Manchmal zerfließt die Einsamkeit in Tränen – und löst sich dann in Pasta auf. #schönegeschichten


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Mit Pasta gegen die große Traurigkeit – eine Geschichte aus Italien, gezeichnet von Johannes Esser (esser-grafik.de), aufgeschnappt und nacherzählt von mir

In Appio, einem Arbeiterviertel von Rom, ging es recht lautstark her. Klagen und Schreie waren bis auf die Straße hinunter zu hören. Anwohner riefen die Polizei. Sie konnten nicht einordnen: Handelt es sich da oben im Haus einfach nur um einen Streit? Oder ist da mehr im Spiel und vielleicht sogar Gefahr im Verzug? Zwei Streifenwagen der „fliegenden Staffel“ der Questura di Roma, der römischen Polizei, machten sich auf in den Weg in die Via Appia Nuova.

Doch als die Beamten die Wohnung betraten, aus der der Lärm kam, trafen sie lediglich zwei unendlich traurig wirkende alte Menschen an. Der 94-jährige Michaele und seine 89-jährige Frau Jole saßen weinend in ihrer Stube, und das TV-Gerät lief in Kino-Lautstärke. Ihre Dienstwaffen konnten die Beamten sicher verwahrt in den Holstern lassen.

Die beiden alten Leute seien überwältigt gewesen von Einsamkeit und Verzweiflung, schrieb die italienische Polizei später bei Facebook. Das Paar sei seit 70 Jahren verheiratet, und sie hätten auch nur einander. Im Sommer liege ihr Viertel außerdem wie ausgestorben da. Nur die, die zu arm oder zu alt für Urlaub seien, hielten es in der sommerlichen Hitze hier aus. Alle anderen erfreuten sich der Sonne an den Stränden Italiens.

„Manchmal zerfließt die Einsamkeit in Tränen“, zitierte der SPIEGEL die Polizei. „Manchmal ist es wie ein Sommersturm. Er kommt plötzlich und übermannt einen.“

Eigentlich gab es für die Carabinieri nichts zu tun.
Oder doch?

Die Beamten blieben nämlich noch eine ganze Weile bei Jole und ihrem Michaele. Einer der Männer machte sich in der Küche des Ehepaares auf die Suche nach Lebensmitteln. Hunger hätten sie nicht, behaupteten die beiden zwar. Aber dann kochte die italienische Polizei zwei große Teller Pasta. Und Mann und Frau aßen.
Und irgendwie kam die Welt für ein paar Minuten wieder in Ordnung.
Und weil sie Besuch hatten, und weil Pasta der Seele und dem Bauch gut tut und vielleicht auch, weil sie jetzt wussten, dass sie doch nicht allein sind, habe das alte Paar ein wenig lebendiger gewirkt und auch ein kleines bisschen zufriedener, sagte einer der Polizisten den Zeitungen.

Über 8000 Mails und Briefe an Jole und Michaele haben die Beamten inzwischen erreicht, sogar aus den USA waren welche dabei, weil auch die Washington Post über die Geschichte berichtete.

Also fahren die Beamten noch immer ab und an bei Jole und Michaele vorbei, um ihnen ihre Post zu bringen. Und vielleicht auch um zu sehen, wie es ihnen geht?

 

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Quelle: Screenshot von der Facebookseite der italienischen Polizei in Rom

(Diese Geschichte stand so im SPIEGEL und auch in vielen anderen Zeitungen. Johannes Esser, www.esser-grafik.de hat sie wunderbar in Szene gesetzt.
Ich habe sie aufgeschnappt und nacherzählt.)

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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