Der Leopard im Staudengarten

In der Millionenmetropole Mumbai in Indien leben etliche Leoparden mitten unter Menschen.
Die Tiere beanspruchen den Sanjay Gandhi Nationalpark ebenso für sich, wie die etwa 250.000 Inder, die dort leben.
Laut Zeitungsberichten haben es Mensch und Tier geschafft, sich (halbwegs) miteinander zu arrangieren.
Wer sich nachts auf die Straßen begibt, macht mächtig Lärm, um mögliche Angreifer zu verscheuchen. Die Menschen sind angehalten, die Straßen müllfrei zu halten, um die Tiere nicht anzulocken, und Gassen und Wege nicht als Toiletten zu benutzen.
Die indische Großstadt gilt als Musterbeispiel für die Art Naturschutz, die die Bedürfnisse wilder Tiere mit denen der Menschen vereinbart.

„Es wäre übertrieben zu behaupten, dass die Einwohner von Mumbai heute vollkommen harmonisch mit den Leoparden zusammenleben“, betont die Journalistin Laura Höflinger in ihrem Spiegel-Artikel (02/2018) „Nachts wenn die Leoparden kommen“. Aber die Zahl der Opfer habe sich enorm reduziert. Und von wenigen (tödlichen) Angriffen abgesehen, seien es schlimmstenfalls streunende Hunde, die zur Beute werden.

Daran muss ich denken, als ich vor dem reichlich trostlosen Wolfsgehege in einem norddeutschen Wildpark stehe und den Tieren dabei zusehe, wie sie mich beobachten, mich mustern und die ausgetretenen Pfade den Zaun entlang im Trab ablaufen.
Bislang ist in Deutschland kein Mensch durch die Attacke eine Wolfes zu Schaden gekommen und doch hat die Diskussion um den Vormarsch der Tiere bisweilen hysterische Formen angenommen. Ich schaue mir die Wölfe also an, sehe ihr genetisches Erbe, erkenne in ihnen den Ursprung unserer Haushunde und verstehe kaum, warum selbst eingefleischte Hundefreunde übereifrig Abschüsse fordern, obwohl es sich beim Wolf doch um die wild lebenden Vettern ihrer Lieblinge handelt.

Allerdings – ich räume es ein – stelle ich mir auch vor wie es mir ginge, träfe ich beim frühmorgendlichen Füttern meiner Stalltiere oder in meinem Staudengarten beim Fotografieren auf einen Wolf.
So wie jetzt, vis-à-vis, da mich ein älteres Tier direkt und eingehend in Augenschein nimmt.
Bloß halt dann ohne Zaun dazwischen, denke ich.
Wie würde ich reagieren? Hätte ich Angst? Panik?
Würde ich das Tier verscheuchen wollen oder eher mich in Sicherheit bringen wollen?

Im nächsten Gedanken wird aus dem Wolf ein sprungbereiter Leopard und mir klar, dass die Theorie das eine und die Realität etwas ganz anderes sein kann.
Ich habe tatsächlich keine Ahnung, wie es mir mit einem oder gar mehreren Wölfen auf meinem Land gehen würde.
Und ob ich dann auch immer noch schützen oder vielleicht doch eher tot sehen wollte.
Denn eines ist klar: Die größte Gefahr für einen Wolf bin ich und meinesgleichen.
Und sein Lebenswille steht meinem in nichts nach.

In diesem Wildpark leben Hirsche und Rehe, Wölfe, Füchse und Dachse, Marder, Frettchen und Otter, Wildschweine, Eulen und Uhus, ja sogar zwei große, lackschwarz glänzende Kolkraben hinter Gittern und in Volieren. Und mit zunehmendem Alter wächst meine Abneigung gegen diese Art der Zurschaustellung von Tieren.
Und doch ist sie vielleicht ja auch ein notwendiges Übel, sind die Tiere hier ein Bindeglied zwischen der Wildnis, zu der sie eigentlich gehören, und den Kindern und Jugendlichen, der Generation also, die sich morgen und in Zukunft um ihren Schutz und Erhalt bemühen soll und muss?

Mit diesem tröstlichen Gedanken ändert sich meine Perspektive auf die Tiere hinter Draht. Ich sehe große Hirsche, die sich mühelos und elegant durch Wälder bewegen, Otter, die in Flussauen nach Fischen jagen, zwei große, schwarze und wunderschöne Raben, deren markante Rufe weiter übers Feld hallen. Ich sehe Sauen, die den Waldboden mit ihren Rüsseln beackern und ihre Frischlinge mit sich führen. Ich sehe wild lebende Tiere, die auf eine merkwürdige Weise ihre Freiheit der Hirschkuh verdanken, die jetzt gerade so ausgiebig das Salz von meinen Fingern leckt.

Und ein Quäntchen Hoffnung für Isegrim, den Wolf, ja das sehe ich auch.
Was den Indern mit dem Leopard gelingt, das müsste doch auch hier mit dem Wolf zu schaffen sein?

Also mache ich jetzt jedes Mal mächtig Lärm, bevor ich im Dunkeln zu meinen Tieren in die Ställe gehe.
Und hinterm Haus und in der Hocke sah man mich auch sonst nie sitzen.

Fotos: Wildpark in Schleswig-Holstein

3 Comments on “Der Leopard im Staudengarten

  1. Als Kind habe ich gerne Zoos und Wildparks besucht, weil ich Tiere liebe. Jetzt mache ich aus diesem Grund solche Besuche nicht mehr, es stimmt mich traurig, die Tiere hinter Gittern zu sehen.
    Seit einem 3/4 Jahr lebe ich im Land der Wölfe, der Lüneburger Heide, direkt am Sperrgebiet von Rheinmetall, wo es in dem großen Naturschutzgebiet verhältnismäßig viele Wölfe gibt, bisher habe ich noch keinen getroffen. Aber ich bin dicht am Geschehen und habe mir noch kein endgültiges Urteil gebildet, falls ich das überhaupt jemals machen werde. Ich sehe die Sicht der Schäfer, der Jäger, der Tierschützer, …… und wenn ich im Dunkeln mit meinen Hunden durch den Wald gehe, habe ich ein wenig Angst, nicht um mich, mehr um die Hunde, weil es sein kann, dass er sie angreift. Eine hitzige Diskussion, die hoffentlich trotzdem zu einer fairen Lösung führt.
    Lieben Gruß Marlies

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    • Ja, emotionales Thema – der Wolf. Mich stört am meisten, dass wir in anderen Ländern genau wissen, wie Natur und Tiere zu schützen sind. Wir echauffieren uns, wenn Afrikaner und Inder Elefanten aus ihren Dörfern vertreiben, wir setzen uns für Wildkatzen ein und für Bären in den Alpen, aber wenn hier ein paar Wölfe durch die Wälder streifen, dann setzen wir gleich ganz andere Maßstäbe an. Ich denke, dass ohnehin unzählige Tiere ohne viel Aufhebens heimlich getötet werden.
      Nicht lange her, da haben private Personen in Dithmarschen an den Deichen einen Wolf gefilmt mit dem handy. Danach war nie wieder die Rede von dem Tier. Sie werden bestenfalls überfahren gemeldet und die meisten vermutlich einfach irgendwo verscharrt. 😦

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      • Ich denke, dass ist doch in allen Dingen so.
        Flüchtlinge willkommen, aber bitte doch keine Unterkunft in meiner Nähe. Ich will schnell über die Autobahn zur Arbeit, aber bitte nicht in meiner Nähe buddeln……
        Und das so einiges klamm heimlich geschieht, kann ich mir auch gut vorstellen, wobei ich in meiner direkten Umgebung meist ein recht sensibles Umgehen mit dem Thema beobachte.

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