Tschüss Herr Schmidt.


12241428_1168790996468942_2794386910530677803_n

Foto: @knetkowski – danke Karlotta.

Das ist ein sehr trauriger Tag in einer Zeit, die mitzuerleben auch Helmut Schmidt wenig Freude bereitet haben dürfte. Einmal mehr wünschte ich mir Menschen seines Formates dorthin, wo derzeit soviel Wesentliches für unsere Kultur, unsere Zivilisation und unsere Gesellschaft entschieden werden muss – in unsere Bundesregierung.
Denn dort wirken Menschen wie er wie aus der Zeit gefallen und haben denen Platz gemacht, die wankelmütig, ängstlich und zaudernd die Lücke so überdeutlich repräsentieren, die Staatsmänner wie er und wenige andere hinterlassen haben.

Aber ich traure nicht alleine um einen Politiker, sondern auch und ganz besonders um einen Menschen, der mir aus der Ferne sehr sympathisch war, der mir in seiner Geradlinigkeit imponiert und mich mit seinem Wissen und seiner Integrität beeindruckt hat. Und um einen Mann, der als Politiker Fehler beging, zu denen er auch als Mensch stand.

Ich traure um eine Leitfigur, um eine Vaterfigur und um eine Zeit, in der wir uns voranbewegt haben als Gesellschaft. Und nicht rückwärts, so wie heute.

Ich traure um Helmut Schmidt.

Und dass und wie viele Menschen, über alle politischen Lager und auch über die Landesgrenzen hinweg, heute gleich und ähnlich fühlen mögen, das fühlt sich richtig an wie lange nichts.

Ehre, wem sie gebührt.
Tschüss, lieber Herr Schmidt.

 

„Wir dürfen von unserer Demokratie keine Wunder erwarten oder gar verlangen. Sie bleibt mit ihren Schwächen und Unvollkommenheiten behaftet, und es wird auch immer Streit geben. Gleichwohl haben wir Deutschen angesichts unserer katastrophenreichen jüngeren Geschichte allen Grund, mit Zähigkeit an unserer Demokratie und an unserem sozialen Rechtsstaat festzuhalten, sie immer wieder zu erneuern, ihren Feinden aber immer wieder tapfer entgegenzutreten.“

 

 

 

Advertisements

Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

4 Kommentare

  1. Klaus

    Der einzige Mann (Zitat: „Willen muss man haben – und Zigaretten.“) mit in Deutschland uneingeschränkter Raucherlaubnis. Nicht unumstritten als Kanzler – weil geradeaus. Er war ein Mann der Vernunft. Als Hamburger lebte er seine preußische Liebe zu Kant; – er buchstabierte sie in „Verantwortung“ und „Pflichtbewusstsein.“

    Schmidt legte den Finger in die Wunde und war erfrischend unbequem. Ihm war gestattet, was im Plenarsaal oder vor der Kamera rar geworden ist: Ehrlichkeit. Die ist selten populär.

    Ich las deine Kommentare zum Thema „Zuwanderung.“ Was Willy Brandt noch zu Lebzeiten und Helmut Schmidt bis zuletzt hierzu sagten, möchtest du, glaube mir Heike, nicht hören. Würden Schäuble oder de Maiziere sagen, was Schmidt aussprach – er tat es meist aus Rücksicht auf die alte Dame SPD leise: – Du würdest sie ächten. Du tust es bereits. In diesem Punkt bin ich Schmidt näher als dir.

    Helmut Schmidt würde über deine Kommentare zwischen zwei Zigaretten sagen: „Das ist so nicht richtig. – Eindimensional. Ohne Verstand und Sachkenntnis.“ Er wäre höflich und beließe es dabei.

    Deinen höflichen Nachruf würde er einstecken. In die Hosentasche.
    Und sich eine Zigarette anzünden. Eine Letzte …

    Klaus

    • Ich kannte noch einen Mann, der sich dieses Recht nahm. Er ist schon lange tot und war einmal der Herausgeber der Wirtschaftswoche. Es bleibt unvergessen, wie er vor vollem Saal einen Aschenbecher verlangte und ihn auch bekam.
      Würde – würde ist der Konjunktiv.
      Gestern ist gestern. Und heute ist heute.
      Wir können beide nicht mehr befragen.
      Und ich möchte beiden zugestehen, dass sie sich anders zu helfen gewusst hätten, als Menschen auf See und im Stacheldraht verrecken zu lassen.
      Ob die am Ende dann bei uns in Turnhallen gefroren hätten, oder ob sie vielleicht gar nicht erst zu uns hätten kommen müssen, das ist auch Konjunktiv.
      Ich freue mich, dass du mitliest.
      Und ja, der Nachruf ist höflich. Es waren ja 96 Jahre Zeit, anderes zu schreiben. Und am Ende bleibt so etwas wie das Gefühl für den eigenen Großvater, dem man vieles verzeiht (auch, weil man es definitiv nicht beurteilen kann) und den man einfach als Mensch vermisst.

      • Klaus

        HELMUT SCHMIDT – DER ALTE FRITZ – DER IMPERATIV & DIE FEUERWEHR

        Wir – „er und ich“ – nehmen nickend zur Kenntnis: Der Kommentar hat die Zensur passiert. Schmidts Amtsvorgänger, der Alte Fritz, schrieb hierzu 1756 an seinen Sympathicus Voltaire: „Gazetten dürfen, so sie delectieren sollen, nicht genieret werden. Das Flötenspiel des Alten Fritz war besser als sein Deutsch. Übersetzt: Wenn ein Käseblatt gelesen werden soll, müssen die Schmierfinke schreiben dürfen, was sie wollen. Allein: Sie mögen die Kirche im Dorfe lassen.

        Lasse ich „ihn“ sprechen, hat es seinen Grund:
        Erstens: Spricht Schmidt, klingt es glaubhafter. – Quasi notariell.
        Zweitens: Widerspruch bleibt gering.
        Drittens: „Kommt.“

        Helmut Schmidt empfand sich nicht als „Vorbild.“ Gleichwohl: Er wusste, was man an ihm hatte und kokettierte damit.

        Setz‘ dich (Imperativ) und empfange „Drittens.“ Es lautet: Schmidt hat recht.
        Das „was-wäre-wenn“ ist – richtig, Heike – müssig. Stelle Schmidt gern folgende Frage:
        „Was würden Sie anders machen, wenn Sie die Gelegenheit hätten?“
        Seine Antwort lautet:
        „Die Frage ist so nicht richtig. Erstens bin ich tot. Tote antworten nich‘. Zweitens ist die Frage blanker Unsinn.“

        Er sieht mir nach, wenn ich statt seiner für ihn antworte: Ja, „er hätte.“ Er hätte Dinge anders gemacht. Gemeinsam mit seinem Freund in Paris. Und mit anderen. Solchen von gestern. Wenn Sie noch gedurft hätten. Aber das ist … akademisch. Deshalb hat er auch hier Recht. Es ist Unsinn.

        Betrachten wir die globalen Herausforderungen der Welt als eine, um im Schatten Schmidts zu bleiben, große Flutkatastrophe wie weiland 1962 in Hamburg, mit der Notwendigkeit zum Handeln, und lassen einen Mann wie damals Helmut Schmidt heute an seiner Stelle sprechen und – wichtiger – handeln, haben Konkunktiv, Modalverb und überhaupt alles in der Mottenkiste zu bleiben. Mit Ausnahme des Imperativ. Es ist das Superlativ und zugleich simpelste Handwerkszeug. „Machen.“ Wenn bei Sturm das Schiff quer zur See steht, heißt es einfach: „Schotten dicht.“ Ich empfinde, beinahe entschuldigend hinzufügen zu müssen, dass ich bei „Schotten dicht“ NICHT an .. die Flüchtlinge dachte. Dass ich mich jedoch überhaupt bei dem Gedanken ertappe, mich vorab entschuldigen zu müssen, um nicht missverstanden zu werden, trifft den Nagel auf den Kopf.

        Dass Hilfe geboten ist, steht außer Frage. Preußen bot seinerzeit Hugenotten aus Frankreich, Protestanten aus Salzburg und Gott-weiß-wem eine neue Heimat. Namen, wie Fontane und de Maiziere kommen nicht von ungefähr. Preußen wurde 1945 per Dekret aus der Karte gelöscht. Aber der Spiritus ist nicht kleinzukriegen. Die Aufnahme der Menschen, die vor Krieg und Verfolgung Zuflucht vor allem in Deutschland suchen, ist ein Kompliment an Land und Leute, aber – und alles, was vor einem aber steht, kannst du getrost wieder vergessen – ein guter Vorsatz ist schnell ausgesprochen. „Wir schaffen das.“ Schaffen wir das? Ja. Es meint jedoch nicht Itzehoe noch München, weder Berlin noch Paris. Es meint: „Alle.“ Nicht Einzelne.
        Deutschland 2015/16 ist nicht vergleichbar mit Preußen im 18. Jahrhundert.

        Wenn allein in Deutschland pro Tag mehr Menschen die Grenze überschreiten als Polen in den nächsten zwei Jahren insgesamt aufnehmen möchte und auch diese Entscheidung nun wieder in Frage stellt, dann liegt hierin bereits die Antwort. Eine von vielen.

        Und wenn es Menschen gibt, die – wir müssen es so formulieren – sich auszusprechen trauen, was unpopulär wie notwendig ist, werden sie in Onlinehinterzimmern von Sofa-Altruisten mit Fußbodenheizung aufs Übelste verunglimpft, deren Leben nie etwas anderes war als Durchschnitt, und die in ihrem Leben noch nie etwas Bedeutsames geleistet haben; – sie genügten sich vielmehr in der Rolle es besser zu wissen, ohne zugleich zielorientierte Lösungen anzubieten oder wenigstens im Kleinen mit anzupacken. Jämmerlich.

        Die Situation ist, wie sie ist. Es lässt sich kein Knopf drücken, der den Exodus stoppt. Dass er kommt, war eine Frage der Zeit. Was tun? Improvisieren. Bis an die Schmerzgrenze. Die ist noch nicht erreicht. Das, liebe Heike Pohl, liebe Freunde, aber zu wagen, ist riskant und gewiss eines nicht: Ratsam. Die Stimmung kann kippen. Sie wird es. Und wenn in der Vorzeigeschulklasse des Gymnasiums mit einem Mal 5 Schüler sitzen, die kein Wort Deutsch sprechen, sind Lerntempo und Unterrichtsrahmenplan die ersten beiden Sitzenbleiber des neuen Schuljahres. an dieser Stelle sagen, dass wir wissen, wovon wir sprechen: – Der Helmut und ich. Das Spektrum besitzt einen Winkel von 360 Grad. Man werfe den Stein in eine beliebige Richtung. Es ist wie in einem Minenfeld: Es besteht eine herrlich große Chance auf einen Volltreffer, dass uns Hören und Sehen vergeht.

        Was im Vorfeld, vor Jahren schon hätte unternommen werden müssen, unterblieb. Konkret: Vor Ort. Am Brandherd. Genauer: An den Brandherden. Das Konjunktiv ist mit dem Bade ausgeschüttet worden. „Hätte-hätte-Fahrradkette.“ Fragen wir den Steinbrück. Der kennt sich damit. „Konjunktiv ist Scheiße“, denkt der heute und behält es für sich.
        Was tun, wenn’s brennt? 112. Wohin richtet ein ordentlicher Feuerwehrmann den Strahl? Richtig: Auf das Feuer. Was wir hier sehen, ist nur der Qualm. Noch.

        Was notwendig ist, käme auch uns – dem Schmidt und mir – nicht leicht über die Lippen. Maggy Thatcher hätte es gekonnt. Die war ein Kerl.

        „Bodentruppen.“

        Die sog. „IS“ kommen aus dem Mittelalter. Genau so sollen sie behandelt werden. Wie im Mittelalter. Alle.

        Dem „Feuer“ parallel die Nahrung entziehen:
        – Essen
        – Bildung
        – Infrastruktur
        – Technik
        – Hilfe zur Selbsthilfe.

        Elementar: Wenn die Feuerwehr anrückt, muss der Gashahn abgedreht werden. Genauer: Der Geldhahn. Wir sprechen von den Emiraten am persischen Golf. Von dort fließt das Geld wie aus einer Ölquelle. In den Emiraten wird die Voraussetzung für Logistik, Waffentechnik, Medieneinsatz und Recruitment der IS geschaffen. – Was den Nahen Osten betrifft.

        Schaffen wir das? Ja. Aber nicht allein. Gemeinsam. Es sei denn, man bevorzugt das Gegenteil. – Wir sprechen über Geld. Zunächst. Zuerst vom Geld. Dann vom Überleben. Auch das ist eine Frage der Zeit. Die Welt ist zusammen gerückt. Genauer: Sie lernt es gerade. Vielleicht braucht es dazu Blut in europäischen Städten, damit man das begreift. Das ist nicht zynisch gemeint.

        Das unerträgliche Nörgeln wird vielleicht leiser eine simple Frage: – „In welchem Land möchtest du, möchtet ihr leben, wenn ihr euch – mit Blick auf die anderen Länder in z. B. Europa – eines aussuchen dürft?“ Frau Pohl-Müller-Maier-Schmidt?

        Etwa Deutschland?

        Ich auch. Sollten wir bei aller Ungeduld und dem Wunsch nach Perfektion nicht etwas großzügiger mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten umgehen und uns vielmehr darauf besinnen, was OK, was sogar richtig gut ist?

        Jene, die zu Hause auf dem Sofa sitzen und mit Steinen werfen, ohne je von einem 10-Meter-Turm gesprungen zu sein, sollen sich schämen und – Helmut, sag‘ du es: „Sie sollen das Maul halten.“ Da habt ihr es, Leute. „Maul halten.“ Anpacken. Gemotzt wird zu Hause. Auf dem Sofa. Offline. – Oder konstruktiv und ausgewogen.

        „Wasser Marsch.“

        Helmut & Klaus

  2. Er fehlt mir auch! Habe ihn sehr geschätzt und bis heute ihm gern zugehört. Kaliber dieser Art fehlen heute….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: