Tausend Menschen – Zaun an Zaun. Und ein Herz für mich. #welcomerefugees


Paris031

Zeichnung: Mit herzlichem Dank an Jochen Schaudig/Haugrund.

Finn ist jung, knapp zwei Meter groß und trägt Schuhgröße 49. Ziemlich sicher ist, dass er alle Männer um sich herum überragt. Die kommen aus vielen unterschiedlichen Ländern wie Eritrea, Afghanistan, Libanon, Iran, Syrien und anderen Nationen. Und sie leben hier für eine befristete Zeit, gemeinsam mit Frauen und Kindern, in einem großen Camp in Itzehoe in Schleswig-Holstein.

Ich bin hier, weil ich ein Foto gesehen habe, auf dem sich Mustafa, ein Junge aus Afghanistan, über den ersten Schnee seines Lebens freut. Er steht barfuß und in Flipflops neben einem Schneemann vor dem Camp.
In einem Pappkarton trage ich Schuhe in Größe 39 und in meinem Magen macht sich ein flaues Gefühl breit, als ich im Foyer von Camp Prinovis (inzwischen Camp Itzehoe) stehe und darauf warte, dass Finn mich und Imke, die mich begleitet, abholen wird.
In diesem großen Eingangsbereich, in dem bis vor Kurzem noch Besucher und Geschäftsleute der Firma Prinovis willkommen geheißen wurden, kreuzen sich nun die Wege von Menschen aus aller Herren Länder und die des Sicherheitsdienstes, die der vor Ort stationierten Polizisten, die der Mitarbeiter der Johanniter, in deren Händen die Leitung des riesigen Camps liegt.
An die 1.000 Menschen sind hier untergebracht, mehr, als in den meisten Gemeinden ringsum leben. Die alte und riesige Heidelberger Druck erinnert an vergangene Zeiten, die vielen Gerüche, das Stimmengewirr und die emsige Geschäftigkeit in dieser Empfangshalle sind Zeugnis für das, was seit Wochen in den Medien Dauerthema ist:
Tausende Menschen suchen in Deutschland Schutz, sie beantragen Asyl, sie bitten uns um Aufnahme und Hilfe.

Finn führt uns die Treppe hinauf, vorbei an den Duschräumen, vorbei an der riesigen Kantine, vorbei am verwaisten Friseur, über einen langen Flur. Immer wieder kommen uns Menschen entgegen, immer sagen sie freundlich „moin“, „hello“ oder „guten Tag“. Unter ihnen ein kleines Mädchen, vielleicht zwei oder drei Jahre alt, an der Hand eines Mannes. Das Kind bleibt stehen. Die kleinen Arme recken sich mir entgegen, die kleinen Hände reichen mir ein großes rotes Herz. Ich bekomme ein Geschenk, einen Luftballon, und gleichzeitig kaum Luft, weil all das hier mir den Atem nimmt.
Ich schlucke gegen den Kloß im Hals und den Zorn auf alle, die nichts verstehen.

1.000 Menschen – ich darf das sehen – getrennt durch Bauzäune in riesigen Werkhallen, sie leben nah bei nah. Für „Schutz“ sorgt Plastikfolie, Privatsphäre gibt es nicht. Sie schlafen hier, sie leben hier, sie trauern hier, sie hoffen, sie lieben, sie lachen und sie weinen hier.
Und dabei ist alles so ruhig, so unglaublich ruhig, geordnet und klar. Niemand schreit, niemand tut sich hervor. Auf den Gängen spielen Kinder. Sie lachen uns an. Manche laufen mit uns, dann kehren sie um. Finn öffnet eine Tür. In einem riesigen Raum stehen Betten. Hier sind Minderjährige untergebracht, alleine auf der Flucht. Kindliche Erwachsene, erwachsene Kinder – Jugendliche, die keine Jugend haben. Sie hocken auf den Betten, hören Musik. Sie quatschen. Sie langweilen sich. Ich sehe traurige Gesichter, zaghaftes Lächeln – linkisch, unsicher, trotzig.

Camp Itzehoe-1030050

Bauzaun an Bauzaun – Mensch an Mensch.

Polizei und Sicherheitsdienst, Kantine und Frisör – das Camp ist ein Mikrokosmos. Hier der Deutschunterricht, dort die Spielstunde, hier die Kleiderausgabe, da die Ladestation fürs Handy. Das Camp ist Station für maximal drei Monate, dann werden die Menschen verteilt.
Nach Schlüsseln. Auf Städte und Gemeinden.
1.000 Menschen leben hier. Sie haben es gut. Sie haben es so gut, wie man es in einem Camp gut haben kann, in dem 1.000 Menschen eng an eng miteinander leben müssen.
In meinen Händen halte ich ein knallrotes Herz.
Bauch und Beine fühlen sich weich an. So nah wie hier bin ich dem Leben nicht oft.
Und über allem liegt diese seltsame Stille.

Ein paar Tage später wird sie durchbrochen. Die einen gehen auf die anderen los. Polizei wird eingreifen, der Sicherheitsdienst reagieren und danach wird es wieder still.
Hier leben 1.000 Menschen, Zaun an Zaun. Voller Träume, Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen. Mit all ihren Geschichten, ihrem Schmerz, ihren Erinnerungen, ihren Ängsten, Sorgen, ihrem Leid, ihrem Zorn, ihrem Hass, ihrem Hunger auf Leben.

Am Ende dieser großen Runde mache ich ein Foto.
Von Finn. Und von Manuela.
Sie arbeiten hier.
Sie engagieren sich Tag und Nacht.
Sie geben 1.000 Menschen Hoffnung und Perspektive.
Und mir auch.

Camp Itzehoe-1030054

Manuela und Finn arbeiten im Camp. Sie machen Hoffnung, den Flüchtlingen – und mir auch.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

2 Kommentare

  1. Danke für Dein Engagement, Dein Mitfühlen und Mitteilen!

  2. Monika Keller-Müller

    Herzlichen Dank für diesen Bericht. Ich hoffe sehr, dass ganz viele Menschen daruch berührt werden und Abwehr, Angst, Feindseligkeit und sogar Hass immer weniger Chance haben.

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