Von Tagen, die die Welt (nicht) braucht? #weltfrauentag


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„Frauentag 1914 Heraus mit dem Frauenwahlrecht“ von Karl Maria Stadler Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Ich muss ehrlich zugeben, dass die Weltfrauentage bislang weitgehend spurlos an meinem Leben vorüber gingen. Wie übrigens alle anderen Welttage auch, sieht man vom Welttag des Buches ab, an dem ich mich aus bestimmten Gründen auch aktiv beteilige. Wer braucht Welttoilettentage? Weltnudeltage? Oder Welttage des deutschen Butterbrotes?

Es ist nicht so, dass ich den Frauen und allen anderen, die zu festgelegten Terminen besondere Aufmerksamkeit erfahren sollen, durchweg gleichgültig gegenüberstehe. Das wäre ja auch – salopp formuliert – ganz besonders in Bezug auf die Frauen schön blöde, da ich selbst eine bin. Damit profitiere ich nicht unmaßgeblich von all den mutigen, klugen, tapferen und gebildeten Frauen, die den Weg für mich und alle anderen weiblichen Wesen hin zur Gleichberechtigung ebneten, ebnen und noch immer dafür kämpfen. Für eine Europäerin, eine Deutsche, eine selbstständige und berufstätige Frau – eine wie mich – dürfte es schon gar nicht mehr in Reichweite der Vorstellungskraft liegen wie es gewesen sein muss, ehe Frauen wählen und in vielen anderen Lebensbereichen unabhängig und selbstbestimmt leben durften.
Ich bin Jahrgang 66 und es erscheint mir unvorstellbar, dass zum Beispiel bis 1957 Frauen ohne Zustimmung ihrer Ehemänner kein eigenes Konto eröffnen durften. Und dass ich 10 Jahre alt werden musste, bis 1976 schließlich (und endlich) das erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts in Kraft trat, das zu einer grundlegenden Neuregelung des Ehe- und Scheidungsrechts führte. Bis dahin durften Ehefrauen nur dann berufstätig sein, wenn dies mit den Interessen der Familie und des Ehemannes vereinbar war. Den Ehemännern kam das Entscheidungsrecht in allen Fragen des Ehe- und Familienlebens zu und sie hatten das Recht gehabt, die von den Frauen eingegangenen Arbeitsverhältnisse (selbst gegen deren ausdrücklichen Willen) zu kündigen. So waren 1976 mit einmal aus Ehen Partnerschaften geworden und das Ideal sah vor, dass man sowohl aufeinander, gegenseitig sowie auch auf die Familie Rücksicht nehmen sollte. Ein absolutes Unding dann viele Jahre später die Erkenntnis, dass mitten in Europa, in einem kleinen Land, bekannt für seine Berge, seinen Käse und Schokolade, Frauen noch immer nicht zur Wahlurne schreiten durften. So geschehen bis 1990 (!) im Kanton Appenzell/Innerrhoden in der Schweiz. Damit ist die Schweiz das letzte europäische Land, in dem – bis zuletzt gegen den Willen der im Kanton wahlberechtigten Männer – das Frauenwahlrecht eingeführt führte.

Es gibt also diese und viele, viele andere gute Gründe für eine Frau, am Weltfrauentag kurz inne zu halten und darüber nachzudenken, welch wechselvolle, aufregende, spannende und mitunter auch schon fast absurde und skurrile Geschichte hinter uns liegt. Dabei liegt die Betonung auch auf dem Wort „hinter uns“, denn erst am späten Abend des Weltfrauentages am 8. März ging mir das berühmte Licht auf und mir wurde klar, weshalb es so sehr wichtig ist, an diesem einen Tag im Jahr ganz besonders die Frauen in den Mittelpunkt von Interesse und Aufmerksamkeit zu rücken.

Auf ARTE lief am späten Abend eine leise, eine bedrückende und eine in ihrer Schlichtheit so ungeheuerlich brutale Dokumentation im Rahmen einer ganzen Reihe von Berichten über Frauen auf der ganzen Welt. In qualvoll langen, absolut starren Kameraeinstellungen erzählten in Großaufnahmen Frauen aus Ruanda davon, was ihnen während des Völkermords vor 20 Jahren von Männern ihres eigenen Landes angetan wurde. Zwischen 800.000 und 1.000.000 Menschen waren während des Genozids ums Leben gekommen. Innerhalb von knapp 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu etwa 75% der in Ruanda lebenden Tutsi. In einem „10-Gebote-Plan“ der Hutu richteten sich zwei Gebote speziell gegen die Frauen der Tutsi. Bis zu 500.000 Frauen und Mädchen wurden nach Schätzungen von UNICEF vergewaltigt, aus diesen Gewalttaten sind (geschätzt) 5.000 ungewollte Kinder hervorgegangen. Tausende Frauen wurden mit dem HIV-Virus angesteckt. Die Täter kamen aus allen Teilen der Bevölkerung. Jede denkbar mögliche Form von Gewalt unter Menschen dürfte in diesem grausamen Szenario ihre Opfer und Täter gefunden haben und allein das Lesen all der Brutalitäten, Verstümmelungen, Folter- und Vergewaltigungspraktiken ist schwer zu ertragen. 20 Jahre später sind es die überlebenden Frauen, die aussprechen, was kaum aussprechbar ist. Es sind die Frauen, die oftmals ohne medizinische und therapeutische Betreuung mit den Gräueln klarkommen müssen. Sie und ihre von den Tätern gezeugten Kinder machen mir binnen weniger Minuten klar:

Es wird und es muss noch viele, viele Weltfrauentage geben, bis anderswo auf der Welt für Frauen überhaupt erst Themen wie das Wahlrecht oder die eigene Entscheidung über einen Beruf Priorität haben. Noch geht es in vielen Teilen der Erde für Frauen darum, einfach zu überleben. Nicht zur leichten Beute und zu Opfern für Männergesellschaften zu werden. Nicht sexuell missbraucht und am Ende sogar dafür noch schuldig gesprochen und verurteilt zu werden. Oder überhaupt erst einmal lesen und schreiben lernen zu dürfen, ein schlichter Wunsch, der der jungen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai aus Pakistan zum Verhängnis wurde und sie gleichzeitig berühmt und zur Botschafterin für die Rechte von Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt machte.

Im nächsten Jahr, das habe ich mir fest vorgenommen, wird der Weltfrauentag nicht wieder nur ein Datum in meinem Kalender sein. Es gibt einfach zu viele Frauen und Mädchen, die unsere Solidarität, unsere Unterstützung und unsere Hilfe brauchen, um überhaupt leben zu können.

Irgendwer hat übrigens irgendwo gefragt: Und wann ist eigentlich Weltmännertag? An den anderen 364 Tagen, wie ich finde, offiziell aber am 03. November.

Mehr unter zum Thema „Frauen“ www.frauenrechte.de von Terre des Femmes e.V., unter www.bmz.de (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Stichwort: Menschenrechte). Oder unter http://www.arte.tv/guide/de/057999-000/ruanda-vergewaltigung-mit-folgen

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

7 Kommentare

  1. Es wäre machbar wenn — ich wiederhole mich — das Umfeld stimmt. Wer mag mag zu Hause Vollzeit Kinder und Haus auf vorderfrau bringen. Wer mag soll aber auch einen Konzern leiten können. Und DAS kann sie heutzutage nicht mit Kindern.
    Weil die einfach mal vor der Türe stehen weil die Kita dicht ist weil irgendwer Masern hat oder die Schule ausfällt oder oder (oder selber krank sind).
    Und dann flexibel und belastbar hin+herzujonglieren ist schon mit (bitte nicht mißverstehen) einfacheren Jobs schwer, in leitenden Funktionen mit Terminen mal hier mal da mit anderen quasi unmöglich.
    Ganz abgesehen vom sozialen Miß-Ansehen einer solchen Miss die dann die Rabenmutter ist 😦
    Solange sowas nicht gesamtgesellschaftspolitisch machbar gemacht wird sind alle Ausbildungsansätze (Mädels in technische Berufe usw.) Makulatur.
    Wir sind nicht zu doof, wir müssen auch nicht mehr ans Lernen herangeführt werden, uns müssen nur mehr Steine aus statt in den Weg gelegt werden.
    Eine Quote schafft nur weitere Probleme im Ansehen durch die andere (zahlenmäßig überlegene) Hälfte, böses Blut und zusätzlichen Stress es noch besser machen zu müssen weil man ja einem Mann den Platz weggenommen hat, der eigentlich seine Familie ernähren müßte und nun nicht kann wegen der karrieregeilen Tusse … hach … ich echauffiere mich schon wieder 😀

  2. Mal wieder ein wunderbarer Beitrag! Es gibt noch viel zu tun … vieles liegt noch immer im Argen, und dass in einem Land wie der Schweiz bis vor einigen Jahren Frauen noch nicht wählen durften, kaum zu glauben.

  3. PRBC

    Toller Beitrag! Ja wir Schweizer tun uns mit allem schwer. Nicht nur mit dem Frauenstimmrecht 😳. In meinem Beruf als Administration Assistentin (Sekretärin kann ich gar nicht ab!) fühle ich mich oft als Mensch zweiter Klasse oder als Büromutti. Das macht mir mit fortschreitendem Alter immer mehr zu schaffen 😞 liebe Grüsse

    • Es muss so um 1990 herum gewesen sein, als ich für ein paar Tage in Appenzell zu einem Seminar war. Es gefiel mir so gut, war so idyllisch, die netten bemalten Hydranten, Käsefondue und der nahe Bodensee. Als ich dann einige Jahre später gelesen habe, dass die Frauen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wählen durften, habe ich das glatt für einen Scherz gehalten 🙂
      In diesem Beruf habe ich auch viele Jahre lang gearbeitet. Aus heutiger Sicht am schlimmsten war, dass ich selten für meine fachlichen Qualitäten, sehr viel öfter aber für meine Persönlichkeit beurteilt wurde. Ich fand das im Anschluss diskriminierend. Mit einigen Jahren Abstand zu diesem ganzen „System“ bleibt für mich die Erkenntnis, dass ich speziell von dieser ganzen männlichen Attitüde in den Hierarchien nichts aber auch gar nichts haben will. Kürzlich hab ich eine Headline gelesen, wonach sich die (Quoten-)Frauen in den Vorstandsetagen nicht lange halten. Ich betrachte das als Kompliment für die menschlichen Aspekte von uns Frauen. Das ist oft kein System, in dem man stolz darauf sein kann, zu funktionieren. Vielleicht tröstet das ein bisschen? 🙂

      • PRBC

        Stimmt!!! Die Persönlichkeit war immer Thema! Guter Punkt!
        Ich habe auch nicht mehr so Freude am Job, obwohl mit dem Alter der Respekt schon besser wird. Ich denke, die älteren Herren müssen weg, aber das erledigt sich ja von selbst irgendwann 😁 das mit der Quote… Gibt’s hier ja nicht bei uns. Die Idee ist gut aber mit Druck? Das ist so ein wenig wie ein Behindertenbonus. 😞

      • Noch bevor ich Deinen Beitrag gelesen hatte fiel mir die Quote ein … brauche ich nicht.
        Und das obwohl ich doch so’ne unsägliche DoppelnamensEman(n)ze bin 😉
        Was ich brauche ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit UND gleiche Chance diese gleiche Arbeit überhaupt machen zu können.
        Und dazu muß vor allem das Umfeld stimmen.

      • Ohne Quote wird das nie gehen, das denke ich. Und die Quote selbst wird rasch vergessen sein. Für mich ist die generelle Frage, ob wir Frauen das wirklich wollen – ein Kopf an Kopf-Rennen mit Männern in Positionen, die auf alles schließen lassen nur nicht auf soziale Kompetenzen, auf Empathie, auf Menschlichkeit. Es ist meine feste Überzeugung, dass genau das Qualitäten sind, die in diesen Jobs am wenigsten zum Erfolg beitragen. Oder anders gesagt: Wer dort mitspielt, zeichnet sich nicht eben durch seine Soft Skills aus.
        Und was spricht gegen eine Quote an Werkbänken, Förderbändern, in Redaktionen, an Schulen und sonstwo, wo Frauen bislang nicht dieselben Möglichkeiten haben, wie Männer? Ich bin mir auch noch nicht schlüssig, ob es wirklich machbar ist: In allen Lebensbereichen zur eigenen Zufriedenheit so gut zu sein, wie man es möchte als Frau. Du?

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