Anonym – die Heckenschützen unter den Kommentatoren #anonym #kommentare #leserbriefe


AnonymVon „Heckenschützen“ die mit Worten schießen

Hatten Sie auch schon einmal mit dieser Spezies zu tun? Mit diesen cleveren, hervorragend informierten Menschen, die oft so viel mehr wissen als wir anderen, sich aber aus bestimmten Gründen nicht zu erkennen geben, also anonym bleiben wollen? Wer anonym handelt, der will, dass man ihm seine Handlung nicht zuordnen kann, so lautet die Definition. Dieser Typ Mensch schießt dann im Auftrag einer größeren Sache – mindestens aber zum eigenen Schutz – namenlos aus dem Nichts heraus mit Worten, um genau dort auch wieder zu verschwinden, im Nichts. Die amerikanische Sprache hat für Leute dieses Kalibers eigens Namen entwickelt:
Sie werden dort auch als John Doe oder Jane Doe bezeichnet, je nach Geschlecht.

Neulich bekam ich, über die Redaktion für die ich arbeite, Post von John (oder Jane?) Doe, also einen anonym verfassten Leserbrief. Natürlich wusste der anonyme Verfasser in weiser Voraussicht auch schon, in welche Schublade ich ihn stecken würde und klebte sich selbst vorsorglich das Etikett „Feigling“ auf die Stirn. Das deckt sich allerdings nicht mit meiner Vorstellung. Ich möchte John und seine Jane nämlich lieber als Heckenschützen bezeichnen, die aus dem Hinterhalt mit Worten feuern. Wobei man – genauer betrachtet – in John und Jane ja auch überzeugte Pazifisten, also Freunde des Friedens, sehen kann. Weil sie – würden sie ihre Namen nennen und zu dem stehen, was sie wissen, können und predigen – ja ganz offiziell die Harmonie und Eintracht gefährdeten. Sie würden den Frieden zwischen sich und ihren Nachbarn, Kollegen, ihren Parteifreunden, Vereinskameraden, also zwischen sich und allen, auf die sie zwar korrigierend einwirken, dabei aber lieber unerkannt bleiben, aufs Spiel setzen. Also bleibt man lieber anonym und lädt die Nachbarn zum Grillen ein, nachdem man sie zuvor bei der Polizei angezeigt hat. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

John und Jane sind auch schlau, zumindest aber davon überzeugt es zu sein. John und seine Jane sind auch wichtig für die Allgemeinheit. Wer sonst achtet so penibel darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht, wo man doch schon dauernd liest, dass bei der Polizei das Personal reduziert wird? Die Does schreiben auch Briefe. An Mitmenschen, an Zeitungen, an Unternehmen, an die Politik, die Gesellschaft. Das Finanzamt. Eben anonym, aber nicht minder engagiert und von Herzen. Und John und Jane kommentieren munter im Netz. Ganz besonders dort machen sie ihrem Ärger unverhohlen Luft. Sie kommentieren alles und jedes und gänzlich ungeniert. Es muss ein herrliches Gefühl sein, wenn man sich mal so richtig Luft verschaffen kann und dabei keine Rücksicht nehmen muss. Rücksicht auf Manieren. Auf Stil. Das Niveau. Oder gar auf geltendes Recht, wonach gewisse Aussagen schlicht verboten sind. Also zum Beispiel Beleidigendes und Persönlichkeitsrechte Verletzendes. Volksverhetzendes. Rassistisches. Was scheren John und Jane die Menschen, die sie beleidigen, diffamieren und beschimpfen? Schließlich geht es ihnen um die Meinungsfreiheit. Sie steht über allem, auch über den Grundrechten anderer. Es gilt sie mit allen Mitteln der Sprache zu verteidigen. Dann schreit man auch mal gerne was von Zensur (!), sobald jemand moderierend eingreift.
Nach ihren Verbalattacken gehts John und Jane Doe vermutlich besser. Ihren eigenen Frieden gefährden sie dabei nicht. Es konfrontiert sie ja keiner mit ihrer Art, oder ihrer Meinung, ihren Ansichten. Nein, das ist John und Jane aber auch nicht so wichtig. Es ihr Job, auf die anderen zu achten und sie zurechtzuweisen. Und nicht umgekehrt.

Was können die schon groß tun? Gegen anonyme Anzeigen? Meldungen? Briefe. Kommentare. Beschimpfungen. Richtig – nichts. Oder doch? Und zwar das eine: Anonyme Texte darf man auch einfach ignorieren. Oder – wie es jüngst Regierungssprecher Seibert auf dem Facebook-Account der Bundesregierung wissen ließ – all jene Kommentare löschen, die sich nicht an die Regeln des Miteinander und an Gesetze halten.

Es gibt aber auch öffentliche Bereiche, in denen es gewollt ist, dass Menschen anonym handeln können, die hat der Gesetzgeber so eingerichtet. Da will die Verfassung Grundrechte schützen, zum Beispiel bei Wahlen und Abstimmungen, anonym gehaltenen Bewerbungsverfahren. Oder im Netz, man arbeitet an Software, die anonymes Surfen sichern soll. Überall da soll und darf der Mensch anonym bleiben und das aus guten Gründen.

Überall anderswo aber soll und darf der Mensch gerne zu seinen Ansichten und seiner Meinung stehen. Und zwar mit seinem Namen. Wer ernst genommen werden will, wer überzeugt ist von der Richtigkeit und dem Sinn seiner Auffassung, wer glaubt es besser zu wissen und andere mit neuen Aspekten oder einer anderen Perspektive überzeugen zu können, der versteckt sich nicht hinter albernen Pseudonymen oder der Unterschrift „anonym“.
Sachliche Auseinandersetzung auf Augenhöhe setzt voraus, dass man zu seiner Ansicht steht und sie mit guten Argumenten und dem Verzicht auf Beleidigungen und Beschimpfungen auch vertritt.

Alles andere ist eher weniger feige denn respekt- und zudem weitgehend sinnlos.

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

2 Kommentare

  1. Liebe Heike,
    ich stimme Dir da in allem zu, was Du schreibst – verbales um sich schlagen und verletzen ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Anstand und Respekt vor anderen und deren Meinung geht gar nicht. Allerdings: ich selber hatte bis vor kurzem selber ein (zugegeben für die richtigen Leute leicht zu durchschauendes) Pseudonym, den Jo Hart nämlich. Vielleicht erinnerst Du Dich noch. Dieses hatte ich genutzt, weil mir eigentlich die Plattform und deren datenkrakigen Ambitionen mir suspekt waren, ich aber doch unbedingt mal wissen wollte, was es eigentlich mit diesemFB auf sich hat. Inzwischen habe ich Jo Hart wieder begraben (unter grossen Mühen übrigens), weil ich mich von dieser Plattform erstens überfordert und zweitens mit der letzten Geschäftsdingsbumsänderung einfach ver…scht gefühlt habe. Aber dennoch, ich hatte eben auch ein Pseudonym und ich finde bzw. fand das ganz in Ordnung.
    Liebe Grüsse
    Kai

  2. Ich kenne einige Leute, die nicht unter Klarnamen im Netz sichtbar sind, aber einfach wundervolle Leute sind. Bei ihnen frage ich nicht, warum sie ihren echten Namen nicht nennen (bei manchen kenne ich ihn durch Mailverkehr). Es mag da viele Gründe geben, Scheu, Angst, tatsächliche oder eingebildete Gefahr.
    Aber die Anonymität nutzen, um zu verletzen – das ist einfach nur schäbig.

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