Von Gutmenschen, Meinungsfaschisten, einem Leserbrief und dem ganz alltäglichen Rassismus …


(Ursprungs-Artikel und Leserbrief sind per Link hinterlegt)

Vergangene Woche erschien mein Artikel „Ich schäme mich“ als Kolumne in unserer kleinen Regionalzeitung. Der Artikel ist eine persönliche Stellungnahme zu all den Ausländerfeindlichkeiten, all dem Rassismus und der Feindseligkeit bis hin zum Hass, dem ich aktuell in öffentlichen Räumen begegne.

Nun hat mich ein Mensch, der lieber anonym bleiben wollte, in einem Leserbrief an die Redaktion als „notorischen Gutmenschen“ bezeichnet.

Eigentlich lese ich Texte, in denen das Wort „Gutmensch“ Verwendung findet, genau bis zu dem Punkt, an dem das Wort Verwendung findet. Wer von Gutmenschen redet, meint es selten freundlich und bedient sich eines Begriffes, der so dümmlich wie weitgehend sinnfrei ist.

Was ist ein Gutmensch? Wissen Sie das? Und wenn Sie wissen, was ein Gutmensch ist, können Sie mir dann sagen, wie man das Gegenteil vom Gutmenschen bezeichnet?
Und vielleicht auch gleich, wie man Gutes so gegen andere wenden kann, dass daraus das Schlechte wird, auf das man hinweisen will?

Aber, habe ich gedacht, nur weil jemand sprachlich nicht so ganz auf der Höhe ist und sich solcher Pauschalverunglimpfungen bedienen will, heißt das ja nicht, dass man sich seiner Argumente per se verweigern muss. Also habe ich mich durch zwei Seiten Lesermeinung gelesen. Und mich auch – Gutmenschen, das habe ich zwischenzeitlich recherchiert, neigen zu Großmut bis hin zur Leidensfähigkeit – munter weiter beschimpfen lassen. Ob ich wisse, was Menschen wie ich es bin, unserem Land antun würden, will der Autor wissen. Es ist dann noch von meiner „rosaroten Weltsicht“ die Rede. Und ich werde gerügt dafür, dass ich mir um die Menschenwürde von Asylbewerbern Sorgen machte. Ich sei auch, so der Verfasser der aufklärerischen Zeilen, „mit Schuld daran, dass unser Land ausgenutzt und missbraucht und nicht geachtet wird.“ Es gäbe auch, lässt er mich wissen, keinen Grund sich zu entschuldigen. Und – so lässt er mich wissen – er fühle sich durch meinen Artikel persönlich beleidigt und beschmutzt.

Ganz zum Schluss schreibt der Verfasser: „Leben und leben lassen ist eigentlich meine Devise und ich rege mich ungern auf. Aber Ihre Kolumne, die hat es geschafft, dass dieses Gefühl von Hass, das Sie so verurteilen, in mir aufkeimt. Irgendwann reicht es und man kann diese Dämlichkeit und Ignoranz der Wirklichkeit durch diese „wir sind bunt“-Meinungsfaschisten nicht mehr ertragen.“

An den anonymen Verfasser dieses Leserbriefes:

Hätten Sie mit Ihrem Namen unterschrieben, wovon Sie derart überzeugt sind, dann hätte ich zumindest annehmen dürfen, dass Sie ein Mensch sind, den man ernst nehmen muss und mit dem man sich auseinandersetzen kann. So aber bleibt mir lediglich der Weg, Sie auf diese Weise wissen zu lassen:

Genau für Menschen, die denken wie Sie und handeln wie Sie, genau für diesen Typus Mensch schreibe ich Texte wie den, um den es hier geht. Auch wenn Sie sicherlich etwas anderes erreichen wollten, eine bessere Bestätigung dafür, dass Zeilen wie diese nötig sind, kann es gar nicht geben.

Ein kleiner Tipp von mir: Bei Gelegenheit lesen Sie vielleicht noch einmal nach, was genau die Begrifflichkeiten meinen, mit denen Sie da PingPong spielen. Asyl. Und Islam. Und Islamist. Und Terrorist. Und Muslim.

In einem Punkt muss ich Ihnen allerdings tatsächlich Recht geben:
Wer Briefe wie diesen schreibt und sie nicht unterzeichnet, der ist in der Tat nichts weniger als ein Feigling.

Karl_Ernst_von_Baer_Types_Principaux_des_Differents_Race_Humaines

 Eine für das 19. Jahrhundert typische systematische Einteilung der Menschen in Rassen (nach Karl Ernst von Baer)
By Unknown (photographer) (Galerie Bassenge), via Wikimedia Commons

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

9 Kommentare

  1. Liebe Heike,
    mir verschlug es nun eine Weile ob dieser ganzen gehäuften Sch… ziemlich die Sprache, jedenfalls Blog- und Kommentar-technisch, mehr als Deine treffenden Beiträge zu liken fiel mir nicht ein, weil mir so langsam zu diesen ganzen Ereignissen (Charlie Hebdo, Amsterdam, Kopenhagen, Nigeria/Boko Haram, IS, Ukraine, immer mehr Flüchtlinge auf der Welt… man kann diese Liste ja tragischer Weise praktisch endlos fortsetzen), die Worte fehlten, die Du in Deinen Texten doch immer wieder so treffend findest.
    Ja und gleichzeitig kann man jeden Tag den Umgang mit all diesen Themen in den Medien und insbesondere den sogenannten sozialen Medien beobachten. Auf den Kommentar-Seiten von Spiegel, Zeit, stern, FAZ, Welt, etc. (gar nicht zu reden von BILD und anderen Deckblättern) trifft sich der gesammelte Stammtisch der Nation, wenn er nicht gerade in Dresden herumpegidat (das scheint mir eine schöne moderne Übersetzung von ‚herumprollen‘ zu sein), also auch auf der Strasse das ‚das wird man ja wohl mal sagen dürfen‘ der angeblich schweigenden Mehrheit übt. Diese ganzen Unterdrückten und geistigen Tiefflieger finden Plattformen und Foren allüberall und man fühlt sich zuweilen irgendwie beängstigend in der Minderheit (was ich immer noch nicht glauben will – aber wie allein man ganz plötzlich in der Supermarktkassenschlange steht, wenn man sich dann selber einfach nur diesen beschämenden Alltagsrassismus verbittet).
    Dein Gutmenschen-Text heute spricht mir aber nun so aus der wütenden Seele, dass ich doch ein paar Worte schreiben wollte – und seltsam, plötzlich fliesst es alles raus und ich mülle Dir hier den Kommentarplatz zu und mäandere hier von einem brennenden Dorf zum anderen…

    Also nochmal neu: Dein Text heute zum Gutmenschen-Begriff und dem üblichen, widerlichen Gebrauch damit hat mich sehr getroffen. Im positiven Sinne. Schon seit Mitte/Ende der 80er wurde damit ja sehr gerne diffamierend gearbeitet und unsereiner wurde oft damit beschmissen. Egal, ob man im Weltladen mitgemacht hat, bei den wachsenden Grünen oder sich immer wieder an den vielen (und in meinen Augen auch im Nachhinein noch wichtigen Demos und Protestveranstaltungen, Soli-Konzerten usw.) beteiligt hat, am Ende war man in den Augen vieler ein dämlicher, naiver Gutmensch, der echt noch an das Gute im Menschen glaubte. Werd ich nie vergessen, wie mir ein RCDSler in einer Diskussion immer wieder diesen Satz hingeworfen hat: Du glaubst ja wohl immer noch an das Gute im Menschen‘. Ich meine, ein RCDSler, ein Christ. Ach, das relativiert sich alles, auch das mit dem Christentum. Und gleichzeitig wurde der Begriff von konservativen Intellektuellen zum 68er-Bashing benutzt. Das hat also schon so ne gewisse Tradition, weil es ja auch so einfach ist.
    Mir fiel dazu auch noch der unsägliche Sarrazin mit seinem Bestseller über die doofen Gutmenschen ein, bzw. ein ziemlich guter und immer noch aktueller Text in der Literaturkritik von 2010 http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14861&ausgabe=201010 – und ein Text von Astrid <Harnisch und Margarete Jäger vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung aus dem Jahr 2011, der die Herkunft sehr gut kritisch erklärt http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/

    So, jetzt hör ich besser mal auf mit meinem Sermon, aber Du hast da mit Deinem Text bei mir eine Menge Assoziationen ausgelöst, die ich hier unverschämterweise einfach mal stehen lasse.

    Liebe Grüsse
    Kai

  2. Dabei braucht sich der gar keine Sorgen machen. Ich versuche seit fast einem Jahr, eingebürgert zu werden. Scheint praktisch unmöglich – und das, obwohl ich seit 49 Jahren hier lebe, seit 20 Jahren mit einem Deutschen verheiratet bin, deutsche Vorfahren über unzählige Generationen nach- und eine „steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung“ vorweisen kann..

  3. Leserbriefe ohne Namen sollte man eigentlich umgehend in der Tonne verschwinden lassen. Die kruden Verschwörungstheorien“Teil des Plans“ wie auch die Dummheit die aus den Zeilen des Anonymos sprechen sind dennoch erschreckend…..

  4. liebe Heike, ich schäme mich mit Dir!

    Es gibt bei uns das Wort „Besitzstandswahrung“. Es beschreibt das, was wir in unserer überfütterten westlichen Welt so meisterhaft beherrschen.

    „Es geht uns gut, und das, weil wir so fleißig sind.“ Dass wir diesen Besitz nach gottväterlicher Weisung über Jahrhunderte von überall auf der Welt zusammengerafft und dabei alle, die das Rad und die Musketen nicht in ihrem Besitz hatten, als rassisch oder zumindest entwicklungsgeschichtlich minderwertig klassifiziert und behandelt haben, war bisher die verbrecherisch weitsichtige und kluge Voraussetzung dazu. Anders hätten wir uns vor unserem gerechten und liebenden Gott nicht rechtfertigen können.

    Christen haben immer die Welt so eingeteilt, wie es ihnen in den Kram passte. Da wurde der im Wasser lebende Biber kurzerhand zum Fisch erklärt um die selbst auferlegen Fastengebote zu umgehen. Und genauso wurden unterdrückte Menschen zu Tieren oder Untermenschen um das Gebot der Nächstenliebe zu umgehen.

    Diese Entwicklung hat sich erfolgreich bis heute fortgesetzt. Die christlichen Gebote wurden in einer zunehmend pluralen Welt lediglich durch sogenannten westlichen Werte von „Rechtsstaat“ und „Demokratie“ ersetzt. Hauptsache es sind unsere Werte, denn nur die sind, richtig eingesetzt, gewinnbringend

    Tatsächlich gemeint war aber zu allen Zeiten die effektive Ausbeutung der anderen, nicht zuletzt durch unsere Waffenexporte.

    Nun befinden wir uns inzwischen an dem Wendepunkt und müssen akzeptieren, dass die alten Prinzipien durchschaut wurden und die Unterdrückten der Welt nach ihren Rechten und ihren Besitztümern verlangen.

    Und wir dürfen uns nicht wundern, dass die Unterdrückten dabei ihre eigenen Werte, Religionen und Richtlinien stricken. Natürlich ist der Islam nicht die Antwort auf die Probleme der Welt, aber das war das Christentum auch nicht – zu keiner Zeit! Und bitte – warum sollten die Unterdrückten an unsere Werte glauben, wenn wir es selbst nicht tun?

    Dabei sind doch die Extremisten eigentlich gar nicht unser Problem? Unsere Probleme ersaufen gerade jämmerlich und täglich im Mittelmeer. Für dieses tägliche Elend ist derselbe westliche Zynismus verantwortlich wie für die Ausbeutung und Ausrottung im Namen unserer so hochgesteckten westlichen Werte. Insgeheim denken wir doch „je mehr dort verrecken, desto weniger kommen hier an“.

    Wie heißt es so schön? „Hochmut kommt vor dem Fall!“ Und wir sind bereits am Straucheln.

    Vielleicht müssen wir aber nur unsere Arme öffnen, damit die, die uns mit bittenden Armen entgegen kommen, uns helfen, nicht gänzlich auf unser großes Maul zu fallen.

    Und wenn diese Haltung als Gutmenschentum bezeichnet wird, na dann wird es wohl so sein. In diesem Sinne liebe Grüße an alle Mitmenschen!

    Tschuldigung für die Länge 😉

    • Vielen herzlichen Dank für deine Reaktion zum Thema, Michael.

      Exakt die Frage haben wir uns hier heute Morgen auch schon gestellt:
      Woher bloß nimmt jemand, wie der Verfasser des Leserbriefes, das Recht auf Frieden und Besitzstand von uns Deutschen, während nahezu überall die Welt schon in Flammen steht, zumindest aber die ersten Funken fliegen, die einen Brand entzünden?
      Weder ist diesen Leuten bewusst, dass und wie gut es uns selbst dann noch geht, wenn es uns recht schlecht geht, noch die Tatsache, worauf eigentlich unser aller Wohlstand beruht. Genau, wie du es schreibst. Das ist arrogant, ignorant und letztlich von einer Naivität, um die ich mich in meinem „Gutmenschentum“ erst noch bemühen muss.
      Die spüren alle so eine Art unbehagliches Zupfen.

      Ich möchte mich übrigens auch nicht von Islamisten oder anderen Gewalttätern bedrohen lassen, ebenso wenig möchte ich in Afrika geboren und mein Leben lang auf der Flucht gewesen sein vor Kriegen, Krankheiten und Hungersnöten oder den Schergen, die den Ärmsten auch noch das Leben nehmen. Ich möchte auch nicht in einem „Vogelkäfig“ unter amerikanischer Führung in Guantanamo gesessen haben und nach allen Regeln der „Kunst“ fast zu Tode gefoltert worden sein. Und ich möchte nicht in Hemd und Hose des Menschen durch den Tag gehen, der meint, wir hätten hier das Recht auf irgendwas.

      Danke dir. Auch und gerade für die Länge 🙂

  5. Das Wort Gutmensch bekommt ich auch immer ab, weil angeblich zuviele davon in meinen Büchern sind. Ich finde es ist das dümmste „Wort“, wenn es denn eines ist, das aktuell in der deutschen Sprache spukt.

  6. Ach Heike, wenn das so einfach ginge würd ich sagen: reg Dich nicht auf … aber ich bin ja froh daß noch ein paar sich aufregen und das auch noch in die richtigen Worte fassen können.
    Dieses dämliche „Gutmensch“wort als Argument zu gebrauchen fliegt doch nur als Bumerang zurück.
    Nur weil es – zugegeben – anderen auch schlecht geht alle Würde und Rechte der Hilfesuchenden infrage zu stellen ist infam. Vor allem ist es jammern auf hohem Niveau. Zu Zeiten (die ich glücklich bin nicht erlebt zu haben) als es ALLEN schlecht ging, war mehr Solidarität und Hilfsbereitschaft selbstverständlich. Daß das heute anders ist ist auch für mich so manchesmal ein Grund mich zu schämen.

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