Ich schäme mich. #fremdenfeindlichkeit #rassismus


Ich schäme mich.

Nachdem zwei junge Franzosen – nach ihrer Auffassung im Namen des Islam – vor wenigen Tagen in Paris Menschen getötet hatten, wurden Muslime laut aufgefordert, sich öffentlich zu distanzieren.
Viele haben das auch getan. Menschen wohl, denen Gewalt so fremd ist, wie mir auch.

Ich war vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, als in unserer Straße gegenüber eine Familie aus der Türkei einzog. Sie hatten eine Tochter, die war jünger als ich. Der Vater ging den ganzen Tag arbeiten, ganz so wie meiner. Und die Süßigkeiten, die wir von Esmas Mama bekamen, schmeckten köstlich, verklebten Zähne und Hände und hatten so schöne Namen wie Halva und Lokum – Türkischer Honig – Ayva Tatlısı oder Baklava.
Ich weiß noch, dass meine Mutter Handarbeiten geschenkt bekam und dass sie sich wiederum für die große Gastfreundschaft mit typisch Schwäbischem revanchierte. Vermutlich haben die beiden Frauen nie verstanden, was die jeweils andere sagte, denn keine konnte die Sprache der anderen. Aber Lachen, ein Händedruck, eine Berührung an Armen, Schulter oder der Hand – es gibt eine Sprache der Freundlichkeit und Höflichkeit, die versteht man überall auf dieser Welt.

Orkhan und Davud – das waren Brüder. Der eine so alt, wie ich. Der andere so alt wie meine kleine Schwester. Es war das erste Mal, dass ich zusammen mit einem „Gastarbeiterkind“, wie man das damals nannte, in einer Klasse war. Es muss die Dritte oder Vierte gewesen sein und ich glaube, ich hatte mich in Davud verliebt. Er war freundlich, er war ruhig (vielleicht sogar so schüchtern, wie ich) und nicht so doof und laut, wie die anderen Jungs. Märchen aus tausendundeiner Nacht, das waren Geschichten aus dem Orient, und dazu gehörte im Kinderkopf ganz eindeutig die Türkei. Sindbad und Ali Baba, Kinderzauber und das von irgendwo, wo es Datteln und Turbane gab. Sonne und Sand. Und kluge, gebildete Menschen.

In der ersten Firma, in der ich arbeitete, lernte ich Ahmet kennen. Er sprach besser Schwäbisch als ich, ist eine Seele von Mensch und auch heute noch jemand, an den ich mich von Herzen gerne erinnere. Bei Roland Berger in München kam abends Hatice, um die Büros sauber zu machen. Sie gab mir Tipps, wie man die lästigen Flecken vom Kühlschrank bekommt und auch den, wie man eine hauchdünne Lahmacun fast so gut hinbekommt, wie eine türkische Hausfrau. Manchmal kamen ihr Sohn und ihre Tochter, um sie abzuholen oder ihr zu helfen. Immer haben wir gelacht und uns gefreut, wenn wir uns sahen.

In Berlin gab es das beste Lamm und das frischeste Gemüse beim Türken im Wedding an der Ecke, und es war immer ein Highlight, dort einkaufen zu können. In all der lauten Hektik der Stadt, immer begleitet von der sprichwörtlichen Berliner Schnauzigkeit, waren die Gespräche und die Beratung im türkischen Markt eine echte Wohltat fürs Gemüt.

Die Liste all meiner angenehmen, erfreulichen und so oft mein Leben bereichernden Begegnungen mit Muslimen könnte ich beliebig fortsetzen. Ich könnte erzählen von Tarik, der Kommunikationswissenschaften und Politologie studierte, oder von Görkem, der mir erstmal erklären musste, was Kognitionswissenschaft bzw. Cognitive Science bedeutet, oder von Feridun Zaimoglu, den ich gerne lese und dem bei seinen Lesungen zuzuhören eine echte Freude ist. Ich könnte auch erzählen von Abdurrahmann, der sein kleines Mädchen an eine Krankheit verloren hat und nun versucht, mit einem Döner-Laden seine kleine Familie glücklich und seine Kunden zufrieden zu machen. Oder von Babsi, die eigentlich Baris heißt, und mir viele Jahre lang bei lustigen Geschichten die Frisur gerade rückte.
Ja, ich könnte noch lange darüber nachdenken, wie viele Muslime, Menschen mit Migrationshintergrund ja oder ganz einfach wie viele Leute, deren Wurzeln sich irgendwo anders auf dieser Welt befinden, mir über den Weg gelaufen sind. Und ich ihnen.

Allen bin ich dankbar. Für ihre Freundschaft, für Gespräche und Austausch, für Neues, das meinen Horizont erweitert. Für Freundlichkeit und Höflichkeit, die mein Herz bereichert.

Und bei Ihnen, bei euch allen und bei allen anderen Menschen, die nun zum Ziel von Fremdenfeindlichkeit, Abneigung, Ablehnung, Beleidigungen und sogar Hass werden, möchte ich mich entschuldigen. Ich schäme mich aus tiefstem Herzen für all das, was ich hier bei Facebook und auch anderswo in den Kommentaren meiner Mitbürger lesen muss. Ich schäme mich für jedes Wort, mit dem man euch zu nahe kommt, ohne euch jemals nahe gekommen zu sein. Ich schäme mich für jede Online-Redaktion, die das stehen lässt unter Artikeln, die so verfasst sind, dass die genau diese Geister auch rufen.

Ich schäme und ich d i s t a n z i e r e mich in einem Gefühl aus Hilflosigkeit und Ohnmacht, nicht wirklich etwas dagegen tun zu können. Ich schäme und ich d i s t a n z i e r e mich für und von dieser Flut an Unzumutbarkeiten, denen ganz besonders ihr und auch wir Deutschen, die so nicht denken, zurzeit ausgesetzt sind.
Ich d i s t a n z i e r e mich vom Ruf: „Wir sind das Volk“.
Denn zu denen, die das rufen, gehöre ich nicht. Und das ist auch nicht das Volk.
Es tut mir in der Seele weh, dass wir das erleben müssen. Und ich wünsche mir, ich hoffe und ich erwarte, dass gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in aller Härte und Entschiedenheit, in aller Kompromisslosigkeit und Konsequenz vorgegangen wird.
Auch und ganz besonders dort, wo jeder von uns dieser stumpfsinnigen Angst vor dem Anderssein im Alltag begegnet.

Liebe „fremde“ Freunde und Bekannte, es ist schön, dass es euch alle gibt. Und ich weiß: Die so denken, wie ich, das sind mehr als alle jene, derentwegen es mir ein Bedürfnis war, dies hier zu schreiben.

Heike

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

6 Kommentare

  1. Ein sehr guter Text, der mich berührt hat. LG Xeniana

  2. Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Fremdenfeindlichkeit – Von Heike Pohl

  3. Schöner und besser kann man es nicht sagen und dem ist auch nichts hinzuzufügen. Vielen lieben Dank es war ein Genuss hier zu lesen.

    Gruss & immer gutes Licht. Oliver K. – fotOKo

  4. Wieder einmal wunderbar auf den Punkt gebracht! ❤

  5. Dieser Text ist wichtig, beeindruckt mich und freut mich. Nähe zum „Fremden“ sollte jeder sich erarbeiten, der über „Fremdes“ urteilt. Aber wie das so ist mit der Kleingeistigkeit und ihrer Stammtischruhe: Sie wird sich dieser „Anstrengungen“, die in Begegnungen mit dem „Fremden“ liegen, nicht unterziehen.

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