Herzensgewissheit. #welcomeleben


Es fühlte sich sehr merkwürdig an, vier fremde Menschen auf dem Flur einer Behörde in Empfang zu nehmen, sie abzuholen und mit ihnen in eine ungewisse Zukunft zu starten. Es war eine Mischung aus Bammel vor der Verantwortung und Scham vor der Scham der Menschen, um die es ging.
Auf dem Weg zur Ausländerbehörde sass ich für Minuten und in Gedanken auf diesem Flur und versuchte mir vorzustellen, wie das sein würde:
Ich säße dort mit meiner Familie. Wir wüssten nur: Jemand kommt uns abholen. Und zu welchem Ort uns diese Person bringen würde.  Wir wüssten, dass wir dort eine Wohnung beziehen und uns ein neues Zuhause einrichten dürften. Aber wir wüssten nicht: Nimmt uns dieses Land auf? Dürfen wir hier bleiben?
Hinter uns läge eine Flucht aus unserer Heimat, an der für immer unser Herz, niemals aber wieder unser Leben hängen würde.
Hinter uns lägen drei Monate in einem riesigen Camp, zusammen mit 1.000 anderen Menschen. Hinter uns lägen Wochen in einem völlig überfüllten Erstaufnahmelager, Leben und Schlafen auf Fluren, in Gängen und übervollen Räumen.

Ich hatte weiche Knie, als ich die Treppen hochstieg im Gebäude der Kreisverwaltung. Ich hatte weiche Knie, als ich in vier Paar dunkle Augen blickte, Hände schüttelte und irgendwie klarzumachen versuchte auf Deutsch-Englisch-Händesprech:
Ich bin die, die euch abholt und die, die euch jetzt in euer neues Leben fährt.


Manchmal trifft man Entscheidungen, die das eigene Leben verändern. Und nirgendwo steht, dass sie sich sofort auch als das zu erkennen geben müssen, was sie sind: Entscheidend. Im Radio sagte jemand, auf der A7 bei Flensburg befänden sich Flüchtlinge. Sie wanderten in einem Tross auf der Autobahn Richtung Dänemark. Mein Kopf schaltete schnell, maß die Entfernung von meinem Schreibtisch zur Bundesautobahn, und alles stand für einen Augenblick lang still.

Das war der Moment, in dem das große Thema „Flüchtlinge“ auch in meinem Leben ganz real angekommen war. Es muss im September 2015 etwa gewesen sein, als ich aus dem Fenster und hunderte Menschen auf ihrem Weg ins Ungewisse laufen sah. Dabei sind es tatsächlich nur Bäume, Felder und Schafe, auf die ich blicke, wenn ich nach draußen schau. Aber diese Menschen waren jetzt da, hier, bei uns im Norden; kaum 100 Kilometer entfernt von mir liefen sie auf einer Straße durch das Land, in dem ich zufrieden lebte.

Ich wusste, dass man sogenannte Ersthelfer sucht in den Gemeinden. Leute, die Geflüchtete abholen, ihnen die wichtigsten Stationen im neuen Leben (Arzt, Apotheke, Rathaus, Discounter und Co.) zeigen und ihnen das Nötigste erklären. „Klar, teilen Sie mich ein. Also wenn Sie niemanden anderen finden, dann mache ich das natürlich!“, so in etwa hatte ich mich in einem Gespräch gegenüber dem Flüchtlingsbeauftragten der Stadt geäussert. Ich wollte einen Artikel schreiben über das großartige Engagement der Menschen auf dem Land.

Beim ersten Anruf war ich schnell genug. Meine Ausrede war so durchschaubar, wie ein fadenscheiniges Bettuch. Und mein schlechtes Gewissen wog schwer. Es ist das eine, davon zu reden und darüber zu schreiben, es ist etwas ganz und gar anderes, den eigenen Hintern zu bewegen und den Schweinhund, der sich behaglich räkelt, auf die Plätze zu verweisen. Beim zweiten Anruf, ein paar Wochen später, war ich zu langsam, zu unentschlossen und zu enttäuscht von mir selbst.
Also sagte ich ja. „Ja klar hole ich jemanden ab. Und ja klar bringe ich sie in ihr neues Zuhause.“

Das war heute vor einem Jahr.
Und natürlich blieb es nicht dabei, die vierköpfige Familie in ihrer neuen Wohnung abgeliefert zu haben. Und natürlich blieb es auch nicht bei der einen Familie und den vier Köpfen.

Ich weiß inzwischen was Taarof bedeutet, dass die Perser ihren Schah lieben, wie man singt, wenn man traurig ist, und dabei fröhlich sein will, was Gastfreundschaft bedeutet, wie sehr sich Menschen über Kleinigkeiten freuen, wie wichtig Sicherheit ist, vier eigene Wände sind, dass man bei uns im Gefängnis landen kann, wenn man eigentlich Schutz sucht, wie teuer eine Brille ist, wenn man nichts besitzt, dass man nichts haben darf, wenn man nichts hat, wie stark Menschen sein können und wie zielstrebig, was Würde bedeutet und wie man sie verliert. Ich war in Ämtern, bei Behörden, sprach mit Sachbearbeitern, Amtsleitern, traf Leute von Hilfsdiensten, war in einem riesigen Camp, habe Fahrräder besorgt, für Führerscheine Daumen gedrückt, nach Wohnungen gesucht, nach Kleidung, nach ein bisschen Behaglichkeit im Nichts.
Ich hab Briefe verfasst, an Abgeordnete geschrieben, seitenweise übersetzt, Anträge ausgefüllt, telefoniert, bis mir die Ohren brannten, Mut gemacht und mir Mut machen lassen. Ich hab meinen Mann und meine Familie genervt, ich hab über sie gestaunt, ich hab Freunde genervt, jeden – ob er wollte oder nicht.
Helft. Bleibt den Menschen zugewandt.

Schaut, sie atmen. Wie du. Wie du und ich.
Ich hab noch nie so oft geflucht und mich auch noch nie so gefreut in unserem Land zu leben, in dem zwar nicht alles ist, wie es sein könnte. In dem aber so viel mehr möglich ist, als bei so vielen Nachbarn um uns herum.
Ich hab so viele so wunderbare Menschen kennengelernt. Sie halfen. Einfach so. Egal ob in München, Hamburg oder Berlin. Oder hier bei uns, auf dem Dorf. Wo sie Platt schnacken und freitags International. Im Café, das sie eingerichtet haben für Flüchtlinge und damit man sich trifft. Ich staune jeden Tag und aus der Ferne über die, die noch so viel mehr tun, als wir hier. Die Menschen aus den Fluten ziehen, Tote bergen und Kindern dabei zu sehen, wie verzweifelt ihre kleinen Seelen Zuflucht vor all dem Wahnsinn suchen. Ich hab in diesem einen Jahr so viele wunderbare Menschen getroffen, wie nicht zuvor.


An den Bahnhöfen steht niemand mehr und klatscht sein beschämt-freundliches Willkommen. Alle sind zurückgekehrt in ihre Leben. Sie alle, wir alle – wir leben nun mit den vielen Menschen, die zu uns kamen. Wir leben mit der Gewissheit, dass mit all den Menschen auch all ihre Probleme zu uns kamen. Wir leben in dem Wissen, dass sich unsere Welt verändert und mit ihr auch wir.

Vor einem Jahr hat mein neues Leben begonnen.
Ich sehe Not, ich sehe Armut, ich sehe Hoffnungslosigkeit und Krieg. Ich sehe Flucht, ich sehe Verzweiflung und ich sehe den Tod.
Und ich sehe hin.
Und zum ersten Mal in meinem Leben kann ich so viel mehr tun,  als betroffen und traurig wegzusehen.

Herzensgewissheit – dafür bin ich dankbar und froh.

 

„Wir haben in diesem Jahr viele neue Freunde gefunden. Welche mit großem Herz und Hilfsbereitschaft und welche die genau das brauchen. Dieses Jahr hat uns geprägt und verändert wie nie zuvor, wir haben erkannt was wirklich wichtig und wie vieles eigentlich unwichtig ist. Wir haben den Sinn des Lebens gefunden, wir haben wirklich gelebt.“ (Gerhard und Gaby Mühlbauer aus Österreich.)

 

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

Ein Kommentar

  1. odenwlderin

    Danke, danke, danke. Mehr ist dem nicht hinzuzufügen.

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