Politik der Verwirrung – ein Klärungsversuch #ezb #eurorettung


Quantitative Easing oder der Versuch einer Klärung

(Diesen Artikel habe ich ursprünglich zur Veröffentlichung in unserer Regionalzeitung verfasst. Für Erkenntnis erweiternde Kommentare bin ich dankbar. Gerne auch für Korrekturen, wo nötig.)

 

200_Euro.Recto.printcode_placeHaben Sie eigentlich so richtig verstanden, was die Europäische Zentralbank (EZB) da jüngst beschlossen hat?
„Quantitative Easing“-Programm heißt das in der Fachsprache, und die Fachsprache ist immer dann ein wichtiges Instrumentarium, wenn sich ausschließlich Fachleute über dasselbe Thema unterhalten. Oder aber dann, wenn Nicht-Fachleute über etwas informiert werden, worüber sie informiert werden müssen, es aber gleichzeitig nicht zwangsläufig auch verstehen sollen. Das hat viele hundert Jahre mit der Bibel gut geklappt. Wer konnte schon Latein, geschweige denn fließend? Und das klappt wunderbar bei allen Themen rund um Geld, Banken, Rettungsschirme etc. Oder bei einem komplexen Thema wie diesem, wenn die EZB eingreift in den großen Kapitalstrom, der alles mit sich reißt bis hin zum eigenen Verstand.

Ich habe nachgeschlagen und recherchiert. Am 22. Januar wurde demnach vom EZB-Rat ein Programm zum Ankauf von Vermögenswerten im Umfang von einer Billion Euro beschlossen. Vereinfacht gesagt heißt das: Es muss Geld „gedruckt“ werden, um die Gefahr einer Deflation zu bekämpfen. Deflation – das ist immer das, worüber wir Verbraucher uns zunächst freuen, siehe aktuell der Ölpreis. Ist es nicht herrlich, mal wieder tanken zu können ohne den halben Monatslohn durch den Zapfhahn rauschen zu hören? Deflation bedeutet aber auch ein anhaltendes und deutliches Sinken des Preisniveaus.
Wenn die Preise fallen, dann fängt die Wirtschaft an zu bangen. Absatzkrise! brüllen dann die Konzerne. Und weil wir – also Sie und ich – mal Verbraucher und dann wieder auch Arbeitnehmer und damit von der Wirtschaft abhängig sind, kann man vereinfacht sagen: So oder so – uns trifft es immer.
Im schlechtesten Fall kann eine solche Deflation in eine Wirtschafts- oder auch Weltwirtschaftskrise führen.
Die Rechnung sieht so aus: Sinkende Preise = sinkende Einkommen = sinkende Nachfrage und dann – patsch – stehen wir alle vor dem Nichts. (Fast alle.)

Fakt ist: Die EZB ist – falls eine Deflation zu befürchten steht – per Gesetz verpflichtet, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Sie kann die Zinsen senken. Oder eine sogenannte „quantitative Lockerung“ beschließen – also siehe oben – Quantitative Easing. Sie erhöht dann die sogenannte Geldbasis, also ihre eigene sich in Umlauf befindliche Geldmenge. Dieses Geld gehört nicht zum Kassenbestand von Geschäftsbanken.
Was passiert dann?
Ist die Geldbasis erhöht und damit auch das gesamte Geldangebot unserer Volkswirtschaft, dann können die Geschäftsbanken sogenanntes Giralgeld schöpfen. Genau, und damit Kredite geben. An Unternehmen. An Sie. An mich.
Die Wirtschaft wird angekurbelt. Die Kaufkraft steigt. Die Banken verdienen.
Sie verdienen. Ich verdiene. Die Wirtschaft verdient. Alle sind wieder glücklich?
Moment, irgendwo muss doch ein Haken sein, oder?

Die EZB hat beschlossen, dass bis September 2016 für insgesamt 1140 Milliarden Euro Staatsanleihen gekauft werden sollen. (Staaten benötigen Geld, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Hat ein Staat nicht genügend Geld zur Verfügung, dann muss er Schulden machen. Also verkauft er Anleihen an Investoren. Wie bei jedem anderen Kredit werden Laufzeiten, Zinsen etc. vereinbart.)
Wer genau sind diese Investoren, die Staatsanleihen kaufen und was haben die davon, kann man sich jetzt fragen.
Man vermutet es fast, die Banken haben auch hier die Nase vorn, wenn z.B. in Deutschland die Finanzagentur an einen festen Kreis von Kreditinstituten diese Papiere versteigert. Die Preisspanne ist vorgegeben und ja nach Nachfrage ergibt sich daraus plus Zinsen die Rendite für den Investor. Die Höhe der Zinsen hängt vom allgemeinen Zinsniveau und von der Bonität des Schuldners ab. Je höher der Vertrauensvorschuss eines Landes, desto geringer die Zinsen.
Oder anders gesagt: In Ländern mit geringer Bonität ist es für die Banken zwar riskant, in Staatsanleihen zu investieren. Andererseits ist eben auch die Rendite im positiven Fall der Rückzahlung sehr viel höher. Die Entscheidung der EZB beschränkt sich aber nicht auf Deutschland, sie bezieht auch diejenigen Länder der Eurozone mit ein, die über deutlicher weniger Bonität verfügen. Um zu verhindern, dass am Ende zum Beispiel deutsche Steuerzahler für Verluste aus italienischen Staatspapieren geradestehen müssen, sollen die Notenbanken der Länder jeweils das Risiko selbst tragen.
Übrigens kauft die EZB nicht direkt vom Staat, das darf sie nämlich per EU-Vertrag nicht. Sie kauft Händlern (also auch den Banken) die unbeliebt gewordenen Papiere ab. Dadurch soll sich der Markt beruhigen. Und die Zinsen sollen fallen.
Die Nebenwirkungen dieses EZB-Programms, so lässt es sich in diesen Tagen vielerorts lesen, seien die:
Die Reichen würden noch reicher. Die Armen noch ärmer. Der Ankauf der Staatsanleihen treibe die Kurse an den Aktienmärkten nach oben. Aktienspekulanten machten beste Geschäfte. Das Geld sei billig wie lange nicht.

Wenn Sie jetzt tapfer durchgehalten, sich durch meine zähen, ausführlichen und trockenen Ausführungen gelesen und nun mindestens genauso verwirrt sind wie ich – dann hilft vielleicht die einfache Erkenntnis:
All das zu verstehen ist für uns durchschnittliche Bürger so gut wie unmöglich. Es sind sich ja nicht einmal die Experten einig, wohin uns all das führen wird. Die einen sehen den Euro in Gefahr, die anderen seine Sicherung.

So oder so – ein ungutes Gefühl bleibt.
Wenn man schon nicht begreifen kann, was da im Großen und Ganzen mit uns geschieht, dann ist es offensichtlich bedeutend einfacher, sich in der Angst und im Unmut um die eigene bescheidene Existenz an die Ärmsten der Armen also an Flüchtlinge und Asylanten zu halten. Oder?

Mario Draghi, Chef der EZB, wurde übrigens jüngst zum einflussreichsten europäischen Banker gekürt, noch vor Deutsche-Bank-Chef Ackermann. Sein früherer Arbeitgeber, die Goldman Sachs Group, ist eines wenn nicht das einflussreichste Investmentbanking- und Wertpapierhandelsunternehmen der Welt. Goldman bekam 2013 den Negativpreis „Public Eye Award“ verliehen, weil das Unternehmen „die Profite von wenigen mit explodierender Ungleichheit und der Verarmung breiter Schichten bezahlt“. (Hierzu unbedingt sehenswert: Goldman/Sachs – Eine Bank regiert die Welt) Es waren auch Goldman Sachs, die beispielsweise Griechenland überhaupt erst den Weg zum Euro-Beitritt geebnet haben. (Siehe Handelsblatt-Artikel)

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

7 Kommentare

  1. Das ist doch sehr klar und gut erklärt. Doch leider geht dann beim Fazit wieder die ganze Luft raus. Am Ende ist exakt dieser häufiger auftretende Widerspruch vieler publizierender Kommentatoren, wenn sie zu wirtschaftspolitischen und auch anderen komplexen Themen schreiben. Verkürzt und vereinfacht sind das Artikel nach dem Muster: „Also ich versteh ja davon kaum was, aber so kann es einfach nicht weiter gehen.“

    Wenn wir die Chance haben, unsere Ansichten über Themen zu publizieren, dann sollten wir dies selbstbewusst in dem Rahmen tun, in dem wir kompetent sind und verstanden haben – zumindest dann, wenn wir beschriebene Sachverhalte kritisieren und geändert haben wollen.

    Der Artikel beschreibt kompetent und klar, was derzeit die EZB vorhat, welche Effekte sie damit erzielen will und welche Konsequenzen dies haben könnte. So weit, so gut. Und dann wird plötzlich der ganz Beitrag relativiert:

    „All das zu verstehen ist für uns durchschnittliche Bürger so gut wie unmöglich. Es sind sich ja nicht einmal die Experten einig, wohin uns all das führen wird. Die einen sehen den Euro in Gefahr, die anderen seine Sicherung.

    So oder so – ein ungutes Gefühl bleibt.“

    Es ist doch alles gut zu verstehen. Und das die Prognosen zu den Effekten dieser EZB-Maßnahmen unterschiedlich sind, ist ja kein Indiz dafür, dass man es nicht verstehen könnte. Wirtschaftswissenschaft ist eine Sozialwissenschaft. Es geht dabei um das Verhalten von uns Menschen in allen Fragen der Ökonomie. Und wir verhalten uns – zum Glück – noch sehr schwer berechenbar. Deshalb wird Wirtschaftspolitik immer Diskussionen und konträre Meinungen hervorbringen.

    Besonders bedauerlich finde ich dann noch den unnötige Reflex, auf die unmoralische Finanzwelt hinzuweisen, personifiziert durch Draghi und Ackermann (& Banker von Goldmann Sachs) und sie einmal mehr zu dämonisieren.

    Das ist bitte nur dann legitim, wenn man wirklich von sich überzeugt ist, Finanz- und Wirtschaftspolitik durchdrungen zu haben. Ansonsten ist es nur ein unreflektiertes und populistisches Vorurteil.

    Ich hoffe, dieses Feedback kommt so an, wie es gemeint ist: konstruktiv und wirklich freundlich. Ich hätte es nicht geschrieben, wenn Sie, Heike Pohl, nicht darum gebeten hätten.

    Noch ein schönes Wochenende.

    • Vielen Dank für das umfassende Feedback. Ich habe es genau so verstanden, wie es auch gemeint ist. Sehr nett, dass Sie sich die Mühe machen. 🙂

      Mir ist ja auch tatsächlich beim Fazit die Luft ausgegangen, weil ich gar keines ziehen kann. Mein persönliches Fazit mündet exakt in diesem unguten Gefühl, das ich angesprochen hatte. „Der Reflex“ (Goldman-Querverbindung Draghi etc.) gehört dazu. (Dämonisiert ist ein starkes Wort. Ich halte mich für alles andere als für einen Experten.) Es sind diese Querverbindungen, Abhängigkeiten, Seilschaften, Netzwerke – die u.a. auch für dies ungute Gefühl sorgen. Ich konnte übrigens bei meinen Recherchen auch bei den Wirtschaftsexperten keine eindeutige Prognose herauslesen. Die Spekulationen verlaufen ja doch sehr konträr, was Sinn und Erfolg dieser Aktion angeht. Sehen Sie das anders?
      Herzliche Grüße
      HP

      • Ich bin froh, dass Sie es so verstanden haben. Es ist ja nicht einfach, auf diesem Weg eine Tonalität zu finden, die einen Diskurs befördert. Meistens tritt man man bei diesen Themen argumentativ auf der Stelle.

        Unabhängig von diesem akuten Thema EZB gebe ich gerne ungefragt eine Buchempfehlung, die meinen aktuellen Standpunkt in der Diskussion um Wirtschaft und Kapitalismus sehr nahe kommt. Es liest sich auch sehr locker und angenehm: Wolf Lotter „Zivilkapitalismus“ Wolf Lotter schreibt sehr viel für Brand eins. (http://www.amazon.de/review/R2AHDH0L7ETXJL/ref=cm_cr_dp_title?ie=UTF8&ASIN=3570552314&channel=detail-glance&nodeID=299956&store=books)

        Zu den Prognosen hatte ich schon angedeutet, dass in der Bevölkerung ein Missverständnis über die Wirtschaftswissenschaften herrscht. Da diese sich in den vergangenen Jahrzehnten ungemein vieler mathematischer Modelle bediente, herrscht die Annahme vor, sie sei nah an den Naturwissenschaften. Das ist sie aber nicht. Im Gegenteil: sie ist eine Sozialwissenschaft. Und Sozialwissenschaften sind immer unscharf und können bestenfalls Szenarien entwickeln, jedoch keinen Anspruch darauf erheben, dass ihre Annahmen auch sicher eintreten.

        Deshalb gilt auch für diese EZB-Maßnahme, dass man sich auf ein zwar plausibles Szenario stützt, jedoch niemand weiß, ob es so auch eintritt. Das ist alles weder hoch komplex noch wirklich kompliziert. Die Wahrheit ist nur für viele Menschen unbefriedigend und deshalb verkauft man das in der Wirtschaftspolitik (wie auch z.B. in der Medizin) gerne als hohe Gewissheit. Denn wir wollen eine sichere Diagnose und eine entsprechend sichere Therapie. Die gibt es jedoch nicht, doch das wollen wir weder von unserem Arzt noch von den Wirtschaftsweisen hören.

        Bestes Beispiel ist aktuell das Deflationsgespenst. Deflation ist wie die Diagnose „Sie haben da eine Geschwulst“. Es gibt nun zig verschiedene Gründe dafür, doch bei uns herrscht die allgemeine Panik, es könnte ein bösartiges Karzinom sein. Die Deflation im Moment entsteht durch Güter, die aufgrund des günstigen Rohstoffeinkaufs und geringe Kreditzinsen billiger werden. Sie ist für unsere Wirtschaft eigentlich unkritisch. Die Deflation, die daraus entsteht, das Güter so schleppend nachgefragt werden, dass sie billiger verkauft werden müssen, obwohl die Kosten der Herstellung nicht sinken, wäre die kritische. Ganz logisch, denn es lassen sich ja z.B. nicht die Löhne an die Umsätze anpassen (ausser bei Selbständigen ;-)).

        Ein anderes Beispiel für eine zweifelhafte finanzpolitische Maßnahmen ist das Erziehungsgeld. Da ist das unterstellte Szenario von der Mehrheit bejubelt worden, obwohl nüchtern wohl jeder ahnte, dass die gewünschte Wirkung ausbleiben wird. Es war halt populär und nett. Unpopulär wäre es, diese Maßnahme wieder zurückzunehmen, auch wenn es vernünftig wäre und man die Gelder besser anderswo investierte.

        Noch ein letztes Wort zur „Dämonisierung“. Mir stösst einfach auf, wenn man einzelnen Personen oder Gruppen prinzipiell unterstellt, dass sie bewusst gegen die Wohlfahrt und asozial handeln. Erstens ist es Aufgabe einer Gesellschaft (und der von ihr eingesetzten Vertreter), keinem Einzelnen so viel Macht zu verleihen, dass Personen durch Einzelentscheidungen die Gesellschaft nachhaltig schädigen können. Zweitens kenne ich die Beweggründe, Werte und Haltung dieser Personen zu wenig, um sie zu richten.

        Wir neigen in diesen Fällen schnell zu zweierlei Maß aufgrund unsere ideologischen Prägung. Wir verzeihen eher dem Drogendealer oder Autodieb aus einem sozialkritischem Milieu als dem gierigem Investmentbanker oder dem Steuerflüchtling. Dabei hatten offenbar alle eine schwierige Kindheit, die ihnen nicht ausreichend Werte und Haltung vermitteln konnte.

      • Ich war auf Lotters Webseite und weiß nun auch, wie der Begriff der Dämonisierung ins Spiel kommt.
        Wir bewegen uns in der Diskussion dann aber hin zum Thema Kapitalismus und die Klärung, was genau das ist, halte ich schon auch für eine philosophische Frage. Klar ist Wirtschaft im eigentlich Sinn etwas, das der Mensch selbst gestaltet. Bricht man es es auf eine ganz einfache Regel herunter, dann landet man schlicht bei Nachfrage und Angebot. Und die Nachfrage regeln wir selbst. Ebenso wie das Angebot. Wenn aber, wie im Beispiel EZB, ein Markt künstlich reguliert werden soll, dann kommt nach meiner Auffassung zwangsläufig Mathematik ins Spiel. Auch dann schon, wenn mit „Scheinwerten“ gehandelt wird. Ich habe das neulich auf einer Kinderseite für eine Zeitung am Beispiel des Tulpencrashs erzählt, wo man am Ende spekuliert hat mit Luft, mit Waren, die es noch nicht gab. Und mit einer potentiellen Nachfrage, die man berechnet hat.

        Meinen Artikel hier habe ich u.a. deshalb verfasst, weil sich bei mir der Eindruck verfestigte, dass auf der einen Seite die EZB sagt: Wir haben die Lösung (für ein Problem, das man noch nicht einmal exakt definieren kann) und auf der anderen Seite Experten sitzen, deren Annahmen in die exakt gegensätzlichen Himmelsrichtungen weisen. Insofern finde ich das Thema – mit Verlaub – durchaus komplex UND kompliziert. Und wenn es nur daran liegt, wie es kommuniziert wird. Nämlich in einem Fachsprech, das kein Schwein versteht.

        Und um auf den letzten Punkt zu kommen: Sie haben die Zahlen sicher auch gesehen von der Verteilung des (Welt-)Vermögens auf ganz wenige Schultern. Es ist wohl zweifellos so, dass es der Gesellschaft nicht gelungen ist, diese Machtverteilung auf wenige Köpfe zu verhindern oder gar zu regulieren. Erst kürzlich habe ich einen Beitrag gesehen, wie die Industrialisierung in den USA ihren Anfang nahm. Es fielen große Namen wie Rockefeller, Vanderbilt J.P. Morgan und Carnegie. Aufstände von Stahlarbeitern und Streiks wurden blutig niedergeschlagen. Mit ihren Milliardenvermögen haben die Big Player maßgeblich die Politik beeinflusst und letztlich gekauft. Es ist ja in den Staaten bis heute so, dass kein Mensch Chancen auf das Präsidentenamt hat, der nicht das große Kapital auf seiner Seite weiß. Das sind die Anfänge eines Kapitalismus und die der Verquickung zwischen Politik und Geld, wie sie sich bis heute sicherlich nicht nennenswert geändert haben.

        In meinem Beitrag ist nicht die Rede von einer generellen Unterstellung. Ich spreche gezielt von Goldman Sachs und verweise auf Links, die belegen, worauf sich mein Text stützt. Ich muss niemanden persönlich kennen, der sich in dieser Riege bewegt, um die Motivationsgründe nicht wenigstens erahnen zu können. Es geht um Geld und darum, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel zu verdienen. Das ist ein uraltes ökonomisches Prinzip. Und es beginnt da unseriös zu werden, wo die Gewinnspannen in astronomische Höhen schießen und das Risiko von Verlusten gleichzeitig auf den Rücken Tausender ausgetragen wird. Ich habe einige Jahre bei einem Lobbyisten in Berlin gearbeitet. Und ich kann Ihnen versichern, dass es in der Verquickung von Politik und Wirtschaft oft genug auch um eine ganz persönliche Vorteilnahme geht. Die fängt im ganz Kleinen an und sie endet dort, wo aus ihrem Prinzip Stoffe wie der für den Film „Der große Crash – Margin Call“ entstehen. Da entfesseln Menschen einen Riesen, den sie am Ende selbst nicht mehr bändigen können. Und das sind keine Dämonen sondern im Grunde ganz normal funktionierende Typen, die intelligent sind und ihre Rollen in diesem System perfekt spielen.

        Wenn Menschen mit nur wenigen Anrufen Millionen verdienen können mit Werten, die nicht real sind, dann sagt mir mein gesunder Menschenverstand, dass das nicht mehr „seriös“ sein kann. Und dass da vermutlich eine Menge Beweggründe eine Rolle spielen mögen, nur nicht mehr die der Wohlfahrt. Irgendwo im Film ist dann auch die Rede von all jenen, die der unausweichliche Crash ggf. runieren wird, also den „kleinen“ Anlegern. Und genau da beginnt das Spielchen: Wenn mir jemand für meine mühsam erschriebenen Euro eine Rendite verspricht, die mich glauben macht, mein geld würde mehr verdienen als ich selbst, dann bin ich selbst auch dafür verantwortlich, dass dieser ganze Spekulationswahn auch funktionieren kann. Mir persönlich hat kein Opfer von Bernard L. Madoff wirklich Leid getan. Er hat die Wahrheit hinter diesem ganzen System erkannt, die Karten gespielt und die Leute so verarscht, wie sie sich dafür anboten.

        Den Vergleich zwischen Drogendealer/Autodieb und Investmentbanker/Steuerflüchtling finde ich übrigens mächtig platt. Die haben für mich rein gar nichts miteinander zu tun. Die zweite „Berufsgruppe“ behauptet allenfalls nicht von sich selbst, legal zu handeln. Sie sind im Sinne des Gesetzes Kriminelle. Das ist ein Banker nicht. Steuerflüchtlinge können übrigens alle drei sein 🙂

        Und insgesamt bedanke ich mich herzlich für diesen sehr interessanten Austausch 🙂

      • Das kann ich natürlich nicht gänzlich kommentarlos lassen. Danke für die ausführliche Antwort, die mich einmal mehr bestätigt, dass Sie Ihre Haltung nicht entkräften sollten, in dem sie resümieren, das sei doch alles für die Mehrheit nicht mehr zu durchschauen. Es ist durchschaubar ist, wie man ja an Ihren Ausführungen entnehmen kann. Und deshalb ist es auch Teil unserer eigenen gesellschaftlichen Verantwortung. Wir müssen uns mit diesen Themen beschäftigen, wenn wir Teilhabe an der politischen Meinungsbildung haben wollen.

        Dass es nicht so komplex sei, bezog sich auf das Verstehen der Maßnahme der EZB. Welche Auswirkungen solche und viele andere Entscheidungen haben, ist sehr wohl komplex – wie alle gesellschaftspolitischen Maßnahmen.

        Den platten Vergleich zog ich heran, um auf die häufig sehr ideologisch tendierte moralisch-ethische Verurteilung hinzuweisen. Die Empörung über einen Hoeneß ist weitaus größer als z.B. über einen Alkoholiker, der wiederholt betrunken Auto fährt. Letzterer gefährdet Menschenleben, ersterer ist ein krankhafter Zocker, der nicht mal bewusst Steuern hinterzog.

        Und ja, Wirtschaft & das Werkzeug „Kapitalismus“ ist auch ein ethisches, moralisches und damit auch philosophisches Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Sehr klug und differenziert macht das meines Erachtens Tomás Sedlácek, dessen Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ hier sehr anregend ist und der auch ein interessantes Interview kürzlich gab: http://www.spiegel.de/wirtschaft/tomas-sedlacek-selbst-angela-merkel-wuerde-geld-drucken-a-1016975.html

        Ich hoffe, ich konnte Sie ein wenig darin bestärken, ihre Sichtweise und Kritik weniger zurückhaltend bzw. relativierend zu äußern. Dies war ja der Ausgangspunkt meiner Rückmeldung zu Ihrem Artikel. Denn jeder, der die Möglichkeit hat, seine Meinung in einem größerem Kreis zu publizieren, soll damit andere bestärken, sich eine Meinung zu bilden – mit der Betonung auf „bilden“.

        So, damit aber genug und noch mal Danke für dieses anspruchsvolle Ping Pong.

  2. Schön zusammengefasst, und doch weiß ich mal wieder, dass ich nichts weiß. Mein Alltag ist bestimmt von Banalitäten wie zur Arbeit gehen, Einkaufen, Haushalt in Ordnung halten, und natürlich die liebe Familie, garniert von einem Jahresurlaub. Darüber hinaus gehende Kleinigkeiten sind zu verfolgen, wie gefühlt tausend Versicherungen, Kredite, Steuererklärungen, Krankenkassenschreiben, und anderes von den Behörden.Spießerdasein, bös‘ gesprochen.
    Mein Einfluss auf die große Geldpolitik ist beschränkt, zum Einen verstehe ich es nicht, zum anderen habe ich die Zeit nicht, s.o.
    Diese Inflation-Deflations-Geschichte ist natürlich mit Vorsicht zu bewerten, da die Folgen (aus meiner Sicht) nicht ganz so digital erbarmunglos sind, wie propagiert wird. Nach dem Motto, die Deflation kommt, und alles wird schlimm. Es ist ein schleppender Vorgang und auch umkehrbar. Wenn man will. Andererseits frage ich mich aber, wie soll es funktionieren, dass Geld an Staaten gegeben wird, die dieses investieren sollen um die Wirtschaft flott zu bekommen. In was wird investiert? In die griechische Autoindustrie? In die spanische Maschinenbauindustrie? Oder in portugiesische Halbleitertechnik? Oder bei uns in den sinnfreien Konsum? Gleichzeitig werden (wird diskutiert), Fachkräfte aus diesen Ländern zu uns angezogen (abzuziehen), damit wir Schritt halten mit den Anforderungen. Am Ende sind die besten Fachkräfte aber im Geldsektor und weder in Ihren Herkunftsländern noch in einer Forschungsindustrie, in jener gibts nicht so viel zu verdienen. Und wenn ich das Buch von Otte richtig gelesen hab kommt hinzu, dass bei uns mehr Geld (bargeldlos) unterwegs ist, als tatsächlich vorhanden.
    Ich, wir , die meisten gehören zu dieser bevölkerungsstarken Mittelschicht, die es immer treffen wird, allein aufgrund unserer Anzahl. Die Politik schläfert uns ein und hält uns für zu blöd, und da hat sie Recht. Wir packen es nicht. Das Nachsehen haben aber unsere Kinder, die in geringerer Anzahl unsere Rente erarbeiten müssen, die aufgrund der Deflationsthemen zunehmend niedriger ausfallen wird. Irgendwann wird es wieder krachen, mit Zeitverzögerer, dessen bin ich mir sicher, nur weiß wohl keiner weshalb. Und das ist für die Verantwortlichen das Schöne, das System ist so komplex, dass immer ein anderer Schuld sein muss. Zur Not muss die internationale Politik für die Krisen herhalten, perfekt für s/w-Malerei.
    Meine 5 Ct.

    • Das weiß ich auch – dass ich nichts weiß. Gruselig manchmal, denke ich. Ich will ja zumindest ansatzweise verstehen, was um mich herum geschieht. Unseren Einfluss finde ich allerdings schon recht groß. Zwar nicht den des Einzelnen, aber den der Masse. Bloß – die funktioniert leider nicht, wie ich mir das oft wünsche. Menschen, die mal darüber nachdenken, was sie kaufen und konsumieren, lesen und essen, trinken und sagen. Und dabei es genau diese Masse, von der du sprichst, die es dann auch trifft. Ich glaube dass das das immer so lange halbwegs glimpflich läuft, bis die Scheinsicherheit in Gefahr gerät. Dann werden auch die munter, die sich ganz nett eingerichtet haben worin auch immer. Ihr Zorn richtet sich dann gegen das, was am einfachsten zu verstehen ist. Zum Beispiel: Arme aus anderen Ländern bekommen von uns Geld. Oder: Flüchtlinge bekommen bei uns eine Wohnung und eine Chance …

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