Vom Mensch sein. Und vom Mensch bleiben.


Sahid spielt leidenschaftlich gern Fußball. Er ist ein sportlicher Typ, und dass wir im nächsten Dorf einen Fußball-Club haben, freut ihn riesig. Um passende Fußballschuhe haben sich seine neuen deutschen Mannschaftskollegen aus der Altliga gekümmert. Die Hallensaison ist beendet, es geht endlich nach draußen an die Luft. Gestern war Sahid nach dem Training zum Grillen eingeladen. Sehr herzlich – das hatten die Männer betont.

Sahids Sohn Adel zeigt unterdessen im Schachverein, dass die Kinder in seiner Heimat bereits im Kindergarten lernen, wie man Schach spielt. Adel spielt sehr gut. Und er hat Spaß daran, sich mit den anderen Kindern zu messen. Die kommen von überall her. Auch von hier, aus der Marsch. Seine Schwester Samra spielt auch gerne Schach, aber sie zeichnet noch lieber. Oder sie spielt Gitarre. Oder sie kichert mit ihrer besten Freundin Negin um die Wette.

Zwei Teenagermädchen haben immer etwas zu kichern, erzählt Aaina, Samras Mutter. Aaina tanzt gern. Und sie tanzt gut. Zuhause trugen sie zu festlichen Anlässen sehr elegante Kleider. Die Frauen dort legen Wert auf sich, auf ihr Äußeres. In dem Land, in dem Aaina aufgewachsen ist, müssen die Frauen Schleier tragen.

Hier aber dürfen sie einfach schön sein. Und sich frei fühlen.
Das gefällt allen, auch ihren Männern.

An einem Tag, der ihm wie ein Geschenk des Himmels vorkommen muss, traf Sahid seine Freundin aus Kindertagen – Nahideh – wieder. In einer Erstunterkunft für Flüchtlinge. Viele tausend Kilometer entfernt von daheim. Im Norden von Deutschland. Sie hatten sich so viele Jahre nicht gesehen und doch sofort erkannt.
Nun teilen sie nicht nur ihre Erinnerungen miteinander, sondern auch eine ungewisse Zukunft. Denn auch Nahideh ist mit ihrer Familie geflohen.
Zu uns, nach Deutschland.Nahideh ist Schneiderin, sie liebt schicke Kleider, schöne Stoffe, und ihr größter Schatz ist eine Nähmaschine. Die haben ihr Menschen aus dem Dorf geschenkt, die sie gern haben.
Auch Nahideh tanzt gerne. Und sie kocht sehr gut, wie Aaina auch. Überhaupt kochen die Frauen gerne, gut und viel. Reis. Linsengerichte. Hühnchen. Fisch. Salat und Gemüse. Alles schmeckt aromatisch und lecker, nach 1000 und einer Nacht, nach Orient.
Wenn man eingeladen wird, ist man König.
Der Gast ist König bei Sahid und Aaina, bei Shahab und Nahideh.
Mit der Familie, mit ihren Freunden zu essen, das ist Lebensfreude pur.Shahab, Nahidehs Mann, wirkt manchmal traurig. Wie Sahid. Und wie Aaina.
Und auch wie Nahideh. Über alle kommt immer wieder auch Traurigkeit.
Doch das zeigen sie nicht offen. Stattdessen lachen sie viel und gern.
Es sind fröhliche Menschen, sie haben Kraft und Energie, sie wollen ihr zweites Leben aktiv gestalten.
Sie wollen es gut machen.
Für sich.
Und für uns.
Und ganz bestimmt für ihre Familien, die sie in ihrer Heimat zurücklassen mussten.
Für ihre Mütter und für ihre Väter, Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen.

Shahab hat Glück, ja – das kann man schlicht so sagen: Großes Glück. Im Unglück.
Er hat Arbeit gefunden. Keinen Aushilfsjob. Keine Hilfsarbeit. Nein, Shahab macht das, worin er auch zu Hause schon gut gewesen ist. Er mag Autos. Er mag Technik. Er ist klug und geschickt. Und er war zur rechten Zeit am rechten Ort und traf dort auf Menschen, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Shahabs Augen lachen auch dann, wenn er traurig ist, in seinem neuen Glück.Nahideh und Shahab haben zwei Kinder.
Negin, ein Teenagermädchen, der zweite Teil im Kicherduett von weiter oben im Text. Wenn Negin lacht, geht die Sonne auf. Negin loves Gemeinschaftsschule.

She loves playing guitar. She loves dancing Hip-Hop. She loves Hamburg.
She loves her friends.
Ihre Begeisterung ist ansteckend.
Sie ist überwältigt von alledem, was die Kinder in Deutschland dürfen, wenn die Kinder in Deutschland wollen. Ein paar Mal war Negin beim Badminton-Training.
Aber vielleicht spielt sie doch lieber Volleyball? Oder Klavier?
Auch Adel und Samra lieben die Schule.
Alle Kinder lernen fleißig Deutsch in einer DAZ-Klasse. Und nach und nach verlassen sie stundenweise und in einzelnen Fächern die Gemeinschaft der Migrantenkinder, um in ihren eigentlichen Klassen Unterricht zu erhalten.Negins Bruder Shahin studiert. Das heißt, er wird studieren, sobald es seine Sprachkenntnisse zulassen. Shahin will dort anknüpfen, wo ihm in seiner Heimat der Faden aus den Fingern glitt, als die Flucht in ein neues Leben das alte Geschichte werden ließ.
Bis es so weit ist, lernt Shahin Deutsch und Deutsche kennen. Er spielt Volleyball.
Und er ist die Stimme seiner Familie und der Freunde. Shahin übersetzt für alle und alles. Er spricht sehr gut Englisch und ist eine Brücke, ein Bindeglied, über das alle Informationen laufen.
Das ist anstrengend für einen jungen Mann, der gerne einfach lernen möchte.
Und einfach leben will. Und einfach lieben. Und einfach lachen.

Immer, wenn irgendwo darüber debattiert wird, wie, ob und dass wir Flüchtenden helfen, wenn darüber gestritten wird, welches Bildungsniveau, welche Berufsaussichten, welche Integrationschancen diese Menschen haben, und ob wir sie aufnehmen sollen und wenn ja, wie viele, immer, wenn von Obergrenzen die Rede ist, wenn ich lese, was andere zu wissen meinen und zu wissen glauben über Menschen, die sie nicht kennen, immer, wenn tausende Individuen sprachlich auf einen Typus – auf DEN Flüchtling – reduziert werden, dann denke ich an Shahab, an Sahid und an ihre Familien.
An ihre ausgesuchte Höflichkeit.
An ihre beispielhafte Gastfreundschaft.
Ich denke an ihre Freundlichkeit, ihren Stolz, ihren Ehrgeiz.
Ich denke an ihre Ängste, an ihre Träume. An ihren Verlust. An ihren Schmerz.
An ihren Mut. Und an ihre Sorgen.

Immer, wenn sich irgendwo in den tausenden Kommentaren Menschen ereifern, ergeifern, entrüsten und empören, wenn sie beleidigen, hetzen, hassen, ja wenn sie argumentieren FÜR unterlassene Hilfeleistung, FÜR Ignoranz, für Grenzen, Zäune, Stacheldraht und Waffen, dann denke ich an diese beiden wunderbaren Familien.
Die ich kenne. Die ich schätze. Die ich sehr, sehr mag.Ich denke auch an all die Helferinnen und Helfer, an all die Menschen, die Freude schöpfen aus den Begegnungen mit anderen Kulturen. Die Glück empfinden, wenn sie Glück schenken dürfen.

Es mag sein, dass meine Einstellung – von Ablehnung bis hin zur absoluten Abneigung – auf Gegenwehr trifft, und es mag auch sein, dass ich mich in der Debatte als Gesprächspartner erweise, der sich bei diesem Thema als gänzlich unflexibel beweist – es mag auch sein, dass ich selbst den allerbesten Sachargumenten zum Trotz auf dem beharre, wovon ich aufrichtig überzeugt bin. Ja, all das mag sein.Denn: Eines ist vieles, jedoch absolut nicht verhandelbar – und das ist Menschlichkeit.

Kein Grund ist Grund genug, Menschen in Not die Hilfe zu verweigern!

In diesem Sinne wünsche ich
ein frohes Osterfest.

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

3 Kommentare

  1. Monika Keller-Müller

    Wie immer, wunderbar menschlich geschrieben. Wenn das nur mehr Menschen lesen , darüber nachdenken und menschlicher handeln würden. Dann wäre Ostern und Weihnachten zusammen.

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