„VollderSchockMann“ #‎Lufthansa‬ ‪#‎4U9525‬


Nach Hoeneß, Charlie Hebdo, Pegida, der drohenden Islamisierung und Griechenland war sofort klar, man würde sich auch dankbar auf dieses Thema stürzen:
Auf ein Unglück einer deutschen Fluglinie.
Wieder würde tagelang auf allen denkbaren Kanälen die Welt reduziert auf ein Geschehnis – 150 tote Menschen in den Alpen.
Was nicht klar war: In welchem Ausmaß das geschehen würde.

Spätestens jeden Sonntag muss ich eine Kolumne in die Redaktion schicken.
Auch ich komme an diesem Thema nicht vorbei.
Vermutlich auch deswegen, weil Ausmaß und Qualität der Berichterstattung mir Angst machen.


Bildschirmfoto 2015-03-26 um 16.41.43

Es kann gar nicht schnell genug gehen, die Texte raus zu hauen … (Bild: Screenshot)

„VollderSchockMann“
„Das ist vollderSchockMann“, sagt der Mann mit dem Mikro in der Hand im TV. Dann sagt er etwas von Angehörigen und davon, dass man die nicht sehen kann, weil „da so ein geschützter Bereich für die eingerichtet wurde“ und dass er noch nichts weiter wisse, außer dass eine Maschine abgestürzt sei. Es ist kein zufälliger Passant, der da spricht, sondern einer von so vielen „Korrespondenten live vor Ort“, die uns in den Sekunden, Minuten, Stunden und Tagen nach dem Flugunglück alle eines berichten, nämlich dass sie nichts Genaues wissen. Kaum ist eine Passagiermaschine an einem Berg zerschellt, springt sie auch schon an, die mediale Verarbeitungsmaschinerie aller verwertbaren Fitzelchen eines traurigen Unglücks, bis hin zum Verweis auf den Einsatz von nummerierten Plastiktüten. Man kurbelt unsere Fantasie an wo anderes nötig wäre, nur nicht das.

Sie entwickelt ein ungeheures Tempo, die mediale Gaffershow, und sie dient nicht den Opfern, nicht den Angehörigen, nicht den Trauernden, sie dient nur denen, die sie betreiben und jenen, die das Grauen vor Augen brauchen, um über das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit wieder den Sinn im Leben zu erkennen – den Gaffern.
Brennpunkte. Sondersendungen. Liveticker. Specials. Und auf allen Kanälen Experten rund um das Thema, bis hin zum Geologen, der uns die Geisteinsformationen vor Ort erläutert. Sicherheitsexperten. Flugexperten. Ausbildungsexperten. Psychologie- und zuletzt gar Selbstmordexperten. Nachbarn, Freunde, Mitschüler, Leute, die Nachbarn, Freunde und Mitschüler kennen und wenn gar nix mehr geht, dann kommen auch sie zu Wort: Leute, die Leute kennen, die Nachbarn, Freunde und Mitschüler kennen. Bis hin zur lächerlichen weil gänzlich überflüssigen Frage nach ersten Reaktionen aus dem politischen Berlin.
Merkel und Steinmeier, Dobrindt und Kraft – zutiefst betroffen, geschockt, fassungslos. Und vor allem eines – schneller auf dem Weg zum Unglücksort, als die die es betrifft, die Angehörigen. Drei europäische Regierungschefs dort, wo es nichts mehr zu retten gibt? Wo bleibt das Augenmaß, wo die Aufrichtigkeit im Taumel einer Welt, in der Mord und Folter zum Geschehen gehören?

„VollderSchockMann“ sagt der Mann, der für einen Privatsender am Düsseldorfer Flughafen steht und sorgt mit seinen Worten gleich für den nächsten Schock. Nämlich für den, dass eine Neuigkeit nicht mehr zur Nachricht werden darf, die uns Fakten bringt. Die kaum fassbare Dynamik im Internet kotzt uns das Grauen in Bildern und Texten vor die Füße und ist nicht zu bremsen, nicht zu bündeln, nicht aufzuhalten. Sie überbietet sich selbst.

Doch diesmal ist etwas anders. Inmitten all der wilden Spekulationen, der Jagd und der Hasstiraden auf einen Menschen, einer Berichterstattung, die vor nichts und niemandem Halt macht in ihrer Lust das Grauen zu transportieren, werden Stimmen laut. Immer mehr und mehr Stimmen, die klar und deutlich sagen: Das wollen wir nicht! Wir wollen keinen Journalismus, der im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Es sind Grenzen überschritten. Und aus der inzwischen üblichen Medienschelte wird eine ernsthafte Debatte über das, was darf und was muss und das, was nicht soll.

Jedes Maß für das was geschehen ist, scheint verloren: 150 Menschen starben und die Angehörigen und Freunde dieser Menschen müssen einen Weg finden für ihre Trauer und ihren Schmerz. Brennpunkte und Sondersendungen im Viertelstundentakt machen nichts ungeschehen und niemanden wieder lebendig.

Ein bisschen Hoffnung macht allein die fast schon kindlich naive Frage:
Wie können wir das künftig verhindern?

Vermutlich gar nicht! Aber mehr Menschlichkeit, gerade im Umgang mit Trauer und Unglück, lassen beides besser ertragen.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

8 Kommentare

  1. Liebe Heike,
    hier beschreibst Du genau mein Problem, dass ich auch mit dieser ‚Berichterstattung‘ habe, mit dem Null-Info-aber Hysterie-Journalismus. ABER, und ich vermute, da sind wir uns einig, einen sachlichen, informierende, einen wirklich investigativen und gerne auch Kontroversen auslösenden Journalismus brauchen wir in diesem Land mehr denn je. Immerhin, Du bist mit Deinen Texten ein gutes Beispiel dafür und auch, wenn mich der Mainstream – denn das, was Du da beschreibst ist ja inzwischen genau das, mediokrer Mainstream – genau so wütend macht wie Dich, möchte ich doch gerne hoffen, dass Du recht hast, wenn Du schreibst: „Und aus der inzwischen üblichen Medienschelte wird eine ernsthafte Debatte über das, was darf und was muss und das, was nicht soll.“
    Danke für den Text und liebe Grüsse
    Kai

  2. Monika Keller-Müller

    Endlich jemand, der (besser gesagt; die) dieses Mediengrauen so beschreibt, wie es ist; nämlich grauenhaft und grausam. Kurz – unmenschlich und völlig gefühllos. Danke für Ihren Artikel, Heike Pohl, mit Gedanken, die eigentlich gaaaaanz gross in jeder Zeitung erscheinen müssten und vielleicht doch einigen Leuten und Medienschaffenden zu denken geben würden – hoffentlich.

  3. Ich habe ein äusserst gespaltenes Verhältnis zu den Medien (ist wohl auch nicht weiter verwunderlich) und wünschte mir, es gäbe mehr Leute wie dich in einer Medienlandschaft, die immer tiefer sinkt, nicht nur vom Niveau, sondern auch von der Rechtschreibung her betrachtet. Heike for president!!!

  4. Das waren Worte, die mir aus dem Herzen sprechen. Danke dafür!

  5. Informatorischer Overkill, wo nur eins zu rechtfertigen wäre: mediale Diskretion. Aber schon die Kombination dieser zwei Wörter ist der Widerspruch in sich.

  6. Cristine Bendix

    Ich bedanke mich wie stets. Du hat eine große Begabung, meine Gedanken in wunderbare Worte zu kleiden.

  7. Moral und Empathie sind Eigenschaften, die ein Journalist in gewissen Massenmedien nicht mehr haben darf bzw. schon gar nicht mehr hat. Und ich hoffe, dass jetzt alle, auch der sensationslüsterne Leser/Zuschauer zur Besinnung kommen. Danke Heike, für diesen Post.

  8. Dank für diesen Artikel. Hoffen wir, daß die Medienschelte wenigstens eine Zeitlang etwas bewirkt.

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