„Du denkst nie daran, dass es dich treffen könnte.“ Isobel Bowdery, Paris 2015


Isobel Bowdery ist 22 Jahre alt und stammt aus Südafrika. Sie war am vergangenen Freitagabend Gast des Rockkonzertes im Le Bataclan in Paris. Sie hat das Massaker überlebt und auf ihrem Facebook-Account diesen Text auf Englisch veröffentlicht. Ich habe ihn übersetzt und möchte ihn, anstelle der sonst üblichen Kolumne, als eine von vielen Antworten auf die Attentate in Paris verstanden wissen.

Wenn ein Mensch Mut macht und weiterhin an das Gute glaubt, und an uns Menschen, an eine bessere Zukunft – der ein solches Massaker überlebt hat, wie Isobel Bowdery – dann wiegen dessen Worte mehr, als jede Kriegserklärung und jeder andere Versuch, sich dieser Nacht in Worten zu nähern.
Bei Facebook haben diesen Text inzwischen über 2 Millionen Menschen gelesen. Das Original finden Sie auf dem Account von Isobel. (Originaltext) Dort hat sie heute ein Foto veröffentlicht. Es zeigt Menschen in Paris – über ihren Köpfen in großen Buchstaben:
Wir sind nicht ängstlich.

„Du denkst nie daran, dass es dich treffen könnte.

Es war einfach ein Freitagabend bei einem Rock-Konzert. Die Stimmung war so fröhlich und jeder tanzte und lachte. Und dann kamen diese Männer durch den Haupteingang und fingen an, zu schießen. Wir dachten naiver Weise, dass das alles Teil der Show sei.

Es war nicht nur ein terroristischer Angriff – es war ein Massaker.

Unzählige Leute wurden direkt vor mir erschossen. Ströme von Blut flossen über den Boden. Schreie erwachsener Männer, die die Körper ihrer leblosen Freundinnen hielten, erfüllten den Saal. Zukunft zerstört – die Herzen von Familien gebrochen. In einem Augenblick. Unter Schock und alleine tat ich über eine Stunde lang so, als sei ich tot – dabei lag ich zwischen Menschen , die ihre Liebsten bewegungslos daliegen sehen mussten.

Ich hielt meinen Atem an, versuchte mich nicht zu bewegen, nicht zu weinen, diesen Männern nicht die Angst zu zeigen, die sie gerne sehen wollten.

Ich war unglaublich glücklich, überlebt zu haben. Aber so viele haben das nicht geschafft. Unschuldige Menschen, die da aus den genau gleichen Gründen gewesen waren, wie ich: Sie wollten eine fröhliche Freitagnacht verbringen.

Diese Welt ist grausam. Geschehnisse wie dieses zeigen am besten, wie verdorben die Menschen sind. Und die Bilder dieser Männer, die uns wie Geier umkreisten, werden mich für den Rest meines Lebens verfolgen. Die Weise, wie sie sorgfältig zielten, ohne jede Rücksicht auf menschliches Leben.

Es fühlte sich nicht real an. Ich erwartete, dass mir jeden Augenblick jemand sagen würde, dass das nur ein Alptraum sei. Dass ich zu den Überlebenden dieses Horrors gehöre, lässt mich das Licht auf die Helden lenken.
Auf den Mann, der mich mit seinen Worten beruhigte und sein Leben riskierte, um mich zu schützen, während ich anfing zu wimmern. Oder auf das Paar, dessen letzte Worte der Liebe mich an das Gute in der Welt glauben lassen. Oder auf die Polizei, die erfolgreich hunderten Menschen das Leben rettete. Und auf die Fremden, die mich auf der Straße aufgelesen haben und mich während der Dreiviertelstunde trösteten in der ich glaubte, dass der Junge den ich liebe, tot sei. Oder auf den verletzten Mann, den ich versehentlich mit Amaury verwechselte und der mich, als ich meinen Fehler begriff, tröstete und mir sagte, alles würde gut. Obwohl er selbst ganz alleine und verwundet war. Oder auf die Frau, die ihre Türe für die Überlebenden öffnete. Oder auf den Freund, der mich beschützte und mir neue Kleidung kaufte, damit ich nicht das blutverschmierte T-Shirt weiter tragen musste. Oder auf alle unter euch, die mir besorgte Nachrichten schickten, mir Hilfe anboten – ihr alle macht mich glauben, dass diese Welt die Chance hat, eine bessere zu werden. Auf dass so etwas nie wieder passieren kann.

Doch am meisten denke ich an die Menschen, die da drinnen ermordet wurden. An die, die nicht mein Glück hatten, die heute nicht mehr wach werden dürfen und an all den Schmerz ihrer Freunde und Familien. Es tut mir so leid. Da ist nichts, das diesen Schmerz lindern kann. Es ist für mich etwas Besonderes, während ihrer letzten Atemzüge bei ihnen gewesen zu sein. Im festen Glauben ihnen folgen zu müssen, schwöre ich, dass ihre letzten Gedanken nicht diesen „Tieren“ galten, die all das verursacht haben. Sie dachten an die Menschen, die sie liebten.

Als ich im Blut anderer lag und auf die Kugel wartete, die mein 22-jähriges Leben beenden würde, malte ich mir jedes einzelne Gesicht aus, das ich jemals geliebt habe, und ich flüsterte: Ich liebe dich. Immer und immer wieder. Und ich erinnerte mich an die Höhepunkte meines Lebens. Und ich wünschte mir, dass die, die ich liebe, wissen wie sehr ich sie liebe und dass sie –was auch immer mit mir geschehen würde – weiter an das Gute in uns Menschen glauben würden. Und dass sie nicht zulassen, dass diese Männer gewinnen.

Vergangene Nacht wurden die Leben von so vielen für immer verändert und es liegt an uns, bessere Menschen zu sein. Es liegt an uns, unsere Leben so zu leben, wie es sich unschuldigen Opfer dieser Tragöde erträumt haben und wie es sich für sie niemals erfüllen wird.

Ruht in Frieden, ihr Engel. Ihr werdet niemals vergessen sein.“

Sonntag, 15. November 2015

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

Ein Kommentar

  1. Danke für die Übersetzung und für die passende Musik. Mehr möchte ich zu diesem Thema nicht mehr sagen, außer, ich bin unendlich traurig.

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