„On the Run“ – Von der Polizei erschossen, weil arm. Und schwarz. #welttagdesbuches #usa #kriminalisierung


Heute ist Welttag des Buches und ich werde in diesem Jahr kein Buch verlosen. Wer Bücher liebt, soll sich selbst eines kaufen.
Und genau das habe ich getan.
Meine Welttagbuch heißt „On the Run“. Es wurde geschrieben von Alice Goffman, einer jungen amerikanischen Soziologin, und in Deutschland verlegt bei Antje Kunstmann.

Bildschirmfoto 2015-04-23 um 12.06.11Von diesem viel gelobten Buch verspreche ich mir Antworten auf die Frage, weshalb in den USA so viele Menschen hinter Gittern sitzen. Wieso es vorwiegend Schwarze sind, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Und warum es darüber hinaus bevorzugt arme Schwarze sind, die von weißen Polizisten erschossen werden.

Das Video zeigt einen Ausschnitt einer Szene, aufgenommen mit der Kamera eines Smartphones durch das Gitter eines Zaunes. Ein schwarzer Mann in einem grünen T-Shirt läuft schwerfällig vor einem uniformierten Polizisten davon. Dann kracht es. Insgesamt kracht es achtmal und das in atemlos schneller Folge. Schließlich fällt der Mann im grünen T-Shirt vornüber zu Boden. Der Polizist nähert sich dem am Boden Liegenden, bückt sich und bringt dem tödlich verletzten Mann Handschellen an. Der Polizist, der einen flüchtenden Mann achtmal in den Rücken schoss, lebt in North Carolina in den USA, ist 33 Jahre alt und nun angeklagt wegen Mordes. Der Mann, den seine Flucht das Leben kostete, ist schwarz und wurde 50 Jahre alt. Die genauen Hintergründe dieser tödlichen Begegnung wird ein Gericht in den USA klären, das dann auch zu einem Urteil gelangen wird.

Wenn Bilder so für sich sprechen, dann ist man schnell geneigt, auf beides verzichten zu wollen – Gericht und Gerichtsurteil – in der Annahme, was man gesehen habe, genüge zur Bildung eines eigenen und oft auch kompromisslosen Urteils. Ich habe mir die Videoaufnahmen bewusst angesehen und das mehrfach. Zumindest was die Debatte darüber angeht, ob etwas Derartiges überhaupt öffentlich zu sehen sein darf, habe ich einen ganz klaren Standpunkt und der lautet: Ja! Es handelt sich bei dem Video nicht um Aufnahmen der Polizei oder einer anderen Behörde. Ein zufälliger Zeuge hat diese Bilder gemacht. Zufällige Zeugen werden es wohl in Zukunft noch oft genug sein, die zur Aufklärung von Straftaten beitragen, denn immer mehr Menschen tragen Smartphones mit Kameras bei sich. Menschen, die mit der Kamera auf ein solches Geschehen halten, tun das sicherlich aus unterschiedlichen Motiven. Immer aber gehen sie auch selbst dabei ein Risiko ein, in gefährliche Situationen verwickelt zu werden. Dass Bilder wie diese an die Öffentlichkeit gelangen, das zwingt zu einer lückenlosen Ermittlung und zur öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, denn es kann und es darf hier nichts vertuscht werden.

In einem Interview mit dem Spiegel berichtet die amerikanische Soziologin Alice Goffman von ihren Erfahrungen, als Weiße in einer schwarzen Community in Philadelphia gelebt zu haben. Darin erzählt sie, dass es typisch sei für viele Schwarze davonzurennen, sobald sich in ihrer Nähe Polizei zeige. Sie trügen Strafbefehle mit sich herum, meist wegen Kleinigkeiten wie nicht pünktlich gezahlten Strafgeldern, nicht eingehaltenen Gerichtsterminen, Verstößen gegen Bewährungsauflagen, Verkehrsdelikten. Weil sie wissen, dass sie dafür ins Gefängnis kommen, flüchteten sie vorsorglich. Und zwar auch denn, wenn es – wie im Fall von Walter Scott, dem Mann mit dem grünen T-Shirt – lediglich um nicht bezahlte Alimente gehe. Dass der Polizist ihn wegen eines defekten Rücklichtes angehalten hat, dürfte er ihn seiner Angst vor Konsequenzen aus den offenen Schulden nicht einmal bemerkt haben.
Die Soziologin spricht von 2,3 Millionen aktuell ausgestellten Strafbefehlen, wovon sich die Mehrzahl gegen afroamerikanische Männer richte. Ein großes Problem im Konflikt zwischen in einer Spirale von Armut und Gewalt lebenden schwarzen Bürgern und der Polizei sieht Goffman auch darin, dass „Polizeiarbeit danach bewertet wird, wie viele Leute inhaftiert werden“. Das macht die Polizisten im Grunde zu einer Art „Kopfgeldjäger“, für die Gründe und Ursachen von Vergehen keine Rolle mehr spielen. Diese permanente Furcht inhaftiert zu werden, hat laut Goffman auch noch andere, schwerwiegende Konsequenzen. Weil die schwarzen Bürger jedes Vertrauen verlieren, gehen sie nicht in Krankenhäuser oder zu Ärzten und sie vertrauen oft genug nicht einmal mehr ihren eigenen Familienmitgliedern. Der ärmeren Hälfte der schwarzen Bevölkerung gehe es schlechter als vor 20 oder 30 Jahren.
„On the Run“ – „Auf der Flucht“, so heißt ihr Buch, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, in dem sie sich mit der Kriminalisierung der Armen in Amerika auseinandersetzt.

Ein Bein im Kühlschrank, das andere auf der Herdplatte, der Mittelwert liegt bei 37 Grad – mit Statistiken lässt sich alles beweisen, auch, dass der Großteil der Straftaten in den USA von Schwarzen begangen wird. Es sind eben auch Schwarze, die ungleich öfter im Visier von Polizei und Ermittlungen stehen und es sind auch die Schwarzen, die den Mehrheitsanteil der armen Bevölkerung der USA stellen.

Wenn man sich näher mit diesem komplexen Thema befasst, möchte man ganz bestimmt drei Dinge nicht sein, wenn man in den USA lebt: Schwarz. Und arm. Und bei Lichte betrachtet auch kein Polizist.

Bildschirmfoto 2015-04-23 um 12.06.11Alice Goffman
On the run
Die Kriminalisierung der Armen in Amerika

368 Seiten
sofort lieferbar
erschienen im April 2015
22,95 Euro

Übersetzt von Noemi von Alemann, Gabriele Gockel, Thomas Wollermann
ISBN 978-3-95614-045-7

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

Ein Kommentar

  1. Pingback: Sonntagsleserin April 2015 | buchpost

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