„Ehrenamt.“ Mein persönliches Wort des Jahres.


Dessen ungeachtet, ob, dass und warum es überhaupt ein „Wort des Jahres“ geben muss, bemüht sich die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. regelmäßig darum, ein solches ins Rampenlicht zu rücken.
Neben Grexit, Je suis Charlie, Schummel-WM und Selfie-Stab hat sich in 2015 ganz besonders der Begriff Flüchtlinge hervorgetan. Man muss kein Mathematiker, kein Zahlenexperte und schon gar kein Wissenschaftler sein, um dem Wort allein nach der Menge seiner Erwähnungen den ersten Rang auf einer insgesamt sehr seltsam zu lesenden Liste einzuräumen. 6.000 Mal, das will ein Journalist des Deutschlandfunk herausgefunden haben, wurde das Wort in den Print-Medien erwähnt. Pro Tag, dachte ich, pro Jahr, meinte der Mann.
Flexitarier, Mogel-Motor, durchwinken und Sektorenliste waren keine echte Konkurrenz für den Begriff, der menschliche Schicksale auf elf Buchstaben reduziert. Nun sind die Flüchtlinge auch noch zum Wort des Jahres geworden. Einen Gefallen hat man ihnen damit vermutlich nicht getan, genau den aber könnte man doch jenen erweisen, ohne die jeder Flüchtling verloren wäre, und wir alle zusammen auch:
Den Freiwilligen, den Ehrenamtlichen, den Helfern, denen, die teilen und geben. Ihre Zeit, ihre Energie, ihre Kraft, ihr Können, ihre Gedanken, ihr Hab und ihr Gut.

33.700.000 Ergebnisse findet die Suchmaschine Google zum Begriff „Flüchtlinge“, 122.000.000 Millionen mal zählt man „Refugees“, die englische Variante. Immerhin auf 4 Millionen bringt es das Ehrenamt, das „der Sache nach ohne Vergütung auskommt“.
Ohne Ehrenamt kann eine Gesellschaft wie die unsre nicht bestehen. Ohne Menschen, die sich für andre einsetzen, wäre alles nichts.
Nicht erst die Flüchtlinge haben diese Erkenntnis gebracht, aber sie haben transparent werden lassen, wie sehr wir alle auf diese feste Größe angewiesen sind.
Millionen Menschen in Vereinsvorständen, Gemeinderäten, als Ratsmitglieder, Schiedsleute und Schöffen, als Betreuer und Patientenfürsprecher, in Betriebs- und Personalräten, Mitarbeitervertretungen und Ausschüssen, im freiwilligen Polizeidienst, als Reservisten, als Delegierte, Vertreter und Referenten, in Kirchen und Pfarrgemeinden, zur Rettung Schiffbrüchiger, als Mitglieder der Hilfsorganisationen, in der Sozialarbeit, der Alten- und der Krankenpflege, der Seelsorge, der Jugendarbeit, im Katastrophenschutz, im Freiwilligen Sozialen Jahr, der Freiwilligen Feuerwehr und unzähligen anderen Organisationen engagieren sich für Sie und für mich. Sie setzen sich ein, sie vertreten unsere Interessen, sie kämpfen für unsere Rechte, machen unser Leben bunt und abwechslungsreich, organisieren und helfen – und all das allzu oft in aller Bescheidenheit, still und ganz ohne Tamtam.
„In der gesamten Tradition des Abendlandes, gleich ob Antike oder Christentum, gehört der individuelle Beitrag zu allgemeinen Wohl unverzichtbar zu einem sinnerfüllten Leben“, heißt es bei Wikipedia.

Mehr als 24 Millionen Menschen folgen dem Ruf ihres Gewissens. Und spätestens nach diesem Jahr dürften es Millionen mehr sein, die an den Stränden der Adria, an Bahnhöfen, in Camps, in den Gemeinden, in Suppenküchen, Kleiderkammern und Amtsstuben unentgeltlich, ehrenamtlich und aus Überzeugung dort helfen, wo man in der Politik versagt, wo man seiner Verantwortung nicht gerecht wird und wo es nicht weniger als eine Frage der Menschlichkeit ist, tätig zu werden.

Mein ganz persönliches Wort des Jahres ist „Ehrenamt“. Und wer gibt, der nimmt im selben Atemzug: Dank, Freude, Glück und das Wissen, Sinn gestiftet zu haben.

Ich bedanke mich von Herzen bei all den Menschen, die helfen. Auch bei denen, von denen ich nichts weiß, die ich nicht persönlich kenne, nie kennenlernen werde und die doch da sind – für mich und alle anderen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes und nun auch für die Menschen, die bei und mit uns leben wollen. Danke!

Ihnen alle frohe Weihnachten, ein gutes, ein gesundes und ein zufriedenes neues Jahr und herzlichen Dank für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit an dieser Stelle.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

3 Kommentare

  1. ehrenamt zählt zu den vielen abgenudelten worten, wo man gar nicht mehr richtig hinhört. dabei duellieren sich hier aufs schönste zwei sehr gegensätzliche positionen: das oberoffiziell-nüchterne amt und die ehre, etwas tun zu dürfen. ein spannendes wort.

    • Ja, ich weiß gar nicht – ist es wirklich so abgenudelt?
      Ich bin ihm bislang eher selten(er) begegnet, vielmehr gefühlt nicht in der Häufigkeit und nicht mit dem Stellenwert, den es eigentlich haben müsste.
      Das wird mir persönlich erst so richtig bewusst, seit ich auf dem Land lebe, wo wirklich deutlich wird, dass ohne Ehrenamt nicht viel geht,
      angefangen bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Vereinen.

      • vielleicht geh ich zu sehr vom klang aus. abgenudelt klingt ein wort für mich dann, wenn ich es lese oder höre, ohne es wirklich wahrzunehmen. von daher sind eine ganze menge worte abgenudelt, besser noch: leer gequasselt. gehört ehrenamt dazu? irgendwie nicht, da hast du recht. es ist nicht leer gequasselt, aber es ist auch kein wort, das mich zum hinhören und mitdenken zwingt. es ist eins von den vielen, ja, ereignislosen worten, die dann stark sind, wenn man einen (wie auch immer gearteten) bezug zu ihnen hat. so meinte ich das. so ungefähr. aber „abgenudelt“ ist trotzdem nicht richtig.

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