„Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nur sich selbst im Stich!“ Streitgedanken zum Streik. #streik #gdl #DB


Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nur sich selbst im Stich!

 

"Der_Streik"_von_Robert_Koehler

„Der Streik“, Gemälde von Robert Koehler, 1886

„Wir sind hungrig!“, mit diesem Schlachtruf ging der erste schriftlich belegte Streik in die Geschichte ein. Die am Bau der ägyptischen Königsgräber beteiligten Arbeiter riefen 1159 vor Christus einen Streik aus, nachdem sie seit 18 Tagen keinen Lohn in Form von Getreide erhalten hatten. „Hungrig“ das ist bei uns niemand mehr, zumindest nicht dann, wenn man die Anzahl der Streiks insgesamt betrachtet. Das war anders zu einer Zeit, als Gewerkschaften und gewerkschaftliche Vereine noch verboten waren, 1857 zum Beispiel, als in Deutschland 41 mal gestreikt wurde, quer durch alle Branchen und über die so genannten Sozialistengesetze hinweg, mit denen Bismarck Streiks und Lohnforderungen auszuhebeln versuchte, auch wenn bereits erste Maßnahmen zur Sozialgesetzgebung verwirklicht wurden.
Hungrig aber, das war man früher einmal auch in Deutschland. Da gipfelte die Arbeiterbewegung in bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen, im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen im Ruhrbergbau, wo Unternehmer bis dahin jede Form von Kompromiss kategorisch abgelehnt hatten. Tote waren zu beklagen, Verwundete – es wurde blutig niedergeschlagen, was letztlich dazu führte, dass Gewerkschaften und Arbeiterparteien ab 1890 legal auftreten konnten.
Streik – das ist der dauerhaft auftretende Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Es sind die streikenden Arbeiterinnen und Arbeiter, es sind die Gewerkschaften, es ist der unermüdliche Einsatz für mehr soziale Gerechtigkeit, dem die meisten von uns angenehme Arbeitsbedingungen, tariflich und gesetzlich geregelte Sozialeistungen, Kündigungsschutz und angemessene Gehälter verdanken.

„Früher war mehr Streik“, fasst die SZ die Statistik über das vergangene Jahrzehnt zusammen. Aber: Gefühlt wird auf jeden Fall mehr gestreikt als früher, weil öfter Dienstleister wie Lokführer, Flughafenpersonal, Mediziner oder nun die ErzieherInnen für ihre Rechte in den Ausstand gehen. Das, so die SZ, „bekommen wir Bürger eben mehr zu spüren als die Streiks von Fabrikarbeitern“. Privatisierung, Ausgliederung und Tarifflucht sollen den Konzernen eigentlich Kosten sparen, letztlich treffen sie die Unternehmen dann eben an anderer Stelle, wenn nämlich ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen streiken.

„Ein Mann setzt sich etwas in den Kopf“, titelt aktuell die Süddeutsche. Im Artikel stellt die Autorin fest: „Knackpunkt zwischen Bahn und GDL-Chef Weselsky sind die Lokrangierführer. 3.100 arbeiten beim Konzern, gestreikt haben keine hundert. Deswegen behindert ein Gewerkschaftschef den Verkehr für fast eine Woche?“ Und wenn es nur 100 sind, wenn es nur 50 sind – Streiks sind eine Frage von Solidarität den Streikenden gegenüber. Eine andere Frage ist es, inwiefern die GDL sich selbst und anderen kleineren Gewerkschaften einen Bärendienst erweist, indem sie es nun auf die Spitze treibt. Und dabei auch in Kauf nimmt, an Zustimmung und Sympathie in der Öffentlichkeit zu verlieren. Damit ruft sie zudem den Gesetzgeber auf den Plan, was sicherlich auch nicht in ihrem Sinne sein kann.

Wenn gestreikt wird, müssen die „Satten“ dulden, dass die „Hungrigen“ aufbegehren. Vielleicht kann man es auf dieses Solidaritäts-Prinzip herunter brechen und es zum kleinsten, gemeinsamen Nenner machen. Erzieherinnen und Erzieher verdienen nach acht Berufsjahren ganze 2.946 Euro brutto. Dafür nehmen sie berufstätigen Eltern die Kinder und die Verantwortung ab. Gestreikt wird auch in Werkstätten für Behinderte, in der Heilpädagogik, im Sozialdienst, in Jugendzentren, offenen Ganztagsschulen und Heimen für Jugendliche und Kinder. Also überall dort, wo sich Menschen – oft genug aufopfernd – um Menschen kümmern.
Selten wurde über das Thema Streik so oft und so ausgiebig diskutiert, wie aktuell. Das ist gut so. Denn gerade in den sozialen Berufen stimmen Leistung, Ausbildungsanforderungen, Verantwortung und Engagement längst nicht mehr mit dem überein, was die Beschäftigten dafür bezahlt bekommen.

„Vorwärts! Wer im Stich lässt seinesgleichen, lässt ja nur sich selbst im Stich.“
(Aus: Solidaritätslied, Berthold Brecht/Ernst Busch / Musik: Hans Eisler)

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

3 Kommentare

  1. Liebe Heike,

    das Dumme an diesem Bahnstreik ist ja, dass Weselsky sich so herrlich zum Bashen eignet – und das ist heutzutage ja der Lieblingssport von vielen Menschen und Medien.

    Auf Freitag Online könnte man gestern einen sehr erhellenden Beitrag sowohl über das lesen, worum es eigentlich geht, als auch, wie Leitmedien Desinformation betreiben – in diesem Falle das ZDF und vermutlich nicht mal wider besseres Wissen, denn es scheint kein Wissen vorhanden gewesen zu sein, von gründlicher Recherche reden wir da ja gar nicht mehr.

    Hier der wirklich lesenswerte Artikel aus dem Freitag:
    https://www.freitag.de/autoren/niquelouder/das-zdf-erklaert-den-bahnstreik-und-scheitert

    Nach der Lektüre könnte man doch wirklich auf die Idee kommen, dass der Herr von der GDL, der, mit der schlechten Performance, völlig recht hat…

    Liebe Grüsse
    Kai

  2. Soweit ich das verstanden hab, geht es beim Bahn-Streik weniger um Geld, als ums Prinzip. Und beim Kita-Streik macht der Staat sogar noch einen Gewinn. Weil, auch wenn gestreikt wird, die Kita-Gebühren gezahlt werden müssen. Also, alles gar nicht so einfach. ^^

  3. Wenn man die Zahlen hier vergleicht, dann sieht man den Streik schon mit anderen Augen!
    LbG Isi

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