Von der plötzlichen Sympathie für Obdachlose #rassismus #refugeeswelcome #kolumne


800px-Man_sleeping_on_Canadian_sidewalk

Foto: By The Blackbird (Jay Black)

Von der plötzlichen Sympathie für Obdachlose

Neulich musste ich am Hauptbahnhof Hamburg etwa eine Stunde lang auf den nächsten Zug warten. Zeit genug, die Menge Mensch, das Kommen und Gehen, das kulturelle und das soziale Bunt und Durcheinander auf mich wirken zu lassen. In Sichtweite stand ein Straßenverkäufer von Hinz&Kunzt, dem Hamburger Obdachlosen-Magazin, vor der Brust einen Stapel der aktuellen Ausgabe und im Gesicht ein bemühtes Lächeln.

Ich habe sie nicht gezählt, all die, die ihn wortlos beiseite schoben, die ihn weiträumig umgingen, die ihn kopfschüttelnd abwiesen oder die, die ihn einfach achtlos ignorierten. Ein paar Halbstarke rissen einen blöden Witz, irgendeiner mit einer Aktentasche im Arm kanzelte den schweigend lächelnden Verkäufer barsch ab und irgendwann, nach vielen, vielen Passanten – manche nickten auch freundlich und gingen einfach weiter – blieb eine Frau stehen und kaufte ihm eine seiner Zeitungen ab.

Die Treppen hoch und draußen vor dem Bahnhof angelangt, lief ich in eine Demonstration, die mit viel Lärm, Musik und Vuvuzelas auf sich aufmerksam machte. Am Rande der Menschenmenge lag eine Frau auf dem Bordsteinpflaster. Sie lag da, auf die Seite gerollt, die Beine angewinkelt, neben ihr in Tüten ihre paar Habseligkeiten. Die Menschen eilten an ihr vorüber, die einen um ihre Bahn zu erreichen, andere, um in die Stadt zu gelangen. Niemand – absolut niemand – hielt an oder inne, um nach ihr zu sehen. Sie hätte tot sein können, es hat sich niemand dafür interessiert. Für die Passanten schien sie zum Straßenbild zu gehören, wie die Tauben, die man mit dem Fuß weg scheucht.

Es ist nicht lange her, da habe ich in meiner Kolumne darüber geschrieben, dass man den obdachlosen Menschen in Deutschland noch nicht einmal mehr die Pfandflaschen gönnt („Bestimmte Menschen will man hier nicht sehen.“), mit denen viele ihren Lebensunterhalt bestreiten. Weil sie das Stadtbild stören, so wurde offen und ungeniert argumentiert. Man will sie nicht haben. Nicht sehen. Denn: Was man nicht sieht, das existiert auch nicht?
Auch am Flughafen sollten sie sich nicht aufhalten, am Bahnhof nicht und an den Gleisen, dort wo manche von ihnen in Zelten leben, zerstören Vandalen das bisschen, was ihnen geblieben ist.

Neuerdings aber geht ein Ruck durch die Gesellschaft. Wo man sich bislang eher wenig bis gar nicht für die Menschen interessierte, die nichts haben und noch weniger erwarten dürfen, spricht man auf einmal darüber. Auf einmal sind die Obdachlosen, und die sozial Schwachen, die Armen und die Bedürftigen in vieler Munde. Ja, man kann sogar so weit gehen, dass sie scheinbar zu einem zentralen Thema vieler geworden sein müssen. An Stammtischen, in Vereinen, in den sozialen Medien, überall dort, wo sich Menschen Gedanken über die vielen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und anderswo machen, die „unser Land“ nun zu verkraften hat, werden die Armen „unseres Landes“ in der Debatte mit einmal geführt, wie ein glühendes Schwert im „Kampf“ um soziale Gerechtigkeit.
Und nicht nur sie erfahren plötzlich ungeahnte Aufmerksamkeit: Als kürzlich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf die Straßen gingen, die sich um unsere Alten, um unsere Armen, unsere Kranken, um unsere Kinder und um unsere Bedürftigen kümmern, um für ein bisschen mehr Lohn und ein bisschen mehr Fairness zu kämpfen, da war das Geschrei groß und Solidarität mit den Streikenden etwas, worauf die vielfach vergeblich warteten.

Neuerdings aber hörte man überall Töne wie die hier:
„Warum kein Geld für unsere Obdachlosen?“ „Bei uns leben auch viele in Armut und Elend, warum tut ihr für DIESES Pack was und nicht für unsere eigenen armen Leute.“ „Tausende deutsche Obdachlose haben Angst vor dem nächsten Winter.“ „Es gibt unendlich viele deutsche Kinder die in Armut leben !!!!!!!“; Warum helfen Sie deutschen Menschen nicht?“; „Was ist mit unseren KiTas?“; „Wer hilft uns Bauern?“; „Für Pflegepersonal habt ihr kein Geld, aber für DIE schon!“

Es gibt eigentlich kaum eine sozial schwache Gruppe oder eine Berufsgruppe, von der man landläufig weiß, dass sie zu kämpfen hat, die nicht ins Feld geführt wird, um gegen die Solidarität mit Flüchtlingen zu argumentieren.

Nie zuvor hab ich so viel über „Obdachlose“ gelesen, wie in den letzten Wochen. Die ohne Zweifel auch vorhandene Armut in „unserem eigenen Land“ wurde auch noch nie so oft, so ausgiebig und so hinterfotzig missbraucht, wie in diesen Tagen. Und zwar genau von denen, die sich dafür bisher nie näher interessiert haben.

Von den obdachlosen oder sozial schwächeren Menschen, mit denen ich bislang zu tun hatte, würde übrigens jeder eher den letzten Cent eher teilen, als in einem Wettkampf ums eigene Wohlergehen andere im Regen stehen zu lassen.

Hinz&Kunzt, das Hamburger Obdachlosen-Magazin, freut sich übrigens über Spenden unter:

Bei der HASPA
IBAN: DE56 200 505 50 1280 167 873
BIC: HASPDEHHXXX
Bei der GLS-Bank
IBAN: DE67 430609 670040 400 500
BIC: GENODEM1GLS

Sie können auch bei der Caritas, der Heilsarmee oder einer der vielen anderen Organisationen spenden.

Für Flüchtlinge können Sie spenden, z.B. bei der UNO-Flüchtlingshilfe

oder bei einer der vielen anderen Organisationen.

 

Advertisements

Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

Ein Kommentar

  1. Monika Keller-Müller

    einmal mehr auf den Punkt gebracht. Ich hoffe, dass Ihre Gedanken aufrütteln. Noch mehr hoffe ich, dass Ihre Gedanken von allen gelesen werden und dass unser aller Handeln dann ein wenig freundlicher, ein wenig solidarischer wird, allen Menschen gegenüber – nicht nur am Stammtisch und auf facebook.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: