Absicht von Satire ist, auf eben genau jene Hintergründe aufmerksam zu machen, die u.a. Menschen verletzten und in den Dreck ziehen.

      Ich persönlich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen verletzt, gefoltert, gedemüdigt, geprügelt, vergewaltigt, in Sklavenarbeit gezwungen oder einfach nur aus Lust am Sadismus getötet werden.
      Aber ich möchte sicher gehen, dass Karikaturisten genau darauf aufmerksam machen dürfen. Die Mohammed-Karikaturen, falls diese unter die von Ihnen angesprochene Kategorie fallen, wurden in Frankreich übrigens nicht veröffentlicht, weil es um den Propheten ging. Die Redaktion von Hebdo brachte damit zum Ausdruck, dass sie nicht akzeptiert, dass aufgrund von Zeichnungen Menschen umgebracht und Botschaften angezündet werden. So geschehen in Dänemark.

      Wenn ich jetzt lese, dass man in Pakistan Sturm läuft gegen Karikaturen, dann wüste ich gerne, warum man so still war, als Kämpfer vor nicht wenigen Wochen 140 Kinder in einer Schule erschossen haben.

      Dass mir persönlich viele Karikaturen nicht gefallen, ist meine persönliche Ansicht. Sie darf aber keinen Einfluss auf das haben, was gezeigt werden. Das will der Artikel sagen.

      Am Ende meiner Antwort bitte ich sie, sich die Schlussfrage meines Posts zu stellen: Wen würden Sie damit beauftragen, in unser aller Namen festzulegen, was in Sachen Meinungsfreiheit erlaubt ist und was nicht. Und zwar über das Grundgesetz hinaus, wo das ganz klar definiert ist.

      Artikel 5 Grundgesetz

      Aktuell
      (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

      (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

      (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

      • bodo

        Das lustige daran ist doch, dass Sie sich die Schlussfrage Ihres Posts ja schon selbst beantwortet haben: Die Henri Nannens von Deutschland dürfen zensieren. Und machen es. Täglich.
        Und wenn man selbst Loriot zensiert, beschimpft und bedroht, dann ist da ja nur noch ein kleines Anekdötchen wert, da er ja Kulturgut geworden ist. Lustig, lustig.
        Und wer zensieren sollte: Der eigene gesunde Menschenverstand, das eigene Gewissen.
        Natürlich sollte Satire alles dürfen. In einer idealen Welt. In der keiner so große Wunden hat, dass er sich durch billige Satire verletzt fühlt. Doch wenn dem so nicht ist, dann sollte man doch bitte schön diese Menschen in Ruhe lassen. Weil man das ja selbst auch nicht will.
        Und wenn viele Menschen auf dieser Welt gegen Charlie Hebdos Karikaturen auf die Straße gehen kann man sie natürlich als krank abstempeln, vielleicht Antiislampillen zur Heilung darüber abwerfen?
        Doch bevor ich zu polemisch werde, ich bin ungeübt, wie soll ich aus der Anonymität? Ich werde Ihnen meinen Namen in einer e-mail nennen, wenn Sie damit was anfangen können. Aber veröffentlichen will ich ihn nicht.

      • Sie mögen sich die Frage mit Sarkasmus beantworten, ich habe es mit einer sachlichen Annäherung versucht.
        Zwei Ansätze, die ich gerne so stehen lassen möchte.

  2. Ja, wieder perfekt auf den Punkt!!!

  3. Auf den punkt gebracht, knackig stimmig … wie „immer“ und dafür danke!

  4. Jarg

    Liebe Heike. Chapeau!! Du hast es ganz wunderbar auf den Punkt gebracht und sprichst mir aus dem Herzen!! Danke und liebe Grüsse von
    Jarg

  5. In einer Diktatur darf Satire nicht viel. je freier die Gesellschaft ist destsomehr darf sie. Satire darf die Finger in Wunden legen, muss aber als Satire erkennbar bleiben…kalaschnikows gegen Bilder-ich bin immer noch zutiefst entsetzt, geschockt. Danke für deinen Artikel. LG Xeniana

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