Einfach mal was ganz Verrücktes getan werden …


kanal-1030785Tagein und tagaus setzt die Fähre von der Steinburger auf die Dithmarscher und von der Dithmarscher wieder auf die Steinburger Seite über.
Oben, in etwa fünf Metern Höhe, sieht der Steuermann der Fähre über die Autodächer hinweg, steuerbord und backbord Richtung Kiel und Richtung Brunsbüttel.

98,637 Kilometer lang ist der Kanal. Zehn Brücken führen über ihn hinweg, zwei Tunnel unter ihm hindurch. An 14 Fährstellen setzen Fußgänger, Radfahrer, PKW, LKW, Gespanne und landwirtschaftliche Fahrzeuge über.  

11 Meter tief verläuft die Fahrrinne. 162 Meter sind von einem Ufer zum anderen zurückzulegen.

Der Steuermann, ganz oben auf der Fähre, über allen Köpfen und mit Blick auf die Containerriesen, Kreuzfahrer und Sportboote, sollte vor nicht allzu langer Zeit die Hauptfigur in einer meiner Kurzgeschichten sein.
Kurz vor der Rente, hatte ich mir gedacht, packt den Mann die Abenteuerlust. Jahrein, jahraus hatte er sich an die festgelegte Route gehalten, immer aber schwelte das leise Feuer „Fernweh“ in seiner Brust. An einem schönen Sommertag also, kurz vor seinem Abschied, geschah etwas Ungeheuerliches:
Etwa in der Mitte des Nordostseekanals angelangt, drosselte der Käpt’n die Maschine. Er änderte zum ersten Mal in seinem Leben auf dem Kanal den Kurs.
Und hielt zu auf die Schleuse, hinter der offen und weit erst die Elbe und dann die Nordsee liegt.

Weiter als bis zu dieser Stelle bin ich nie gekommen in meiner kurzen Geschichte. Sie sollte eine Metapher auf das Leben werden. Doch irgendwie fehlte es an Schwung beim Schreiben. Aber die Idee, sie blieb:
Einfach mal das Ruder herumreißen, etwas komplett Verrücktes tun, alles riskieren und auf alles pfeifen, was war.

Gestern Nachmittag fuhren wir auf die Fähre. Ich saß am Steuer unseres Kombi, backbord Brunsbüttel und der helle Dampf der Industrieanlagen, steuerbord etwa 95 Kilometer Wasserweg Richtung Kiel.
Gegenüber der Anleger, das Ziel also in Sicht.
Nach ungefähr der Hälfte der Strecke drosselte der Steuermann über mir, hoch oben in seinem Leitstand, die Maschine.
Er änderte den Kurs.
Mitten auf dem Kanal, dort wo sonst Containerriesen ihre Gischtspur durchs Wasser ziehen, saßen wir in unserem Kombi.
Das einzige Auto auf einer Fähre, so schipperten wir Richtung Kiel.

Für das Geschenk des Augenblicks, in dem die Fähre ihre angestammte Spur verließ, sage ich Danke!
Für den Moment den mein Kopf brauchte, um zu begreifen was geschah, sage ich Danke!
Und für die Überraschung und das umwerfende Gefühl, einfach mal etwas komplett Verrücktes getan worden zu sein,
und auf das gepfiffen haben zu können, was richtig erscheint, werde ich dem Steuermann ewig dankbar sein.

Dass wir am Ende nur ein paar hundert Meter vom eigentlichen Weg abwichen, dass wir „nur“ einen kleinen Segler mit Maschinenschaden aufgriffen
und dass wir kaum mehr als 10 Minuten lang auf Abwegen waren, das spielt keine Rolle:

Genial war dieser eine kleine Moment, als die Fähre den Kurs änderte, und ich Teil meiner eigenen Geschichte wurde

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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