„Dreizehn Jahre war ich, als der Krieg zu Ende ging…“


In diesem Jahr wird es in unserem Land darum gehen, wer in den nächsten vier Jahren die Politik maßgeblich gestaltet und mitbestimmt. Ein wesentliches Thema im Wahlkampf werden die vielen geflüchteten Menschen sein, die Deutschland in den vergangenen 1,5 Jahren aufgenommen hat. Und auch die vielen tausend Menschen, die sich noch immer auf der Flucht befinden, die in anderen europäischen Ländern gegen ihren Willen festgehalten und in Lagern in Griechenland, Serbien, der Türkei, Kroatien und anderswo  mehr schlecht als recht versorgt werden, sie sorgen für eine andauernde emotionalisierte und kontrovers geführte Debatte.

Währenddessen in privat organisierten Netzwerken tausendfach ehrenamtlich, freiwillig, unentgeltlich und aufopfernd aktive Flüchtlingshilfe stattfindet, werden andernorts geflüchtete Menschen pauschal kriminalisiert und zum Ziel von Hass und Hetze. Zwischen den Fronten bemüht sich die Politik nach Kräften, geltendes Asylrecht zu überarbeiten und das – das kann man so zusammenfassen – geschieht eher selten zum Vorteil der Menschen, um die es geht.

Wenn – oftmals nach mehr als eineinhalb Jahren – endlich die Entscheidungen des BAMF, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, vorliegen, dann wird in den dazugehörigen amtlichen Bescheiden in zwei Punkten klar, wie absurd ohnehin bereits ist, was einmal gut und großzügig, human und menschenfreundlich gedacht war – unser Asylrecht:
Ein Recht auf Asyl hat nur, wer NICHT über den Landweg und damit zwangsweise durch Passieren von Drittstaaten nach Deutschland gelangt ist. (Also eigentlich kaum ein Mensch.)
Allen anderen wird – im besten Fall – die Anerkennung als Flüchtling ausgesprochen.

Johanna Pofahl wurde 1931 geboren. Wir haben uns kennengelernt über unsere gemeinsame Arbeit an einem Journal für Seniorinnen und Senioren.
Frau Pofahl schreibt wunderbar, sie hat viel erlebt und viel zu sagen. An anderer Stelle hat die engagierte, alte Dame über ihre eigene Flucht während des Zweiten Weltkrieges berichtet.
„Mit 21 Jahren war ich vollkommen entwurzelt – aber frei!“, schreibt sie und und fasst damit ihre Flucht aus Hinterpommern zusammen.

Hier nimmt sie Stellung zu dem, was aktuell geschieht:
Zum Thema Flucht, den Geflüchteten und unserem Umgang damit.

Ich bedanke mich herzlich dafür, dass ich ihren Text hier auf meinem Blog verwenden und publizieren darf.


Text von
Johanna Pofahl,
Jahrgang 1931:

In diesen Tagen hört und sieht man immer wieder und wieder die Situation der Flüchtlinge und ist erschüttert, wie die Menschen in Europa reagieren – armes Europa!

Haben wir Deutschen eigentlich schon vergessen, wie es vor 71 Jahren war? Damals waren nicht eine Millionen Menschen unterwegs, sondern zwölf Millionen und das im eigenen völlig zerstörten Land und das ohne Hilfe. Auch damals hat es Gegner bei der Bevölkerung gegeben, und die Neuankömmlinge wurden als „Kanaken“ bezeichnet, und heute wird der Islam als störend empfunden.

Der Mensch scheint keine Rolle mehr zu spielen.

Wie war das damals?
Bei der Verteilung hatte jede Region (nach Einwohnerzahl) eine Anzahl von Flüchtlingen unterzubringen. Es gab keine Turnhallen, keine Container und keine Zelte. Die Bevölkerung musste zusammenrücken und einen Teil ihrer Wohnungen hergeben. Eine gute Unterbringung und Eingliederung hat Jahre gedauert.
Keiner hat nach einem halben Jahr gesagt: „Das schaffen wir nicht.“

Es gab ja auch noch kein Fernsehen mit stündlichen Nachrichten, die das Elend der Menschen zeigten, zu Protesten aufriefen, jede angedachte Meinung veröffentlichten und so die Bevölkerung verunsicherten.
Das Einzige das heute anders ist, ist die Sprache. Aber ich denke, wenn jemand alles stehen und liegen lässt, tausende von Kilometern zu Fuß zurücklegt, um dem Krieg zu entfliehen, der wird sich auch bemühen, die neue Sprache zu lernen.

Die negative Einstellung gerade der Osteuropäer gegenüber Flüchtlingen, ist überhaupt nicht zu verstehen. Denn viele Personen dieser Länder waren selbst einmal Flüchtlinge und sind in Deutschland aufgenommen und integriert worden, ohne dass sich jemand beschwert hätte.
Dasselbe gilt auch für Ostdeutsche: Bevor sie demonstrieren, alles in Frage stellen und hassen, sollten sie sich überlegen, wie es ihnen heute gehen würde – ohne Wiedervereinigung!

Wenn jemand selbst flüchten musste, zweimal alles verlor, um dann nach zehn Jahren endlich angekommen zu sein – der kann die Menschen verstehen, die heute diesen Weg einschlagen.

Viele ehrenamtliche Helfer sind ein gutes Beispiel für die Menschlichkeit. Ihre Arbeit ist bewundernswert und sie hat im Ausland ein anderes Bild von Deutschland gezeigt und damit das christliche Abendland würdig vertreten.

 

 

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Über Heike Pohl

ambitionierte quasselstrippe | freie journalistin | fotografin | gedankenspielerin | hobbygärtnerin

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