Betreutes Glotzen – sonntags, wenn die Killer kommen … #tatort #phänomen


TatortMesserPhänomen Tatort – Kuscheln, wenn der Killer kommt

Sonntagabend ist Tatort-Abend. Deutschland sieht fern und fiebert mit.
Ich nicht. In meinem Leben sterben Menschen, andere werden geboren. Es passieren Unfälle, auch mir selbst. Diebstähle, Vandalismus – was das Leben zu bieten hat. Es geschieht einiges, und manche Katastrophe von ganz allein. Da brauche ich keine Hilfe, hacke mir mit der Axt munter in die Hand, pralle mit dem Auto gegen eine Apotheke, werde in der Bahn beklaut, oder rette ein Pferd aus den Fluten. Wozu brauche ich einen Tatort?
Ich nicht. Andere schon.
Krimis stehen in Bestsellerlisten ganz weit oben. Will man als Autor was werden, fängt man mit Krimi an. Andere ja. Ich nicht.
Der Tatort macht Schlagzeilen. Montagmorgen – und Mediendeutschland fragt sich: Wie fa(h)ndet ihr die Neuen? Kommissare. Leichen. Täter. Mörder. Tatorte. Auf zum Faktenscheck – in den Redaktionen zerbricht man sich die Köpfe. Was hatte Hand, was Fuß? Und wo fehlte beides, und war zum Gruseln schön? Städte und Gemeinden distanzieren sich. Inseln auch. So jüngst Föhr: Man sei nicht so, wie im Tatort gezeigt. Kein Klischee also, mitten im Klischee. Leipzig, Wiesbaden, Dortmund, Saarbrücken, Hamburg und jetzt auch Berlin – alle freuen sich über Aufmerksamkeit. Touristeninfo trifft auf Tatortreinigung. Und der Zuschauer auf Heimatliches.

Betreutes Glotzen – wenn zur Sendezeit beim Kurznachrichtendienst Twitter Tausende simultan kommentieren: Bombig, die Becker. Schwierig, der Schweiger. Legendär, die Leiche. Brutal, das Blutbad. Die Drähte glühen. Treffpunkt ist der Hashtag – #tatort.
Deutschlandweit hocken 10,19 Millionen auf der Couch und sind hautnah dabei.
Ich nicht. Ich staune nur.
Und ich lese, wenn andere schreiben, was sie jetzt gerade sehen. Beim Tatort. Mord und Totschlag – im Leben weniger – im Fernsehen mehr, Statistiken für Statistiker, dem Zuschauer seinen Nervenkitzel. Und auf allen Kanälen Wiederholungen, rund um das Jahr, die Uhr, das Leben selbst.

Was ist dran an diesen konstruierten Geschichten? Den Mordfällen mit Motiv? Den Kommissaren mit Komplex?

Eine Studie soll Klarheit bringen. Nach 488 gesichteten Tatort-Folgen steht fest:
Der Tatort bringt Geborgenheit ins Wohnzimmer.
Wie jetzt? Kuscheln, wenn der Killer kommt?

Lieferung frei Haus – Sex mit Kindern – Drogen- und Menschenhandel – Nutten im Milieu – Pädophilie in der Politik – Sterbehilfe im Familienkreis – Waffenhandel in Kriegsgebiete. Zwei Augen im Fadenkreuz – zwanzig Jahre Tatorterfolge.
Selbst die New York Times kommt nicht dran vorbei. Man erklärt es mit der Nähe zur deutschen Lebenswirklichkeit. Und den Verbrechen an für uns Deutsche typischen Schauplätzen, also Schrebergärten, Bratwurstbuden, Bahnhöfe und Döner-Buden und wo man sonst so stirbt.
Die regionale Leichenschau boomt. Alle sind mit dabei. Der Spiegel. Die FAZ. Die MoPo. Die Süddeutsche. Die Bild. Die Zeit. Und die taz.

Ich nicht.
Mein Tatort ist die ganze Welt. Jeden Tag, mit all den Toten, Tätern und Terroristen. Mehr kann ich gar nicht ertragen. Was dort fehlt, ist das große Publikum. Und die Fernbedienung, mit der man den Wahnsinn auf „Off“ drücken kann.

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

8 Kommentare

  1. Meine liebe Heike, du hast ja sowas von keine Ahnung 😉 Und du wirst es auch nicht verstehen. Es dürfte übrigens eine ethnologisch gesehen, sehr spannende Frage sein, die du da stellst. Denn es ist vermutlich tatsächlich mehr ein kulturelles „Brauchtum“, dass es vor allem geschafft hat, all die Medienhypes zu überstehen. Außer vielleicht jetzt der aktuellen Phase, wo jeder meint er muss und nach der Sendung auch noch darüber getalkt wird und geh#ashtagt und und und … nein, Tatort ist wie Rosenkohl. Man mag ihn oder mag ihn nicht. Und Geschmäcker können sich auch ändern.,Ich mochte nie, und nu mag ich :>

  2. P.S: ich hab ein paar schreckliche Rechtschreibfehler entdeckt. Korrektur ist ausdrücklich erlaubt.
    Vielleicht doch zu viel Tatort geschaut?

  3. Oha, so einfach ist das nicht!
    😉
    Ich bekenne, ich bin Tatort-Glotzer, gefühlt ein Leben lang. Und beim Tatort bleiben andere Medien aus. Kein Twitter, kein Chat, kein Telefon, kein blabla.
    Tatort pur eben.
    Sicher, es gibt gute und es gibt schlechte Tatorte, wie bei jedem Film. Selten sind sie sehr gut, manchmal gut, häufig Durchschnitt, manches Mal schnell und schlecht gespielt und produziert. Und es gibt mittlerweile zu viele davon, inflationär. Man kann und will nicht alle sehen, auch nicht jeden Sonntag, aber eben dann wenn es passt. Die einzige Serie die ich schaue und das gerne. Wenn es denn passt, markiert der Tatort das Ende des Wochenendes für den 5-days-a-week-Tätigen. Und dann kommt der Montag. Wenn es nicht passt, ist nichts verloren, das ist das Schöne daran, keine imaginäre Pflicht.
    Vor dem Montag, da kommen die Fälle, mal aus dem Leben kopiert, mal frei erfunden, mal so, mal so. Es gibt nicht nur die blutrünstigen Massenmörder, die sinnfrei herumrennen, die Geschichten sind manches Mal aus dem Alltag. Ist nicht die Gewalt ständig unter uns, ein Amoklauf, ein fremdenfeindliche Anschlag oder Prügeleien um die Ecke. Nicht alles sieht man und weiß darüber.
    Manchmal ist es auch kein Fall, vielleicht ein Unfall, auch Sterbehilfe oder Organspende wurde schon thematisiert.
    Es siegt dann meist das Gute, aber in der Regel nicht gedankenlos, die meisten der Tatorte versuchen, wenn auch auf kleiner Flamme, den Fall zu reflektieren.
    Sicherlich ist das keine intensive Auseinandersetzung mit den genannten Themen, aber es gibt eben nicht nur 0 und 1, schwarz und weiß, heiß und kalt.
    Klar, das reicht nicht, um den Tatort gut zu reden, den Krimi, der nicht überzeugen kann, wenn man dieses Genre und speziell Gewalt im TV nicht mag.
    Aber der Tatort ist mehr: wenn man die Serie in der Gesamtheit betrachtet, ist es der Lokalkolorit, der die Filme voneinander unterscheidet, und man freut sich, wenn die eigene Region mal wieder dran kommt und man die Straßen und Plätze die gezeigt werden, auch kennt. Vor Jahren gab es den Dresdner Tatort, nach einigen Folgen sind die Ermittler dann nach Leipzig gezogen und als weltfremder süddeutscher Ureinwohner konnte man sich diese Stadt auch mal nebenbei ‚ansehen‘. Klar könnte ich auch Fachliteratur und das Internet bemühen und die Geburtsdaten der wichtigen Menschen aus den Städten nachschlagen, aber um das geht es nicht.
    Vielleicht ist der Tatort der moderne Heimatfilm. Nicht mehr, nicht weniger.
    Und es verbindet sogar Kollegen bei der Diskussion am Montag früh.
    Die genannte ‚Geborgenheit‘ halte ich für ein Synonym für einen medienfreien Fernsehabend, ein Widerspruch in sich, klar, heute aber möglich. Man rätselt gemeinsam, entdeckt zwischendurch eine Straße in Stuttgart, die aber eigentlich in Esslingen ist und so fort (Ja, es wird auch getrickst).
    Nächsten Sonntag ist es wieder soweit. Ich freu mich drauf.
    😉
    Ach so: klar rede ich mit dem Briefträger (ich kenne sogar seinen Namen), trinke mit dem Nachbarn auch mal ein Bier, kicke mit den Jungs, oder leihe meine Gerätschaften bei Bedarf aus. Und außer den Hasen hab ich noch keine Leiche aus meinem Garten geholt….

    • Ich hab keine gefunden – Fehler 🙂
      Und du bist in guter Gesellschaft, mit meiner Abneigung gegen den Tatort als Institution stehe ich ja eher so verloren auf weiter Flur. Diese allgemeine Beliebtheit macht ihn ja zum Phänomen, über das ich staune. Umso interessanter, eure Argumente bzw. eure Motivation zu lesen 🙂

  4. Ich höre oft, dass mein Roman unrealistisch sei. Aber nicht etwa, weil er ein bißchen kitschig ist. Oder weil es ein happy End gibt. Oder weil man im wahren Leben weder Jobs nachgeschmissen bekommt noch Häuser geschenkt. Dem würde ich allem zustimmen. Aber nein: Unrealistisch finden es die Leute, dass in einem kleinen Dorf an der Ostsee Nachbarn miteinander reden, der Briefträger kein Gift austrägt und nicht hinter jeder Ecke eine Leiche liegt.
    Und da bekomme ich das Gruseln.

  5. DU sprichst mir aus der Seele. Und ich habe nie und werde auch nie einen Krimi schreiben. Tatort habe ich noch nie geguckt. Bis auf einmal. Fünf Minuten. Ausversehen. Warum sowas geschrieben, gedreht, gespielt, geguckt wird habe ich nie verstanden.

  6. Wir sehen seit längerer Zeit, wenn keine Gartenzeit, Arte, BR alpha und 3sat….kaum noch andere Programme, wo sich neben Tatort, alle gern reden hören….

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